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02. Oktober 2010, 01:33 Uhr

"Stuttgart 21"-Proteste

Machtdemonstration gegen Mappus

Von , Stuttgart

Die Wut über den harten Polizeieinsatz hat die "Stuttgart 21"-Gegner noch entschlossener gemacht. Zehntausende Menschen demonstrierten in Stuttgart gegen den Bau des Bahnhofs und Ministerpräsident Mappus, der bei den Protestlern den letzten Kredit verspielt hat.

Im Stuttgarter Schlossgarten liegt ein kleiner Biergarten, dort genießen die Schwaben die letzten warmen Tage des Jahres. Von der Terrasse blickten die Menschen kürzlich noch auf eine satte Wiese und hohe Bäume, deren Blätter sich langsam gelb färbten. Jetzt blicken sie auf einen matschigen Acker und graue Absperrgitter, hinter denen Polizisten Wache schieben. Es sind die Spuren des Kampfes um "Stuttgart 21", das umstrittene und milliardenschwere Bauprojekt der Deutschen Bahn.

Viel hat sich verändert in Stuttgart seit Donnerstag, dem 30. September. An diesem Tag hatte ein Großaufgebot der Polizei eine Demonstration gewaltsam aufgelöst. Auf Rentner und Jugendliche nahmen sie wenig Rücksicht. Während Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) das harte Vorgehen verteidigte, sprach die Opposition von "Rambo-Politik." Ein tiefer Einschnitt in die Stuttgarter Protestbewegung war es in jedem Fall. Und in der Nacht zu Freitag folgte der nächste Aufreger: Unter massivem Polizeischutz wurden für "Stuttgart 21" die ersten Bäume im Schlossgarten gefällt.

Damit war klar: Mappus setzt alles auf eine Karte. Er will das Projekt jetzt unbedingt durchboxen, er will diktieren statt verhandeln. Und seine Gegner? Mit großer Spannung wurde ihre erste Demonstration nach den Ausschreitungen erwartet. Das Ergebnis war durchaus beeindruckend: Zehntausende kamen am Freitagabend im Schlossgarten zusammen, sie verwandelten die Wiese endgültig in ein einziges Schlammfeld. Wer keinen Lärmschutz dabei hatte, dem dürften noch immer die Ohren sausen vom schrillen Klang ihrer Trillerpfeifen.

Es war eine Machtdemonstration. Während Mappus am Vortag mit Hilfe der Staatsgewalt die Muskeln spielen ließ, antworteten seine Gegner mit der Stimmgewalt des Volkes. "Mappus raus, Mappus raus", immer wieder hallte dieser Ruf durch die Dunkelheit.

"Jetzt erst recht"-Stimmung unter den Demonstranten

Es scheint, als hätte das konsequente Vorgehen der Landesregierung die Demonstranten nicht geschwächt. Im Gegenteil: Sie sind noch entschlossener, noch stärker geworden, sie bekommen immer mehr Zulauf. Hunderttausend Menschen sollen es laut Veranstalter am Freitagabend gewesen sein. Nach einer Kundgebung zogen sie im Protestmarsch durch die Innenstadt. Von 50.000 Teilnehmern spricht die Polizei.

"Wir werden den Druck weiter erhöhen mit massenhaften Protestveranstaltungen", rief Gangolf Stocker, einer der wichtigsten Organisatoren. "Wenn Mappus schlafen geht, sollen hunderttausend auf seiner Bettdecke stehen!"

Dabei hatte der Ministerpräsident noch am Abend Gesprächsbereitschaft geäußert. Er wolle "ernst nehmen, was die Demonstranten sagen", nötig seien daher Gespräche darüber, wie der Konflikt gelöst werden könne, sagte Mappus im "heute journal" des ZDF. Von seiner Position, dass der Bahnhof gebaut werden soll, wich er aber ebenso wenig ab wie Bahn-Chef Rüdiger Grube.

Die Dialogbereitschaft dürfte Mappus derzeit wenig nützen, zu emotionalisiert sind die "Stuttgart 21"-Gegner: Wenn Redner von Übergriffen der Polizei berichten, buhen die Zuhörer, pfeifen und trommeln. Geht es um Gutachten, die den Angaben der Regierung widersprechen, skandieren die Demonstranten "Lügenpack! Lügenpack!" Und wenn das Engagement von Jugendlichen gelobt wird, dann jubeln sie und rufen "richtig so!"

Diese Stimmung versucht natürlich auch die Opposition zu nutzen. Die Grünen sind im Vorfeld der Demo zu Besuch, SPD-Landeschef Nils Schmid diskutiert mit Demonstranten. Er befürwortet "Stuttgart 21", möchte aber in einem Volksentscheid darüber abstimmen lassen. "Mappus hat ein ganz schlimmes Bild von Baden-Württemberg in Deutschland erzeugt", so Schmid. Doch auch er hat es im Schlossgarten nicht leicht: Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern von "Stuttgart 21" ist so tief, dass ein Kompromiss ausgeschlossen scheint.

Denkzettel für Mappus bei der Landtagswahl?

Die Demonstranten wollen bis zur Landtagswahl im März durchhalten, dann soll Mappus nach ihrem Willen "in die Opposition geschickt werden". Die Chancen stehen nicht schlecht - wenn sie ihrer Linie treu bleiben. Und so rufen alle Redner dazu auf, friedlich zu bleiben. Sie wissen: Bei gewalttätigen Protesten würde ihr Rückhalt in der Bevölkerung schnell schwinden.

Nur kurz kommt an diesem Freitagabend Unruhe auf - als im Schlossgarten wieder die Lichter hinter den Absperrgittern angehen. Sollen weitere Bäume fallen? Viele Demonstranten kehren um, einige laufen auf die Gitter zu, die Stimme des Redners am Mikrofon wird kurz flehentlich: "Bitte, bleibt friedlich." Doch es geht alles gut, die Abrissbagger bleiben aus. Es war ein lauter, friedlicher Abend in Stuttgart.

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