Stuttgart 21 Grube setzt auf Entweder-oder-Strategie

Es ist eine Kampfansage an Stuttgart-21-Gegner. Bahn-Chef Grube hat einen Baustopp kategorisch ausgeschlossen. Bei einer Podiumsdiskussion verteidigte er das Projekt leidenschaftlich - und machte klar, dass es für ihn keinen Kompromiss gibt: "Es geht nur um ein Ja oder Nein".

Von , Stuttgart

dapd

Dann haben sie ihm doch noch das Mikrofon gegeben. Klaus Steinke, Unternehmer aus Stuttgart, tritt vor das Podium und sagt: "Ich möchte dem Eindruck entgegenwirken, dass alle Unternehmer für Stuttgart 21 sind." Ein Murren geht durch die Menge im Mozartsaal, auf den hinteren Rängen klatschen einige wenige wild.

Bahn-Chef Rüdiger Grube streckt den Rücken durch. Steinke trägt einen weinroten Schal mit Paisleymuster um den Hals, eine randlose Brille und am Revers den grünen "Oben bleiben"-Anstecker, der ihn als Gegner des umstrittenen Bahnprojekts identifiziert.

Überhaupt genügt an diesem Montagabend in der Stuttgarter Liederhalle ein Blick auf die Revers der dunklen Anzüge, um zu wissen, welches Ziel diese Veranstaltung hat. Schon an der Garderobe liegen die "Für S21"-Buttons parat, manche Kostümträgerinnen im Saal haben die lilafarbene "Frauen für S21"-Variante gewählt oder die mit dem roten Herz.

"Es gibt kein Dazwischen", sagt Rüdiger Grube. Er trägt ein silbernes DB-Logo am Jackett. "Es geht nur um ein Ja oder Nein."

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) der Region Stuttgart hat zur Fragestunde mit dem Bahn-Chef eingeladen, rund 750 Gäste waren akkreditiert, darunter viele Mittelständler, treue Mitglieder, die überwiegende Mehrheit davon erklärte Befürworter des milliardenschweren Infrastrukturprojekts. Für die versammelten schwäbischen Markführer unter ihnen, die "Hidden Champions" der Dübel-, Schrauben- oder Elektrometall-Branche, ist die Tieferlegung des alten Bahnhofs ein "Standortfaktor" und "einmaliges Generationenprojekt".

Die Nachricht des Abends wird daher mit Applaus begrüßt: Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, lehnt einen Baustopp für das Bahnprojekt Stuttgart 21 kategorisch ab - auch für die Zeit möglicher Schlichtungsgespräche: "Es kann und darf keinen Bau- und Vergabestopp geben."

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Stuttgart 21: Ein Bahnhof wird tiefergelegt
Normalerweise finden solche Diskussionsabende in der Stuttgarter IHK-Geschäftsstelle statt. Normalerweise stehen dort keine misstrauischen Sicherheitsleute mit Walkie-Talkies am Eingang. Normalerweise gilt eine fristgerechte Anmeldung automatisch als Eintrittskarte. Doch die Zahl der Interessenten überstieg schon kurz nach Bekanntgabe des Termins mit Grube vor wenigen Wochen die gewohnten Kapazitäten. "Ja, das ist schon außergewöhnlich", sagt Bernd Engelhardt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, "normalerweise müssen wir niemanden abweisen."

Aber was ist schon normal in diesen Tagen in Stuttgart. Seit Wochen demonstrieren Zehntausende in der Stadt gegen das milliardenschwere Bahnprojekt, fordern ein Moratorium und den Rücktritt von Ministerpräsident Stefan Mappus. Und so wurde die Runde mit Grube kurzerhand in die Liederhalle verlegt. Hier hat schon so mancher Schlagerstar gastiert. Nebenan im Beethoven-Saal spielt an diesem Abend das Stuttgarter Staatsorchester Brahms. Von draußen ertönt gedämpft das Vuvuzela- und Trillerpfeifen-Konzert der Gegner.

Ein leidenschaftlicher Bahn-Chef

Was dem Stuttgarter "Vogel Strauß"-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster fehlt, was CDU-Landesvater Mappus über Wochen zu vermitteln versäumt hat, Konzernchef Grube schenkt es seinen Zuhörern: Leidenschaft. In einer sachlichen, aber mitreißenden Tour de Force reitet Grube ohne Punkt und Komma durch die S-21-Themenpalette.

Gleisverlegungen, Grundwasser, Gipskeuper. Grubes Arme sind ausgebreitet, seine Finger greifen in die Luft, als würde er die Tunnelröhren durch den Stuttgarter Untergrund am liebsten eigenhändig graben.

Taktzeiten, Kostenplanungen, Kannibalisierungsängste. "Kommen wir eigentlich noch zum Thema Europa?", fragt er den Moderator in einer Atempause.

Fakten, Fakten, Fakten. Am Ende greift Grube erschöpft zum Wasserglas, seine Botschaft: Ich stelle mich jeder Frage. "Es ist immer schwerer, dafür zu sein als dagegen."

Grube will Geißler-Schlichtung unterstützen

Die Schlichtungsgespräche, die der ehemalige CDU-Generalsekretär und heutige Attac-Aktivist Heiner Geißler moderieren soll, nennt Grube "einen längst überfälligen Dialog". Er gibt sich sichtlich Mühe, trotz aller Aufregung den zarten politischen Waffenstillstand in Stuttgart nicht unnötig zu torpedieren. Es gelingt ihm nicht immer. Denn auch wenn die Befürworter des Projekts nicht zur Sirene oder dem Topfdeckel greifen, das Thema Stuttgart 21 ist auch auf ihrer Seite längst so emotional wie eine Achterbahnfahrt.

Daher nutzt Grube seinen Auftritt vor allem, um klarzustellen, "dass ich als Vorstandsvorsitzender gar nicht alles machen darf, was die Gegner von mir fordern". So könne er beispielsweise kein laufendes Ausschreibungsverfahren unterbrechen oder mittendrin alle Zahlen öffentlich machen. "Da freuen sich natürlich alle beteiligten Bewerber", die Geschäftsleute im Mozartsaal grinsen, als Grube weiterspricht, "aber ich mache mich strafbar". Doch auch wenn Grube, zum Beispiel in Sachen Grundwasserregulierung, auf stur stellt - "vier Wochen Baustopp kosten rund zehn Millionen Euro" - will er die Geißler-Gespräche unterstützen.

"Wir haben keine Geheimnisse"

Alle Fakten müssten nun strukturiert durchdekliniert werden, findet der Bahn-Chef. "Wir haben keine Geheimnisse vor Herrn Geißler", erklärt Grube. Er schlägt vor, dem unparteiischen Schlichter einen von beiden Seiten akzeptierten Wirtschaftsprüfer an die Seite zu stellen. "Der soll eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben, und dann setzen wir ihn in ein Zimmer und legen alle Papiere vor ihm offen auf den Tisch. Dann soll er sein fachkundiges Urteil über die Wirtschaftlichkeitsrechnung dieses Projekts fällen."

Grube gibt sich überzeugt davon, dass sich Stuttgart 21 selbst bei einem Kostenaufwand jenseits der politischen "Sollbruchstelle" von 4,5 Milliarden Euro "rechnet": "Ich versichere Ihnen, und da bin ich viel zu sehr Cent-Fuchser, es rechnet sich sogar bis zu 4,8 Milliarden." Die Planungen zum jetzigen Zeitpunkt zu stoppen, sei überhaupt keine Alternative: "Das Geld ist projektgebunden. Wenn Stuttgart es nicht nimmt, landet es irgendwo bei Herrn Schäuble im Bermudadreieck."

Aus dem Kampf der Zahlen, den Grube seit Monaten, seit Jahren kämpft, ist längst ein Kampf um Glaubwürdigkeit geworden. Zwischendurch, wenn er den Moderator herausfordernd ansieht, gewinnt man den Eindruck, er würde statt zustimmendem Applaus gerne noch ein paar Widerworte hören.

"Ein zweites Stuttgart 21 wird es mit mir als Bahn-Chef nicht noch einmal geben", ruft Grube in den Saal, als wende er sich an die Protestierenden vor der Tür, "wir können nichts mehr ohne den Willen der Bürger machen - aber wir werden es nie allen recht machen können".

Dann tritt doch noch der Unternehmer Klaus Steinke nach vorne. Grube wirkt begeistert. Laut einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage sind 46 Prozent der Baden-Württemberger grundsätzlich für das Bahnprojekt, 43 Prozent sprechen sich dagegen aus.

Steinke, zusammen mit 130 Unternehmern aus Stuttgart und der Region, hat vor wenigen Tagen die Initiative "Unternehmer gegen Stuttgart 21" gegründet. Er plädiert für die Kopfbahnhof-Alternative. "Unternehmerische Verantwortung und Lebensqualität stehen für uns vor Profitgier und Spekulationsgeschäften", heißt es in der Mitteilung, die Steinke später verteilt. "Prestigeprojekte, die gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung nur mit Hilfe brutaler Polizeieinsätze durchgesetzt werden können, lehnen wir ab."

Im Foyer der Liederhalle vermischen sich Klavierklänge mit Trillerpfeifen. Ein Mann mit "Für S21"-Button am Revers stellt sich zu "Oben bleiben"-Steinke und nimmt ihm einen Zettel aus der Hand: "Und was müssen wir tun, damit wir auch Sie für dieses tolle Projekt begeistern können?"



Forum - S21 - kann die Schlichtung gelingen?
insgesamt 1514 Beiträge
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Seite 1
ewspapst 12.10.2010
1. Nachdenken
Zitat von sysopDie Gegner des Milliardenprojekts wollen nur verhandeln, wenn es einen zeitweiligen Baustopp gibt. Doch Bahn-Chef Grube lehnt das ab. Heiner Geißler soll zwischen beiden Seiten schlichten - kann ihm das gelingen?
Kann mir jemand erklären was es da zu verhandeln gibt. Wenn Gruber ablehnt, den Bau zu stoppen, muss die andere Seite doch in ihren Handlungen weiter machen.
siedler09 12.10.2010
2. Schlichtung
Zitat von sysopDie Gegner des Milliardenprojekts wollen nur verhandeln, wenn es einen zeitweiligen Baustopp gibt. Doch Bahn-Chef Grube lehnt das ab. Heiner Geißler soll zwischen beiden Seiten schlichten - kann ihm das gelingen?
Wenn ich Mappus oder Grube wäre, würde ich es genau so machen. Schnell Fakten schaffen bevor ich im März eventuell abgewählt werde. Mutti habe ich ja hinter mir...
adam68161 12.10.2010
3. Grube hat nichts verstanden...
Das Verhalten von Grube zeigt, dass er absolut nichts verstanden hat. Ein neuer Bahnhof kann allenfalls in der übernächsten Legislaturperiode gebaut werden - wenn es bis dahin gelingt, die unschlüssigen, ängstlichen Projektgegner durch Aufklärung zu überzeugen und die Wähler der bis dahin regierenden grün-roten Koalition zurückzugewinnen. Der jetzige Kurs führt ins Nirwana.
Rainer Daeschler, 12.10.2010
4. Placebo
Heiner Geißler wurde nicht zum Schlichten geholt, sondern um hinterher sagen zu können: "*Wir* haben uns bemüht, unversöhnlich waren die anderen". Wobei ich glaube, dass Geißler selber die Absicht hat, diese Aufgabe auch ernsthaft durchzuführen, was erklären würde, warum er gelegentlich aus Sicht einer Seite dem Ruder läuft.
radwal 12.10.2010
5. Grube zu S21
Der Mann hat Recht.Mit der Vorbedingung eines Baustopps während einer möglichen Schlichtung wäre die Grundlage für eine solche nicht mehr gegeben. Im Übrigen ist kaum einsehbar dieses Projekt S21 nur deswegen in Frage zu stellen,weil politisch motivierte Aktivisten die Straße mobilisieren konnten,um ein unbestreitbar legitimiertes Bauvorhaben zu Fall zu bringen und damit die verfassungsgemäßen Regelungen außer Kraft zu setzen. Die mehrheitlichen Mitläufer bei den Protesten machen sich offenbar nicht klar,dass sie damit unsere Grundordnung der parlamentarischen Demokratie,in der die Bürger durch gewählte Abgeordnete und Politiker repräsentiert werden,aushebeln werden.Das mögen die Aktivisten der überbordenden Proteste wollen,um im Trüben zu fischen,es ist jedoch sicherlich kein Anliegen der Bürger im allgemeinen.
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