Stuttgarter OB-Wahl: Sie können alles außer Fairness
Im Herbst wollen die Grünen mit Spitzenkandidat Fritz Kuhn das Stuttgarter Rathaus erobern. Sein schärfster Widersacher im Kampf um den Posten des Oberbürgermeisters: Werbe-Superstar Sebastian Turner, der die Stadt vor den Grünen retten will. Schon jetzt geht es schmutzig zu.
Die Situation ist heikel: "Wir haben keine Stühle mehr", sagt der Vollbartträger von den örtlichen Grünen. Das geht natürlich gar nicht bei einer Veranstaltung im Altersheim. Und so wird es an diesem Dienstagabend für einige Minuten sehr hektisch in der Augustinum-Seniorenresidenz von Stuttgart-Sillenbuch, aber schließlich treiben sie doch noch einige Sitzgelegenheiten auf. Fritz Kuhn findet es natürlich prima, dass so viele Leute gekommen sind, gut 150, um ihn kennenzulernen. Trotz der Hitze und des tollen Wetters.
Könnte natürlich auch daran liegen, dass hier sonst wenig los ist. "Ich hoffe, dass Sie die zwei Stunden mit mir durchhalten", sagt Kuhn zur Begrüßung. Das sorgt gleich mal für gute Stimmung unter den Rentnern im Saal.
Fritz Kuhn, 57, will Oberbürgermeister von Stuttgart werden. Es ist das wichtigste Amt im Lande nach dem des Ministerpräsidenten. Wer wissen will, wie groß sein Selbstbewusstsein ist, sollte sich Kuhns Auftritt in der sogenannten Elefantenrunde vor der Landtagswahl 1984 auf YouTube anschauen: Da nimmt sich der damals 29-jährige Nobody ("Wer sind Sie eigentlich?") den CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth vor, bis der irgendwann nur noch den Kopf schüttelt.
Seitdem hat Grünen-Mitgründer Kuhn einiges erreicht: Er führte die Abgeordneten im Landtag, war Chef der Bundespartei, später Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Kuhn gilt immer noch als einer der klügsten grünen Köpfe, viele wichtige Papiere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik gehen auf ihn zurück, aber zuletzt waren andere an dem Heidelberger Bundestagsabgeordneten vorbeigezogen.
Ein bisschen ging es Kuhn wie Michael Ballack in den vergangenen Jahren: Er sah sich immer noch als Star, aber kam nicht mehr richtig ins Spiel. Je schlechter es lief, desto grantiger wirkte der Grünen-Politiker.
Kuhns Problem heißt Sebastian Turner
Die Stuttgarter OB-Wahl ist deshalb eine große Chance für Fritz Kuhn - und eine Befreiung. Das merkt man ihm an. "Die Stuttgarter suchen jemanden, der klare politische Führung zeigt", sagt der Grünen-Kandidat. Er meint, einen wie ihn. Eigentlich sieht es gut aus für Kuhn. Er hat nur ein Problem, und das heißt Sebastian Turner.
Turner, ehemaliger Chef des Werbe-Riesen Scholz & Friends, geht für die CDU ins Rennen um das Stuttgarter Rathaus. Er ist parteilos, auch FDP und Freie Wähler unterstützen seine Kandidatur. Als dritte ernstzunehmende Bewerberin tritt Bettina Wilhelm für die SPD an. Im ersten Wahlgang am 7. Oktober dürfte niemand mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, beim zweiten Wahlgang 14 Tage später wird mit einer Entscheidung zwischen Kuhn und Turner gerechnet.
Turners Mission: Stuttgart vor den Grünen retten. Dass die mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten stellen, daran haben die Schwarzen im Ländle auch anderthalb Jahre nach der Landtagswahl noch zu knabbern. Aber nun darf man nach dem Ausscheiden von CDU-Amtsinhaber Wolfgang Schuster um Gottes willen nicht auch noch Stuttgart an die Grünen verlieren. Die OB-Entscheidung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist so aufgeladen wie wohl noch keine zuvor in diesem Land. CDU-Landeschef Thomas Strobl misst der Wahl sogar "bundespolitische Bedeutung" zu.
"Er schmeißt mit Dreck"
Schon jetzt ist die Auseinandersetzung zwischen Kuhn und Turner ziemlich schmutzig. Dabei hat der Wahlkampf noch nicht einmal richtig angefangen.
Jüngstes Beispiel: Auf Turners Kandidaten-Website erscheint seit Juni eine Kolumne des ehemaligen Außenpolitik-Chefs der "Stuttgarter Zeitung", Adrian Zielcke, die sich zuletzt vor allem mit Kuhn beschäftigte. Zunächst nannte Zielcke den Grünen-Kandidaten in einer Kolumne zu alt, außerdem zu kleingeistig sowie führungsunerfahren im Vergleich zu Turner. Diese Art von "Negative Campaigning" führte Zielcke in seinem folgenden Text fort: Unter der Überschrift "Der kümmerliche Kümmerer" räsonierte er darüber, ob Kuhn zu wenig Engagement in seinem bisherigen Heidelberger Wahlkreis gezeigt habe.
Da reichte es dem Grünen-Kandidaten: Er drohte mit presserechtlichen Schritten und einem Star-Medienanwalt aus Berlin, worauf die entsprechende Passage verändert wurde. Für Kuhn ist klar: Kontrahent Turner betreibt eine "Schmutzkampagne".
Also schoss er zurück. Auf seiner Facebook-Seite schreibt der Grünen-Politiker: "In den Kolumnen von Adrian Zielcke, für die Sebastian Turner die presserechtliche Verantwortung trägt, werden immer wieder Falschbehauptungen vorgetragen." Sein Gegen-Kandidat habe "offensichtlich inhaltlich nicht viel zu bieten". Kuhn klagt: "Und deswegen schmeißt er mit Dreck, nach der Methode, irgendetwas würde schon hängen bleiben." Stefan Kaufmann, Chef der Stuttgarter CDU und Vorsitzender des Turner-Wahlvereins Bürger OB e.V., wies die Vorwürfe umgehend zurück und verteidigte den Kolumnisten Zielcke.
Wahlkampf-Fuchs gegen PR-Superstar
Aber hier haben sich natürlich auch zwei gefunden: Der bestens in der Union verdrahtete Turner gilt als PR-Superstar, er dachte sich den Ländle-Werbespruch "Wir können alles außer Hochdeutsch" aus und prägte Kampagnen wie die FAZ-Reihe "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf". Sein grüner Rivale wiederum ist ein Wahlkampf-Fuchs, kaum einer bei den Grünen hat so viel Kampagnen-Erfahrung wie Kuhn, die zur Bundestagswahl 2005 leitete er sogar persönlich.
Es geht hoch her zwischen den beiden. "War da nicht mal von einem Fairness-Pakt die Rede?", fragt Kuhn auf Facebook. Tatsächlich hatte Turner Anfang April dem Grünen-Kandidaten öffentlichkeitswirksam ein Paar Schienbeinschoner überreicht und ihm einen Fairness-Pakt vorgeschlagen. Kuhn lehnte dankend ab - mit dem Verweis auf die vorigen Attacken Turners. Der hatte am Tag seiner Nominierung erklärt, er käme vom "Geschäft", Kuhn dagegen vom "Geschwätz".
Auch im Netz deutet sich ein harter OB-Kampf an. Kuhn hat eine Mitarbeiterin in seinem Kandidaten-Büro angestellt, die vor allem den Social-Media-Bereich - also beispielsweise Facebook oder Twitter - im Auge behält. "Wenn die anderen was machen, sind wir eine Stunde später im Netz und halten dagegen", sagt Kuhn.
Zimperlich ist auch er nicht. Und zur Not arbeitet Kuhn altmodisch, wie bei den Senioren oben im Sillenbucher Augustinum. "Der Turner ist nicht unabhängig", sagt er zum Abschluss seiner Wahlkampfrede. "Der hat viel Geld mit Aufträgen von der CDU verdient." Kuhns Vorwurf: Das Unabhängigkeits-Label von Turner "grenzt an Wählertäuschung".
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