Attraktivität von Politikern Schön gewählt

Ist Schönheit wichtiger als Kompetenz? Das Aussehen von Politikern spielt laut einer Studie eine große Rolle. Forscher sagen: Wer attraktiv ist, hat bessere Chancen beim Wähler.

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Von Selina Bettendorf


Christian Lindner, 39, hat die FDP zurück in den Bundestag geführt. Das könnte an den Positionen der Liberalen liegen. Oder an den rhetorischen Fähigkeiten ihres Spitzenkandidaten, an dessen hartnäckiger Selbstinszenierung. Vielleicht ist es aber auch so: Lindner sieht einfach nur gut aus. Und darum wählen ihn die Menschen.

Eine Studie besagt jedenfalls, dass attraktive Politiker mehr Erfolg bei Wahlen haben. Und die Bedeutung der Attraktivität ist demnach sogar viel größer, als man vermuten würde.

Ein Forscherteam der Heinrich-Heine-Universität um den Soziologen Ulrich Rosar will herausgefunden haben, dass das Aussehen die zweitwichtigste Personeneigenschaft ist, wenn es um Wahlerfolge geht. Wichtiger sei lediglich noch der Bekanntheitsgrad der Politiker. Erst an dritter Stelle komme die Kompetenz des Kandidaten. Im Extremfall, so sagen die Wissenschaftler, könne ein sehr attraktiver Kandidat fünf Prozentpunkte mehr bei den Erststimmen gewinnen und bis zu drei Punkte bei den Zweitstimmen.

Wohlgemerkt: Es geht um die Eigenschaften der Personen. Der allerwichtigste Faktor bei der Wahlentscheidung sei immer noch die Parteizugehörigkeit. Nur weil ein Kandidat gut aussieht, wählt ein CSU-Anhänger also noch keinen Linken.

Wagenknecht und Lindner bei Spitzenpolitikern vorn

Rosar beschäftigt sich seit 2002 mit den Attraktivitätswerten von Bundestagskandidaten und vergleicht diese mit deren Wahlerfolgen. Für die Wahl 2017 wurden insgesamt 1779 Spitzen- und Wahlkreiskandidaten untersucht. Dazu bekamen zwei Testgruppen mit jeweils zwölf weiblichen und zwölf männlichen Probanden Fotos der Politiker vorgelegt. Die Testpersonen bewerteten die Bilder mit 0 für unattraktiv bis 6 für sehr attraktiv.

Das Ergebnis: Unter den Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien ist Linken-Frau Sahra Wagenknecht, 48, mit 4,08 Punkten die attraktivste Politikerin. Christian Lindner erreicht als zweiter nur noch 3,43 Punkte, ist aber der attraktivste Mann. Auf Platz drei folgt AfD-Fraktionschefin Alice Weidel, 38 (3,25 Punkte).

Eher schwach schneiden der 62-jährige SPD-Chef Martin Schulz (1,67 Punkte) und die 63-jährige Kanzlerin Angela Merkel (1,04 Punkte) ab. Bei Merkel sind offenbar die enorme Popularität und die ihr zugesprochene Kompetenz wichtiger für die Wahlentscheidung. Am Ende der Liste der Spitzenkandidaten: der 76-jährige AfD-Politiker Alexander Gauland.

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Schönheit in der Politik: Attraktiv und erfolgreich?

Bundesweit gesehen liegen Wagenknecht und Lindner aber nicht ganz vorne. Die Linken-Politikerin rangiert unter 486 Kandidatinnen auf Platz 52, Linder ist immerhin 30. von 1293 männlichen Bewerbern. Der attraktivste Mann unter den Kandidaten war laut der Studie der AfD-Politiker Jan Ralf Nolte, 29, (AfD) aus dem hessischen Waldeck. Die schönste Kandidatin trat für die Linke im Wahlkreis Dortmund II an: die 19-Jährige Celine Erlenhofer.

Schönheit sichert aber keinen Sitz im Bundestag: Erlenhofer holte 8,6 Prozent der Erststimmen, schaffte es aber auch über die Landesliste nicht ins Parlament. Nolte hatte als Direktkandidat ebenfalls keine Chance, zog aber in den Bundestag ein. Die Auswertungen ergaben, dass Männer unter den Direktkandidaten tendenziell niedrigere Attraktivitätswerte als Frauen haben.

Politologe kritisiert Studie

Der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer sieht die Studie der Düsseldorfer Forscher kritisch. Bei Wahlentscheidungen spiele die Attraktivität nur eine begrenzte Rolle, sagte Niedermayer der Nachrichtenagentur dpa. Die persönliche Sympathie für einen Kandidaten stehe laut Wahlforschung nur an vierter Stelle, so der Politologe - nach Sachkompetenz, Glaubwürdigkeit und Führungsqualität.

Außerdem vergäben die meisten Wähler Erst- und Zweitstimme an dieselbe Partei. Würden die Stimmen gesplittet, dann nicht, weil ein Kandidat so schön sei, sondern weil der Wähler taktisch wähle und seine Stimme nicht an einen aussichtslosen Kandidaten verschenken wolle.

Rosar dagegen verweist auf die abnehmende Bedeutung großer gesellschaftlicher Konflikte: "Wahlentscheidungen werden häufiger kurzfristig getroffen, bei gleichzeitiger Zunahme der Wechselbereitschaft der Wählerinnen und Wähler." Er behauptet, dass Bürger sich wegen mangelnder Informationen oder Kompetenzen in schwierigen politischen Fragen von der Attraktivität der Kandidaten beeinflussen ließen und eher danach gehen, wie sympathisch jemand ist.

Aber ist eine kleine Gruppe von nur 24 Testpersonen überhaupt eine gute Grundlage, um daraus allgemeingültige Schlüsse abzuleiten? Nach Darstellung der Düsseldorfer Wissenschaftler ist das kein Problem: Es gebe einen "Attraktivitätskonsens". "Wir wären uns alle einig, dass George Clooney deutlich besser aussieht als Woody Allen", sagte Rosar bei der Vorstellung der Studie.



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