Sturmgewehr-Affäre Heckler & Koch durfte offenbar G36 selbst mit Amtssiegel versehen

Bei der Qualitätskontrolle des G36-Gewehrs der Bundeswehr wurde offenbar gegen Vorschriften verstoßen: Interne Dokumente deuten nach SPIEGEL-Informationen darauf hin, dass Heckler & Koch die amtliche Prüfung der Waffe selbst durchführte.

G36-Sturmgewehr: Kumpanei zwischen Hersteller und Behörde
DPA

G36-Sturmgewehr: Kumpanei zwischen Hersteller und Behörde


In der Affäre um das Bundeswehr-Sturmgewehr G36 legen interne Dokumente des ehemaligen Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) den Verdacht nahe, dass BWB-Beamte und Mitarbeiter der Waffenschmiede Heckler & Koch bei der Qualitätskontrolle des Problemgewehrs G36 über Jahre Vorschriften missachtet haben. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Im Dezember 2006 meldete nach SPIEGEL-Informationen ein Ingenieur des BWB-Bereichs "Qualitätssicherung Waffen" der BWB-Spitze, Heckler & Koch verfüge im Werk - gegen alle Vorschriften - über eine Lasersoftware mit dem amtlichen Prüfsiegel, mit dem das Unternehmen seine Waffen selbst als amtlich geprüft markieren könne. Die Firma führe somit "diese ,hoheitliche Maßnahme' mit eigenen nachgemachten Siegeln" aus. Die permanente Anwesenheit eines BWB-Mitarbeiters sei "nach den Ausführungen" der Güteprüfstelle Oberndorf "aufgrund der vertrauensvollen Zusammenarbeit" mit Heckler & Koch "entbehrlich".

Im März 2007 antwortete die Dienstaufsicht des BWB, die die eigentümliche Kumpanei "eingehend" geprüft hatte: Infolge der Beschwerde seien "geeignete Maßnahmen eingeleitet" worden, "die eine der geltenden Vorschriftenlage entsprechen Kennzeichnung von Waffen gewährleisten". Im Klartext: Bis 2007 war dies offenbar nicht der Fall.

Heckler & Koch wollte zu den Vorwürfen nicht konkret Stellung nehmen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, den Fragen des SPIEGEL werde im Rahmen der Arbeit der externen Sachverständigenkommissionen "penibel nachgegangen".

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gerät in der Affäre inzwischen selbst unter Druck. Nach SPIEGEL-Informationen erhielt ihr Haus bereits im April 2014 einen ersten Entwurf eines Bundesrechnungshof-Berichts, in dem die Prüfer die Tauglichkeit des G36 in Zweifel ziehen. Von der Leyen behauptete noch im Mai 2014 vor einem Parlamentsausschuss, es lägen keine neuen Erkenntnisse zu den Problemen des Gewehrs vor.

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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
vonschnitzler 18.04.2015
1. lausige Berichterstattung
Der Bericht enthielt ja auch keine neuen Erkenntnisse. Dass so eine Knarre heiss wird, wenn man über 200 Schuss am Stück abfeuert ist ungefähr so interessant wie die Aussage, dass ein Automotor überhitzt wenn man eine halbe Stunde im ersten Gang Vollgas fährt.
stauner 18.04.2015
2. Dranbleiben
Ihr solltet an dem Thema dranbleiben! Ich fürchte, der Sumpf, der sich da zwischen Regierung und Waffen-Industrie in Deutschland ausgebreitet hat, ist tiefer und stinkender als wir uns alle das vorstellen.
guenther2009 18.04.2015
3. Wir sind doch
ein Industrieland.Viele Politiker meinen, um unser Steuergeld sollen doch die Reichen reicher werden.Wir sind nur das dumme Stimmvieh. Ich würde gerne wissen wer im Verteitigungsministerium die Hand aufgehalten hat. In den viel gescholtenen USA würde soetwas zu einem Senatverhör führen, öffentlich. Aber bei uns........
andihh75 18.04.2015
4.
KRASS! Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen! Bin gespannt was noch so alles ans Licht kommt und kann den Zeitpunkt kaum erwarten wann das Volk hoffentlich "zu verstehen"beginnt und sich gegen die selbstgefällige und viel zu einflussreiche Industrie/Wirtschaft aufzulehnen beginnt! Die großen und vermeintlich wichtigen Unternehmen meinen z.T.sich alles erlauben zu können, wie dieser Fall zeigt, glaube ich!
Kunerich 18.04.2015
5. Mehr von allem
Der Regierungsapparat wird immer größer. Es gibt immer mehr Abgeordnete und deren Mitarbeiter. Trotzdem "müssen" immer öfter Lobbyisten oder Rechtsanwalts-Kanzleien an Gesetzen mitschreiben. Da passt es doch ins Bild, dass Heckler & Koch sich selbst ein Amtssiegel versehen durfte. Was vermutlich kein Einzelfall ist. Als Bürger stellt man sich dabei die Frage, was diese Regierung denn noch eigenverantwortlich macht. Wenn es um Gesetze geht, ist ja inzwischen auch (angeblich) überall nur noch Europa zuständig....
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