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"Stuttgart 21": Schlammschlacht Schwarz gegen Grün

Von , Stuttgart

Die Fronten im Ländle sind verhärtet: Stefan Mappus verdächtigt die Grünen als Drahtzieher der "Stuttgart 21"-Proteste, die Öko-Partei reitet bei jeder Gelegenheit heftige Attacken gegen den CDU-Ministerpräsidenten. Eine schwarz-grüne Koalition scheint weiter entfernt denn je.

"Stuttgart 21": Proteste gegen Polizeigewalt Fotos
dapd

Baum Nummer eins steht noch. Die Gegner von "Stuttgart 21" haben ihn nummeriert, sie fürchten, dass auch die mächtige Kastanie dem umstrittenen und milliardenschweren Bauprojekt zum Opfer fallen könnte. Ein paar Meter weiter verläuft im Stuttgarter Schlossgarten die Frontlinie: Hinter Absperrgittern bewachen Polizisten die Bauarbeiten für die geplante Grundwasser-Aufbereitungsanlage.

Zehntausende hatten am Freitagabend gegen "Stuttgart 21" und Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) protestiert - eine gewaltige und friedliche Demonstration. Doch außer einer völlig zerstörten Rasenfläche waren einen Tag später im Schlossgarten keine Folgen zu sehen. Bagger gruben weiter die Erde um, Lastwagen schafften den Schutt weg.

Mappus macht weiter, als sei nichts gewesen. Das Projekt "Stuttgart 21" ist nicht aufzuhalten - so lautet die Botschaft des Ministerpräsidenten. Und sie verfehlt ihre Wirkung nicht. "Ich bin fassungslos", sagt Klaus Schotte, Mitglied der Aktionsgemeinschaft Robin Wood. "Es ist erschreckend, wie brutal dieses Bauvorhaben durchgezogen wird."

In kleinen Gruppen diskutieren die Menschen im Park die Ereignisse der vergangenen Tage: Das rabiate Vorgehen der Polizei gegen jugendliche Demonstranten, das Baumfällen mitten in der Nacht, die ohnmächtige Wut unter den Gegnern von "Stuttgart 21". Bei manchem liegen die Nerven blank, ein Mann beschimpft Polizisten als Kinderschänder, er muss seine Personalien angeben, es kommt zu einer kleinen Rangelei.

Harte Attacken gegen Mappus

Hoch emotional geht es in diesen Tagen zu im Ländle - und dafür macht Mappus auch die Grünen verantwortlich. Die würden mithelfen, eine Opposition zu organisieren, "die so tut, als ob wir in einer Diktatur leben", sagte Mappus der "Welt am Sonntag". Es sei kein Zufall, dass die Sache ein halbes Jahr vor der Landtagswahl hochgepusht werde.

Ein Geheimnis hat der 44-Jährige damit nicht gelüftet. Natürlich hat die Opposition längst begriffen, welch enormes Stimmenpotential das Thema birgt. "Stuttgart 21" könnte die Wahl im März 2011 entscheidend beeinflussen. Am stärksten profitieren die Grünen, laut jüngsten Umfragen haben sie die SPD in Baden-Württemberg bereits überflügelt. Parteichef Cem Özdemir war am Freitagabend in den Schlossgarten gekommen, ebenso SPD-Landeschef Nils Schmid. Scharfe Angriffe auf Mappus formulieren sie mittlerweile täglich. Der Ministerpräsident habe "ein ganz schlimmes Bild von Baden-Württemberg gezeichnet", sagte Schmid SPIEGEL ONLINE.

Özdemir wiederum hatte Mappus sogar vorgeworfen, der CDU-Mann wolle Blut sehen. Zwar hat er sich mittlerweile für diese Wortwahl entschuldigt, aber in einem Interview mit der "Passauer Neuen Presse" ähnlich drastisch nachgelegt. Im März werde Mappus bei der Landtagswahl abgewählt werden, dann werde auch sein Innenminister Heribert Rech (CDU) gehen. "Er sollte sich dann bei Wladimir Putin bewerben. Mit diesem brutalen Vorgehen gegen Demonstranten hat er dort gute Einstellungschancen", sagte Özdemir der Zeitung. Und auch Mappus geht er wieder hart an: "Wer auf ältere Damen und Kinder einprügeln lässt, hat jedes Recht auf den Anspruch eines christlichen Landesvaters verwirkt."

Der baden-württembergische Grünen-Landtagsabgeordnete Werner Wölfle hat von Mappus derweil eine Entschuldigung wegen der Eskalation verlangt. "So sähe die passende Reaktion aus. Wenn Innenminister Heribert Rech zurücktritt, wäre er nur ein Bauernopfer", sagte er am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. "Der Ministerpräsident trägt die Verantwortung." Zukünftige Koalitionspartner reden anders übereinander.

Aufgeben? Keine Option

Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern von "Stuttgart 21" ist tiefer als je zuvor. Eine schwarz-grüne Koalition in Baden-Württemberg schien vor nicht allzu langer Zeit durchaus denkbar - mittlerweile gibt Mappus ihr kaum noch Chancen: "Viele Abgeordnete haben eine Riesenwut auf die Grünen, selbst diejenigen, die es bis vor kurzem für möglich gehalten hätten, mit ihnen zu koalieren." Sie seien empört über das, was die Grünen-Fraktion gerade außerparlamentarisch mache.

Der Regierungschef hatte jüngst wiederholt einen Dialog angemahnt - doch das kommt auf der Gegenseite nur noch als Heuchelei an. "Unverfroren" sei das Gesprächangebot, sagt Carola Eckstein, Sprecherin der Initiative "Parkschützer". "Es ist fast verblüffend, wie Herr Mappus einen Dialog fordern kann und sich gleichzeitig brutal über alles hinwegsetzt."

Unauflösbar scheint der Konflikt. Die CDU will "Stuttgart 21" mit aller Macht durchdrücken, Kanzlerin Angela Merkel hat sich ausdrücklich hinter das Projekt gestellt. Mappus muss sich um Rückendeckung in den eigenen Reihen keine Sorgen machen. Auch Befürworter von "Stuttgart 21" gehen mittlerweile auf die Straße.

Doch die andere Seite gibt nicht nach. Sie scheint durch die jüngsten Ereignisse noch enger zusammengerückt zu sein. Der obligatorische "Schwabenstreich", das schrille Konzert der Trillerpfeifen, die lauten "Mappus weg!"-Rufe am Freitagabend - all das war ein deutliches Signal an die Landesregierung: Aufgeben ist für die Gegner von "Stuttgart 21" keine Option.

Der Ausgang der Auseinandersetzung scheint ungewisser denn je. Über das politische Schicksal von Stefan Mappus wird spätestens am 27. März 2011 entschieden - bei der Landtagswahl. Doch wenn die Bauarbeiten in diesem Tempo weitergehen, könnte schon früher ein Punkt erreicht sein, an dem eine Umkehr kaum noch möglich ist - selbst wenn Mappus abgewählt werden würde.

Das wäre für die Gegner von "Stuttgart 21" wohl das bitterste Szenario: Ihren Erzfeind hätten sie am Ende geschlagen. Ihr Ziel hätten sie dennoch verfehlt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Gut möglich
Frank Wagner, 03.10.2010
Ich bin seeehr gespannt, was passiert, falls die Grünen die Wahl gewinnen. Die werden das Projekt ja kaum stoppen, aber dem Stimmvieh verklickern "TINA" und es weiter bauen lassen. Und der Widerstand bricht damit effektiv zusammen. Ich erinnere nur daran, dass das Erste was die "Friedenspartei" tat als sie im Bund an die Macht kam, mit klingendem Spiel in den ersten Krieg seit 45 zu ziehen. Die Grünen sind das perfekte trojanische Pferd.
2. Tricksen und taktieren
barca 03.10.2010
Wer den Menschen landauf und landab auf den Mund schaut, bemerkt eine Veränderung in ihrer Haltung zur Politik. Sie sind nicht mehr bereit, alles hinzunehmen. Das bisschen Vertrauen, das noch übrig war, ist verspielt. Inzwischen haben wir drei CDU/CSU-Minister, die nicht gewählt wurden und einen Bundespräsidenten, der für das Volk zweite Wahl war. Die Regierung trickst und taktiert, um ihre Macht zu erhalten. Egal wie. Ja, glauben denn die da oben, dass das Volk, wirklich so dumm und einfältig ist? Wenn sich nicht schnell etwas am Regierungsstil ändert, werden sie ihre Meinung bald revidieren müssen.
3. direkte Demokratie
heinrichp 03.10.2010
Zitat von sysopDie Fronten im Ländle sind verhärtet: Stefan Mappus verdächtigt die Grünen als Drahtzieher der "Stuttgart 21"-Proteste, die Öko-Partei reitet bei jeder Gelegenheit heftige Attacken gegen den CDU-Ministerpräsidenten. Eine schwarz-grüne Koalition scheint weiter entfernt denn je. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,720919,00.html
Berlin — Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, hält die Proteste gegen das umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21" für nicht gerechtfertigt. "Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht", sagte Grube der "Bild am Sonntag". Das Bauprojekt sei demokratisch ausreichend legitimiert. "Bei uns entscheiden Parlamente, niemand sonst. Unsere frei gewählten Volksvertreter haben das Dutzende Mal getan: im Bund, im Land, in Stadt und Region. Immer mit großen Mehrheiten", sagte Grube. Grube warnte in der "Bild am Sonntag", dass ein Scheitern von "Stuttgart 21" schwerwiegende Folgen für alle Projekte dieser Art in ganz Deutschland hätte. "Es gehört zum Kern einer Demokratie, dass solche Beschlüsse akzeptiert und dann auch umgesetzt werden", sagte er. "Sonst werden bei uns keine Brücke, keine Autobahn und kein Windkraftpark mehr gebaut." Die Bahn sei daher nach wie vor entschlossen, Bahnhof und Neubaustrecke zu bauen. Grünen-Parteichef Cem Özdemir hält das Projekt dagegen angesichts der jüngsten gewalttätigen Auseinandersetzungen für nicht mehr durchsetzbar. "Stuttgart 21 kann nicht gegen friedliche Demonstranten durchgeprügelt werden", schrieb Özdemir in einem Gastkommentar für "Bild am Sonntag". Die Parlamente hätten "in Unkenntnis über die wahren Kosten und Risiken" über das Projekt abgestimmt. "Wir brauchen einen Baustopp, dann einen Volksentscheid", forderte Özdemir. Wenn die Befürworter sich ihrer Argumente so sicher seien, sollten sie damit kein Problem haben. Da das Volk mitenscheiden will, mündiger geworden ist, wäre eine direkte Demokratie wie in der Schweiz langsam angebracht. Ansonsten wir es zu immer mehr Demonstrationen kommen, da das Volk für den Murks der Politiker die Zeche zahlen müssen.
4. gefaellte baeume vs. gefaellter sozialstaat....
kurosawa 03.10.2010
...... in spanien, in frankreich und sogar in bruessel sind die leute auf der strasse um gegen den abbau des sozialstaates zu demonstrieren. etwas das die allgemeinheit betrifft. in deutschland dagegen wird nicht gegen die datensammelwut des staates, den ausufernden lobbyismus, die bankenrettungspackete oder eben den abbau des sozialstaates demonstriert sondern um es mal ueberspitzt zu sagen, gegen das faellen von baeumen. pro oder contra stuttgart21 sei mal dahingestellt. die contra seite konnte mich in einem interview mit dem 'anfuehrer', einem kuenstler dessen name mir jetzt entfallen ist, allerdings nicht ueberzeugen. mir geht es eher um die verhaeltnismaessigkeit, wogegen hier eigentlich demonstriert wird. und wenn sich hier noch einige als verfechter der demokratie darstellen, empfinde ich das eher als laecherlich. das nun auch die politik auf den zug auspringt und sich die demonstranten zu eigen macht, instrumentalisiert sehe ich eher kritisch. fehlt nur noch das sarrazin sich als oeko mit rechtsdrall zu erkennen gibt und die demonstranten in eine gloreiche zukunft fuehrt
5. .
takeo_ischi 03.10.2010
Zitat von kurosawa...... in spanien, in frankreich und sogar in bruessel sind die leute auf der strasse um gegen den abbau des sozialstaates zu demonstrieren. etwas das die allgemeinheit betrifft. in deutschland dagegen wird nicht gegen die datensammelwut des staates, den ausufernden lobbyismus, die bankenrettungspackete oder eben den abbau des sozialstaates demonstriert sondern um es mal ueberspitzt zu sagen, gegen das faellen von baeumen. pro oder contra stuttgart21 sei mal dahingestellt. die contra seite konnte mich in einem interview mit dem 'anfuehrer', einem kuenstler dessen name mir jetzt entfallen ist, allerdings nicht ueberzeugen. mir geht es eher um die verhaeltnismaessigkeit, wogegen hier eigentlich demonstriert wird. und wenn sich hier noch einige als verfechter der demokratie darstellen, empfinde ich das eher als laecherlich. das nun auch die politik auf den zug auspringt und sich die demonstranten zu eigen macht, instrumentalisiert sehe ich eher kritisch. fehlt nur noch das sarrazin sich als oeko mit rechtsdrall zu erkennen gibt und die demonstranten in eine gloreiche zukunft fuehrt
Dieses fehlende Feingefühl der Deutschen für die richtigen Prioritäten sehe ich auch. Für eine Bildungsreform gehen in Stuttgart bestenfalls ein bis zwei Tausend Leute auf die Straße, gegen Hartz IV null Leute, gegen den Überwachungsstaat höchstens 500, gegen Lobbykratie und Bankenpampern null. Woanders in D sieht es nicht besser aus. Dass diese erlebnishungrigen Wohlstandsprotestler nun von den Grünen intrumentalisiert werden merken sie leider nicht mal mehr. Eine schitzophrene Ökopartei, die den ÖPNV bekämpft, scheint plötzlich der Messias für die Massen zu werden. Ach wären doch vor 20 Jahren mehr Leute für eine bessere Bildung auf die Straße gegangen... Wenn S21 wirklich gekippt würde (was selbst die Grünen für nach der Wahl schon ausgeschlossen haben) hätten wir den Weg in die Diktatur der lautesten Minderheit geebnet, die rechtsstaatliche parlamentarische Demokratie wäre ausgehebelt und obsolet. Demokratische Entscheidungen im Nachhinein einem manipulierten Mob zu opfern muss jeden Demokraten erschaudern lassen. Ich bin (bei geeigneten und grundrechtlich unbedenklichen Fragen) für mehr direkte Demokratie im Vorfeld. Eine gute Frage wäre dann aber nicht 'Großprojekt - ja oder nein?', sondern 'Großprojekt Variante 1 oder Großprojekt Variante 2?'. Man darf das Volk auch nicht überfordern. Eine Kompetenz in wichtigen wirtschaftlichen, die Zukunft des ganzen Landes betreffenden, Entscheidungen gibt es leider nicht.
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"Politik in Rambo-Manier"

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Stuttgart 21 in Zahlen
Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:
Höchstgeschwindigkeit
250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke
Schienen
117 Kilometer neue Strecke, davon 60 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrasse von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm und 57 Kilometer für einen neuen Ring in Stuttgart, die Talquerung und die Anbindung über die Filderebene an die Strecke nach Ulm
Stuttgart
100 Hektar freie Fläche in der Stuttgarter Innenstadt durch die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde
Tunnel
63 Kilometer Tunnel, von denen 33 Kilometer Stuttgart 21 und 30 Kilometer der Neubaustrecke nach Ulm zuzuordnen sind. 26 Tunnel, davon 16 bei "Stuttgart 21" und zehn auf der Neubaustrecke
Brücken
55 Brücken, davon 18 bei Stuttgart 21, 37 auf der Neubaustrecke
Fahrzeiten
- 41 statt 61 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Tübingen
- 28 statt 54 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm
Kosten
Mehr als sechs Milliarden Euro Kosten, wovon gut 4,1 Milliarden auf Stuttgart 21 und mehr als zwei Milliarden auf die Neubautrasse entfallen
Bahnhöfe
Drei neue Bahnhöfe: der unterirdische Hauptbahnhof in Stuttgart, ein ICE-Halt an der Messe und am Flughafen und die S-Bahnstation Mittnachtstraße zur Erschließung des geplanten Rosensteinviertels
Fotostrecke
Bahn-Projekt: Der Kampf gegen "Stuttgart 21"

Chronik
Im April stellt Bahn-Chef Heinz Dürr das Projekt Stuttgart 21 mit der Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofes vor.
Im Januar bescheinigt eine Studie die technische Machbarkeit von Stuttgart 21. Umweltschützer und Grüne protestieren.
Im November unterzeichnen Bahn, Bund, Land und Stadt eine Rahmenvereinbarung, in der auch die Finanzierung des auf fünf Milliarden D-Mark veranschlagten Projekts festgelegt wird.
Im November erhält das Düsseldorfer Architektenbüro von Christoph Ingenhoven den Zuschlag für den Umbau in einen Durchgangsbahnhof mit Lichtaugen.
Im Februar erteilt das Eisenbahn-Bundesamt die Baugenehmigung für die Umwandlung des Bahnhofs.
Im April weist das oberste Verwaltungsgericht Baden-Württembergs drei Klagen gegen den geplanten Umbau des Hauptbahnhofs ab.
Im Oktober vertagt der Bund die Entscheidung über seine Beteiligung an dem 2,8 Milliarden Euro teuren Bahnhofsvorhaben.
Im November verlautet aus Bahn-Kreisen, der Umbau des Bahnhofs und dessen Anbindung an die Neubaustrecke nach Ulm könne wegen Baukostenrisiken bis zu eine Milliarde Euro teurer werden.
Im Februar weist der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg vier Klagen gegen den Fildertunnel ab.
Am 19. Juli verständigen sich Bund, Bahn, Land und Stadt in Berlin auf die Finanzierung - eine bindende Finanzierungsvereinbarung steht noch aus.
Am 11. November präsentieren Naturschützer, Bürgerinitiativen und Grüne das Ergebnis einer Abstimmung: 67.000 Menschen stimmten für einen Bürgerentscheid über Stuttgart 21.
Am 20. Dezember lehnt der Stuttgarter Gemeinderat einen Bürgerentscheid über das Milliardenprojekt mit großer Mehrheit ab. Die grundsätzlichen Beschlüsse seien schon vor Jahren gefallen.
Am 19. August räumt die Landesregierung Mehrkosten ein. Das Vorhaben soll nicht wie geplant 2,8 Milliarden Euro kosten, sondern 3,076 Milliarden Euro.
Am 3. November prophezeit der Bundesrechnungshof Mehrkosten von über zwei Milliarden Euro.
Am 28. November macht der Bundestag mit der Verabschiedung des Haushaltes den Weg frei für Stuttgart 21.
Am 2. April unterzeichnen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Bahn-Vorstand Stefan Garber die Finanzierungsvereinbarung.
Am 7. Juni profitieren die Grünen von ihrem jahrelangen Widerstand gegen Stuttgart 21 und werden bei der Kommunalwahl die stärkste Fraktion im Rathaus der Landeshauptstadt.
Am 17. Juli entscheidet das Verwaltungsgericht Stuttgart: Der Gemeinderat hat den Bürgerentscheid 2007 zu Recht abgelehnt.
Am 26. Oktober findet die erste Montagsdemonstration gegen den neuen Bahnhof statt - mit vier Teilnehmern. Eine Woche später sind es 20.
Am 8. November räumt Bahn-Chef Rüdiger Grube erstmals ein, dass das Projekt teurer wird als 3,076 Milliarden Euro.
Am 25. November fordern Architekturliebhaber die Aufnahme des Bahnhofsgebäudes in das Unesco-Weltkulturerbe. Beide Seitenflügel des Gebäudes von 1922 sollen den Umbauplänen zum Opfer fallen.
Am 9. Dezember geht Bahn-Chef Rüdiger Grube mit einer Kostenschätzung von 4,1 Milliarden Euro in den Bahn-Aufsichtsrat. Dieser billigt trotz der Kostensteigerung von einer Milliarde Euro das Vorhaben.
Am 10. Dezember stellen nach der Bahn alle anderen Geldgeber die Weichen für das Milliardenvorhaben.

Am 2. Februar beginnen die Bauarbeiten.
Am 20. Mai unterliegt Peter Dübbers, Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, vor dem Landgericht Stuttgart im Urheberrechtsstreit gegen die Bauherrin Bahn. Er wehrt sich gegen den Abriss der Seitenflügel des Bahnhofs und geht in Berufung.
Am 7. Juli wird eine bisher nicht veröffentlichte Studie der Zürcher Firma SMA bekannt, die Probleme mit dem Regionalverkehr vorhersieht.
Am 27. Juli gibt Bahn-Chef Grube eine Kostensteigerung um 865 Millionen Euro auf 2,9 Milliarden Euro für die Schnellbahntrasse nach Ulm bekannt.
Am 30. Juli werden die Abrissarbeiten am Nordflügel vorbereitet: Ein erster Bagger rollt an, ein Bauzaun wird errichtet.
Am 7. August demonstrieren mehr als 10.000 Menschen und fordern einen Baustopp.
Am 11. August wird ein Gutachten für das Umweltbundesamt bekannt, das eine weitere Kostenexplosion auf bis zu elf Milliarden Euro für Stuttgart 21 und erhebliche Verkehrsprobleme vorhersagt.
Am 13. August wird das Bahnhofsgebäude erstmals sichtbar beschädigt: Ein Vordach am Nordflügel wird abgerissen. Am Abend bilden 20.000 Menschen eine Kette um Teile des Bahnhofs und fordern einen Baustopp.
Am 14. August berichtet der SPIEGEL, dass die Landesregierung mit einem Großauftrag an die Bahn deren Zustimmung zu Stuttgart 21 erkauft hat. Das Verkehrsministerium dementiert.
Am 23. August verteidigt Bahnhofsarchitekt Christoph Ingenhoven seinen - in einigen Punkten optimierten - Entwurf. Er weist Aussagen zurück, der Tiefbahnhof könne auch mit Erhalt der Seitenflügel gebaut werden.
Am 25. August stoppen sieben Aktivisten die Baggerarbeiten am Nordflügel. Sie besetzen das Dach für 22 Stunden, ehe ein Spezialkommando der Polizei das Dach räumt.
Am 6. September lässt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ein Spitzengespräch zu dem Projekt platzen. Zu dem Treffen hatten Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und der Grünen-Fraktionschef in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, geladen. Gegner und Befürworter des Projekts sollten diskutieren. Doch das Aktionsbündnis forderte zuvor einen Baustopp - Mappus lehnte ab.
Am 8. September warnt ein neues Gutachten vor einer Kostenexplosion bei Stuttgart 21. Das Münchner Ingenieurbüro Vieregg & Rößler hat im Auftrag der Grünen ausgerechnet, dass sich die Ausgaben für die neue ICE-Trasse nach Ulm auf mindestens 5,3 Milliarden Euro belaufen werden und nicht - wie von der Bahn berechnet - auf 2,9 Milliarden Euro. Im ungünstigsten Fall könne die Strecke sogar zehn Milliarden Euro kosten.
Am 9. September sagt Bahnchef Rüdiger Grube dazu in der "Wirtschaftswoche": "Bei Infrastrukturprojekten kann man nie sagen, was am Ende auf Heller und Pfennig herauskommt."
Am 17. September verteidigt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) das umstrittene Bauprojekt: Es gebe keinerlei Zweifel an dessen Legitimation, sagt er im Bundestag. Stuttgart 21 sei "über 15 bis 20 Jahre nach allen Regeln rechtsstaatlicher Kunst" zustande gekommen. Die Bundestagsfraktionen von SPD, Linke und Grüne fordern mit unterschiedlichen Anträgen dagegen einen Baustopp. Die SPD setzt sich für einen Volksentscheid ein.
Am 30. September eskaliert die Situation. Die Polizei geht mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vor, die das Fällen von Bäumen im Schlossgarten verhindern wollen. Noch am späten Nachmittag versucht der BUND, die Rodung per Eilantrag beim Verwaltungsgericht zu stoppen. Die Organisation befürchtet Verstöße gegen den Artenschutz: So gilt unter anderem der Lebensraum des seltenen Juchtenkäfers als gefährdet. Eine entsprechendes Verbot der Rodung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA) liegt der Bahn vor - nicht aber dem Gericht. Bahn und EBA einigen sich eigenen Angaben zufolge noch am selben Abend, das Gericht entscheidet: nichts.
In der Nacht auf den 1. Oktober werden im Schlossgarten die ersten Bäume gefällt - nur wenige Meter von Tausenden Demonstranten entfernt.
Am 2. Oktober steigt der bislang größte Protest im Schlossgarten: Über 100.000 Menschen demonstrieren nach Veranstalterangaben gegen Stuttgart 21 und Ministerpräsident Mappus. Die Polizei spricht von 50.000 Teilnehmern.
Am 6. Oktober stimmt Heiner Geißler zu, den Posten des Schlichters zu übernehmen - darum war er zuvor von Mappus gebeten worden. Am selben Tag bestätigt das OLG die Entscheidung des Landgerichts, nach der das Abtragen der Bahnhofs-Seitenflügel rechtens ist.
Am 7. Oktober verbietet das Eisenbahnbundesamt der Bahn vorerst, weitere Bäume im Schlossgarten zu fällen. Bevor die Arbeiten fortgesetzt werden, muss das Unternehmen Pläne zum Schutz des gefährdeten Juchtenkäfers vorlegen. Allerdings sind vorerst ohnehin keine weiteren Rodungen vorgesehen.
Am 11. Oktober lehnt Bahn-Chef Grube einen kompletten Baustopp kategorisch ab - auch für die Zeit der Schlichtungsgespräche.
Am 14. Oktober gibt das Verwaltungsgericht bekannt, es hätte dem BUND-Antrag zum Stopp der Rodung mit "großer Wahrscheinlichkeit" stattgegeben - wenn die Bahn nicht wichtige Unterlagen vorenthalten hätte.
Am 18. Oktober räumt Grube ein, er habe in der Kommunikation zu Stuttgart 21 "vielleicht den einen oder anderen Fehler gemacht".
Am 22. Oktober beginnt unter Leitung von Heiner Geißler die Schlichtung. Die Gespräche werden live im Fernsehen übertragen, Phoenix meldet die zweitbeste Quote in der Geschichte des Senders. Gegner und Befürworter des Projekts kommen sich in den Gesprächen allerdings nicht näher - auch in den kommenden Wochen nicht.
Am 27. Oktober setzt der Landtag einen Untersuchungsausschuss ein, der die Hintergründe des Polizeieinsatzes vom 30. September klären soll.
Am 28. Oktober lehnt die schwarz-gelbe Koalition mit ihrer Mehrheit im Landtag einen Volksentscheid über Stuttgart 21 ab. Einen entsprechenden Antrag hatte die SPD gestellt. Unabhängig davon reichen vier Demonstranten Klage beim Verwaltungsgericht ein - sie hatten bei dem Polizeieinsatz am 30. September schwere Augenverletzungen erlitten.
Am 2. November löst die Polizei eine Sitzblockade am Bahnhof auf - trotz der Schlichtungsgespräche gehen die Protestaktionen weiter.
Am 11. November räumt die Polizei Pannen beim umstrittenen Einsatz im Schlossgarten ein. Aufgrund von Missverständnissen seien die Beamten zu spät eingetroffen und hätten deshalb Absperrungen nicht rechtzeitig aufstellen können; der Widerstand der Demonstranten sei unterschätzt worden.
17. November: Nach einem Bericht des "Stern" hat das Eisenbahnbundesamt im September die Baufreigabe für die Strecke von Wendlingen nach Ulm verweigert.
Am 19. November sagt Bahn-Vorstand Volker Kefer im Schlichtungsgespräch, die Freigabe für die 60 Kilometer lange Trasse werde erfolgen, wenn die Bahn die Nachweise für die höheren Kosten vorgelegt habe. Grünes Licht erwarte er Ende des Jahres.
Am 30. November verkündet Heiner Geißler seinen Schlichterspruch. Er spricht sich für Stuttgart 21 aus, fordert aber in mehreren Punkten Korrekturen an den Bahn-Plänen. Die Gegner des Projekts sind trotzdem unzufrieden.

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