Stuttgart-21-Protest Wasserwerfer-Opfer bleibt auf einem Auge blind

Seine schwere Augenverletzung durch einen Wasserwerfereinsatz bei den Stuttgart-21-Protesten hat für Dietrich Wagner schwerwiegende Konsequenzen: Der Rentner werde auf einem Auge blind bleiben, sagte eine Krankenhaussprecherin. Auch das zweite Auge sei schwer beschädigt.

Hilfe für David Wagner am 30. September in Stuttgart: Auf einem Auge bleibt er blind
dpa

Hilfe für David Wagner am 30. September in Stuttgart: Auf einem Auge bleibt er blind


Stuttgart - Der mit seinen blutüberströmten Augen zum Symbol der Eskalation der Proteste gegen Stuttgart 21 gewordene Rentner Dietrich Wagner wird lebenslang auf einem Auge blind bleiben. Eine Sprecherin des behandelnden Stuttgarter Katharinenhospitals sagte am Mittwoch auf Anfrage, auf einem Auge werde definitiv keine Sehfähigkeit mehr eintreten. Beide Augen waren durch einen Wasserwerfereinsatz der Polizei schwer verletzt worden.

Vor knapp zwei Wochen war die Polizei massiv gegen die Gegner des Bahnhofsneubaus in Stuttgart vorgegangen und hatte unter anderem Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Nach offiziellen Angaben waren die Beamten zuvor von Demonstranten provoziert worden. Den Polizeiangaben zufolge war Wagner von der Polizei immer wieder gewarnt worden und hatte sich selbst in den Strahl des Wasserwerfers gestellt. Im Magazin "Stern" hatte der ehemalige Ingenieur aber gesagt, "nur zwei oder drei Kastanien" geworfen zu haben.

Nach Angaben der Krankenhaussprecherin wurde Wagner am Montag erneut operiert, er werde in einigen Monaten nochmals an beiden Augen operiert werden müssen. Mit dem Auge, bei dem die Sehfähigkeit noch erhalten sei, könne er "grob" Menschen erkennen. Es bestehe die Hoffnung, dass hier zumindest soviel Sehfähigkeit zurückkehre, dass er wieder einigermaßen selbstständig werde und etwa ohne Begleitung gehen könne.

Derweil kündigte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg an, sich den Protesten gegen Stuttgart 21 auch vor Ort anschließen zu wollen. Die seit Jahren gegen ein Atommüll-Endlager in Gorleben kämpfenden Demonstranten werden demnach mit ihren eigenen Traktoren an der nächsten Montagsdemo in der kommenden Woche teilnehmen. Die Traktoren sollen per Tieflader nach Stuttgart gebracht werden, ein Bus wird die Aktivisten der Bürgerinitiative demnach nach Stuttgart bringen. "Wir demonstrieren den Schulterschluss, denn Stuttgart 21 und Gorleben stehen symbolisch für das Vorgehen der politischen Klasse, die Profit- und Renommierinteressen gegen die Bürgerinnen und Bürger durchsetzt", erklärte die Bürgerinitiative. Diese bereitet sich derzeit auf den für Anfang November erwarteten nächsten Atommülltransport ins Wendland vor.

Grünen-Chef Cem Özdemir wiederholte unterdessen seine Aufforderung an die Verantwortlichen von Stuttgart 21, die Bauarbeiten für Gespräche mit den Gegnern zu unterbrechen. "Selbstverständlich haben die Gespräche nur dann einen Sinn, wenn sie ergebnisoffen sind, die Bagger ruhen und keine neuen Aufträge vergeben werden", erklärte Özdemir. Deshalb sei die Forderung nach einem Bau- und Vergabestopp keine Radikalforderung, sondern schlichtweg ein logisches Gebot der Friedenspflicht, die während der Gespräche gelten soll.

Stuttgart 21 sieht vor, dass der bisherige Stuttgarter Kopfbahnhof als Durchgangsbahnhof in den Untergrund verlegt wird. Die Gegner warnen vor hohen Kosten, negativen ökologischen Folgen und Sicherheitsgefahren durch das Milliardenprojekt. Am Montagabend gingen erneut Tausende Menschen auf die Straße, um gegen das Bauvorhaben zu protestieren.

hen/AFP

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sappelkopp 13.10.2010
1. Und...
...alles nur, weil er glaubte demokratische Grundrechte wahrnehmen zu können. Den Herrschenden ist Demokratie nur wichtig, wenn sie eine Mehrheit hinter sich wissen. Wehe, Du bist anderer Meinung! Und wir zeigen alle auf China!?
pirojito 13.10.2010
2. entschuldigung... selber schuld
Also, nachdem leider der SPIEGEL und einige andere Medien nicht oder nur unzureichend darüber berichtet haben: Der liebe Mann ist auf hochauflösenden Fotos (kurze Recherche genügt) mit zwei erhobenen Mittelfingern zu sehen. Im Umkreis von 5 Metern steht niemand. Auch der SPIEGEL berichtete, der Mann habe "nur versucht, Kinder und Jugendliche vor dem Wasserwerfer zu beschützen". Wie gesagt, es sind keine Demonstranten auf den Fotos zu sehen. Lediglich Polizisten und er, sowie beide erhobene Mittelfinger. Außerdem hat er.. wie selbst angegeben... mit Kastanien oder was auch immer geworfen... Wer Managerhaftung, Politikerhaftung und whatever fordert, sollte ebenfalls dafür sein, dass dieser Mann seine Arztkosten selbst zahlt. Das wäre für mich nur konsequent, da er mit diesem Verhalten mit Verletzungen rechnen musste und dieses Risiko offensichtlich eingegangen ist. So etwas hat übrigens auch wenig mit "den Verhältnissen", "dem System", "den Politikern" oder auch "Stuttgart 21" zu tun.
zynik 13.10.2010
3. widerstand
Zitat von sysopSeine schwere Augenverletzung durch einen Wasserwerfereinsatz bei den Stuttgart-21-Protesten hat für Dietrich Wagner schwerwiegende Konsequenzen: Der Rentner werde auf einem Auge blind bleiben, sagte eine Krankenhaussprecherin. Auch das zweite Auge sei schwer beschädigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722939,00.html
Passend hierzu: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/polizei-widerstand-strafen ...beeindruckend in welchem Tempo unsere Demokratie degeneriert. Die Angst vor dem Souverän muss wirklich ziemlich groß sein.
mullemaus5 13.10.2010
4. neue gesetzeslage
Zitat von sysopSeine schwere Augenverletzung durch einen Wasserwerfereinsatz bei den Stuttgart-21-Protesten hat für Dietrich Wagner schwerwiegende Konsequenzen: Der Rentner werde auf einem Auge blind bleiben, sagte eine Krankenhaussprecherin. Auch das zweite Auge sei schwer beschädigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722939,00.html
wer sich bei demonstrationen gegen eine festnahme durch die polizei wehrt, d.h. davon läuft, wenn diese ihn schon festgehalten haben, soll viel härter bestraft werden, als das bisher der fall ist. auch insgesamt soll ein neues gesetz her, dass bürger härter bestraft, wenn sie nicht wollen, wie die polizei sich das vorstellt. haftstrafen können bis zu 5 jahre ausgesprochen werden. ich frage mich nun nach diesen neuen nachrichten, wie hoch die haftstrafe für die polizisten ist, die für das erblinden des demonstranten verantwortlich sind.
Olaf 13.10.2010
5. .
Zitat von sysopSeine schwere Augenverletzung durch einen Wasserwerfereinsatz bei den Stuttgart-21-Protesten hat für Dietrich Wagner schwerwiegende Konsequenzen: Der Rentner werde auf einem Auge blind bleiben, sagte eine Krankenhaussprecherin. Auch das zweite Auge sei schwer beschädigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722939,00.html
Das tut mir wirklich Leid, das ist ein hartes Schicksal.
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