Stuttgart 21 Der Bahnhof, den niemand feiern will

Nacktproteste, Trillerpfeifen und Sirenen: Die Demo zur Grundsteinlegung von Stuttgart 21 zeigt, wie sehr das Projekt noch immer polarisiert. Die regierenden Grünen mieden die Veranstaltung.

DPA

Von , Stuttgart


Entlang des weißen Festzelts auf Baufeld 17 hat die Bahn Lautsprecher aufstellen lassen. Aus ihnen schallt klassische Musik über die Kraterlandschaft aus Beton und Kies. Der Lärm, den die Demonstranten mit Trillerpfeifen und Sirenen produzieren, dringt trotzdem durch. Sie stehen vor dem Südeingang des Stuttgarter Hauptbahnhofs und auf der Fußgängerbrücke über dem Schlossgarten.

Rund 200 Bahnhofsgegner sind gekommen. Eigentlich demonstrieren sie immer montags, nicht freitags. Doch viele sind Senioren und können sich ihre Zeit einigermaßen frei einteilen. Und die Grundsteinlegung des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 ist ein wichtiger Termin, auch für seine Gegner.

Eine ältere Frau hält ein Plakat mit der Aufschrift "Kopf bleibt oben" in die Höhe, eine Sambagruppe spielt. Einige Teilnehmer der Kundgebung haben sich ausgezogen und posieren neben einem Transparent mit der Aufschrift "Nackt seid ihr". Dann begrüßt ein Sprecher die Demo-Mitstreiter zur "Grabsteinlegung für Stuttgart 21".

Der Verlauf des Festaktes offenbart, wie tief das Infrastrukturprojekt die Landeshauptstadt und Baden-Württemberg sechs Jahre nach Beginn der Arbeiten noch spaltet. Die Festgäste müssen von der Polizei abgeschirmt werden, die Demonstranten beschimpfen sie als "Lügenpack".

Kretschmann war verhindert

Bahnchef Rüdiger Grube dankt den Arbeitern und wirbt für den neuen Bahnhof. Zwei Jahre Bauzeit gelte es für die termingerechte Eröffnung 2021 wieder aufzuholen, betont Grube, aber das Projekt sei "unumkehrbar". Trotz Kostenrisiken werde der Bahnhof innerhalb des Kostenrahmens von 6,5 Milliarden Euro bleiben. "Das ist ein Jahrhundertbauwerk", so Grube.

Seine Nachredner schlagen nicht durchgängig einen feierlichen Ton an. Den größten Applaus bekommt der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Norbert Barthle (CDU), für einen Angriff auf die politische Konkurrenz: Barthle beklagt, dass die Spitze der in Stadt und Land regierenden Grünen bei dem Termin fehle.

Sowohl Ministerpräsident Winfried Kretschmann als auch Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatten aus Zeitgründen abgesagt. Kretschmann nimmt stattdessen einen nach eigener Auskunft "lange vorbereiteten Termin" in Berlin wahr, Kuhn tagt in einer anderen städtebaulichen Angelegenheit auf dem ehemaligen IBM-Campus.

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Mega-Bauprojekt: Grundsteinlegung bei Stuttgart 21

Auch Winfried Hermann, Verkehrsminister von Baden-Württemberg und bester Kenner der Materie bei den Grünen, fehlt. "Wenn man eine Einladung ausspricht, dann kann es eben passieren, dass nicht alle dieser Einladung auch folgen können", so erklärt der Grünen-Landeschef aus der Ferne die Lücken in der Gästeliste. Doch auch er kann den Eindruck nicht zerstreuen: Hier will eine Partei einen unangenehmen Termin vermeiden.

Neues Gutachten sieht Kostenrisiko

Denn der im Bau befindliche Tiefbahnhof ist für die Grünen heikel: Ein Großteil ihrer Klientel lehnt das Projekt ab. Vor Jahren hatte Stuttgart 21 zu Massenprotesten in der Landeshauptstadt geführt. 2011 gewonnen die Grünen die Landtagswahl als dezidierte Anti-Stuttgart-21-Partei.

Es folgte eine Volksabstimmung - bei der sich die Mehrheit der Baden-Württemberger für den neuen Tiefbahnhof aussprach. 2016 wurde Kretschmann wiedergewählt, mit einem wirtschaftsfreundlichen Profil.

Doch zu Stuttgart 21 wahrten die Grünen auch als selbsternannte neue Wirtschaftspartei stets Abstand. "Die Landesregierung ist vertraglich dazu verpflichtet, dieses Projekt zu unterstützen", so formulierte es Kretschmann Anfang der Woche vor dem Festakt. Will heißen: Seine grün-schwarze Regierung hält sich an beschlossene Vereinbarungen, einschließlich des zugesagten Landesanteils zur Finanzierung von knapp einer Milliarde. Aber mehr nicht.

Die Zurückhaltung ist verständlich. Ob Bahnchef Grubes Optimismus in Sachen Kosten und Zeitrahmen berechtigt ist, bleibt ungewiss. Ein neues Gutachten des Bundesrechnungshofes weist auf weitere Kostenrisiken hin, viele Experten halten auch den Termin 2021 für kaum realistisch.

Der Architekt ist sauer

Und doch offenbart der Festakt auch den Preis des Distanzhaltens. Wer nicht da ist, kann auch nicht mitreden und keine Impulse geben. Der Architekt des Bahnhofs, Christoph Ingenhoven, kritisiert deshalb die Grünen. Er habe das Gefühl, dass sich ein Teil der Partei "aus taktischen Gründen" dagegen sperre, sich mit dem Projekt gemein zu machen.

Dabei gelte es, jetzt zu entscheiden und zu definieren, wie die frei werdenden Flächen nun für die Bürger genutzt werden sollten. Sonst drohten weitere Baustellen rund um den Bahnhof herum bis in die 2030er Jahre.

Mit Stuttgart 21 überwinde die Stadt ihre einseitige Orientierung am Auto, so Ingenhoven. "Dieses Projekt ist stadtgerecht." Es waren Argumente, die man beim Festakt gerne weiter diskutiert hätte - im Beisein der grünen Spitzenpolitiker.

Stuttgart 21 in Zahlen
Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:
Höchstgeschwindigkeit
250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke
Schienen
117 Kilometer neue Strecke, davon 60 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrasse von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm und 57 Kilometer für einen neuen Ring in Stuttgart, die Talquerung und die Anbindung über die Filderebene an die Strecke nach Ulm
Stuttgart
100 Hektar freie Fläche in der Stuttgarter Innenstadt durch die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde
Tunnel
63 Kilometer Tunnel, von denen 33 Kilometer Stuttgart 21 und 30 Kilometer der Neubaustrecke nach Ulm zuzuordnen sind. 26 Tunnel, davon 16 bei "Stuttgart 21" und zehn auf der Neubaustrecke
Brücken
55 Brücken, davon 18 bei Stuttgart 21, 37 auf der Neubaustrecke
Fahrzeiten
- 41 statt 61 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Tübingen
- 28 statt 54 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm
Kosten
Mehr als sechs Milliarden Euro Kosten, wovon gut 4,1 Milliarden auf Stuttgart 21 und mehr als zwei Milliarden auf die Neubautrasse entfallen
Bahnhöfe
Drei neue Bahnhöfe: der unterirdische Hauptbahnhof in Stuttgart, ein ICE-Halt an der Messe und am Flughafen und die S-Bahnstation Mittnachtstraße zur Erschließung des geplanten Rosensteinviertels
insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
yvowald@freenet.de 16.09.2016
1. Stuttgart 21 - der größte Irrsinn aller Zeiten
Warum soll eigentlich nur Stuttgart zum Durchgangsbahnhof werden? Warum nicht auch München, Frankfurt am Main oder Wiesbaden? Diesen Irrsinn, der mit Stuttgart 21 betrieben wird, ist einfach furchtbar und nicht vertretbar. Diejenigen, die hierfür die politische Verantwortung tragen, sollten schnellstens aus der Politik entfernt werden.
Ge-spiegelt 16.09.2016
2. Demokratische Entscheidung in Infrastruktur
Sorry, ich habe kein Verständnis, dass es noch Demonstrationen gegen Stuttgart 21 gibt. Es ist eine Demokratische Entscheidung Infrastruktur zu schaffen. Es zeugt von Anti Demokratie wenn das nicht akzeptiert wird. War gerade in Bologna, da hat man den bestehenden Bahnhof auch umgebaut und einen High Speed Zug ermöglicht, der in 35 Minuten in Florenz ist und der besser ist als der IC 3. Es hat mich dann 1h für ca. 3km gekostet um vom Bahnhof Santa Maria Novella zum Airport Florenz zu kommen, weil die Infrastruktur fehlt.
rkinfo 16.09.2016
3. Kopfbahnhof und schwäbische Eisenbahn über Geislingen sind Quatsch
Schon beim Bau des aktuellen Kopfbahnhof war dies nur ein Kompromis. Stuttgart hat sich selbst durch Ablehnung Fernbahnhof Bad Cannstatt und zuvor die Mißachtung eines Fernbahntunnel zur S-Bahn um alternative Lösungen gebracht. Dazu kommt dass Kopfbahnhof21 plus Schnellbahn nach Ulm nur getrikste Alibi-Lösungen waren. Die Gegner von Stuttgart21 wollten immer nur blockieren und politischen Krawall machen. Sieht man gut bei der Anbindung Flughafen, für die im TV vor Volksentscheid Aufwand gefordert aber dies später wieder blockiert wurde.
patrick6 16.09.2016
4. Das letzte, was ich von diesem super-durchgeplanten Projekt gelesen habe...
...war, dass die Neigung der Bahnsteige so stark war, dass Rollstühle und Kinderwagen unkontrolliert Richtung Bahnsteigkante rollen können. Ist zumindest das denn nun behoben? Wahrscheinlich wohl nicht.
hadwerker 16.09.2016
5. Berlin 2
Stuttgate!
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