Hungerkatastrophe in Ostafrika Deutschland gibt 100 Millionen Euro extra

Deutschland gibt Ostafrika weitere 100 Millionen Euro gegen den Hunger. Das erklärte Entwicklungsminister Müller vor seiner Reise nach Äthiopien. Helfer vor Ort kritisieren, ihnen werde die Arbeit schwer gemacht.

AP

Die Hungerkrise in Ostafrika ist dramatisch wie lange nicht. Seit Monaten weisen Hilfsorganisationen und die Uno darauf hin, dass Millionen Menschenleben bedroht sind. Somalia steht am Rand einer Hungersnot, in Südsudan ist sie im Landesinneren seit Februar grausame Realität. Doch die Hilfe läuft nur schleppend an. Jetzt stellt Deutschland in Aussicht, 100 Millionen Euro an zusätzlicher Unterstützung zu gewähren.

Die Ankündigung machte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) zu Beginn einer Reise in die Krisenregion. Am Montag beginnt er in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, dann wird der Minister Projekte im besonders stark von einer Dürre und der somalischen Flüchtlings- und der Hungerkrise betroffenen Osten besuchen.

Durch den zusätzlichen Betrag stellt Müllers Ministerium der Region damit in diesem Jahr insgesamt 300 Millionen Euro zur Verfügung. Eine Sprecherin des Ministeriums sagte SPIEGEL ONLINE, wie und in welchen Ländern die zusätzlichen 100 Millionen Euro genau eingesetzt werde, entscheide sich im Lichte von Müllers Gesprächen vor Ort mit Vertretern der betroffenen Länder.

Uno-Generalsekretär Atonio Guterres in Sicherheitsrat
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Uno-Generalsekretär Atonio Guterres in Sicherheitsrat

Benötigt wird freilich deutlich mehr: Uno-Generalsekretär Antonio Guterres hatte im März erklärt, bis Ende des Monats würden 4,4 Milliarden US-Dollar allein für die Krisenherde Südsudan, Somalia, Nigeria in Westafrika und den Jemen auf der arabischen Halbinsel benötigt. Trotz großzügiger Zusagen habe man aber nur gut 90 Million US-Dollar erhalten.

1,7 Millionen Menschen brauchen Nahrungsmittelhilfe

In Ostafrika herrscht derzeit die schlimmste Trockenheit seit Jahrzehnten. Seit mehreren Jahren sind die Regenfälle geringer ausgefallen als gewohnt und teilweise ganz ausgeblieben. Als mögliche Auslöser gelten der menschengemachte Klimawandel und das Wetterphänomen El Niño, bei dem die veränderte Temperatur einer Meeresströmung Rhythmus und Stärke der Regenzeiten weltweit durcheinanderwirbeln. Darunter leiden besonders die Viehhirten. Die nomadisch lebende Bevölkerung findet kaum noch Weideflächen für ihre Herden, ihre Lebensgrundlage ist unmittelbar bedroht.

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Drohende Hungersnöte: Ostafrika braucht dringend Hilfe

Schon jetzt seien in der Region etwa 1,7 Millionen Menschen dringend auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen, sagte Müller. In Äthiopien litten rund 5,6 Millionen Menschen akut an Hunger, wie Müller erklärte.

Äthiopien habe aus früheren Dürren gelernt und diesmal "umfassend Vorsorge getroffen", so der Minister weiter. Trotzdem überfordere das Ausmaß der Dürrekrise "nicht nur Äthiopien, sondern die Region insgesamt": In Ostafrika, aber auch in Niger und Kamerun "sterben die Menschen an Hunger, weil die Weltgemeinschaft zu spät reagiert", kritisierte Müller. Darum fordere er einen dauerhaften Uno-Krisenfonds.

Äthiopien ist wichtiger Entwicklungspartner Deutschlands

Allerdings kritisieren Hilfsorganisationen auch die äthiopische Bürokratie: Sie mache es schwer, schnell auf die zusätzlich zu der Dürre auftretenden Flüchtlingskrisen im östlichen Somaliland oder im Westen zu reagieren. Dort wachsen die Flüchtlingslager wegen der Kriege im Südsudan und Somalia an, Äthiopien schließt als Reaktion immer wieder die Grenzen für Neuankömmlinge.

Die Helfer bemängeln, für sie sei es mitunter schwer, zügig Personal und Hilfsgüter ins Land zu bringen. Zitiert werden wollen die Organisationen mit ihrer Kritik nur ohne Namensnennung, weil sie Repressionen der autoritären Regierung Äthiopiens fürchten.

In Äthiopien gilt seit schweren Unruhen vor einem Vierteljahr der Ausnahmezustand, er wurde Ende März vom Parlament verlängert. Im Sommer und Herbst 2016 gab es bei regierungskritischen Protesten Ausschreitungen mit Dutzenden Todesopfern. Nach einem Erntedankfest im Juni sollen laut Augenzeugenberichten, gesammelt von der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, mehr als 400 Menschen erschossen worden sein. Die Regierung sah die Schuld dafür im Ausland und stritt die Zahl der Opfer ab.

Für die Bundesregierung ist das wirtschaftlich erfolgreiche und stabile Äthiopien ein wichtiger Partner in der Entwicklungszusammenarbeit. Das zuständige Ministerium hat für die akute Unterstützung Äthiopiens nach eigenen Angaben seit Herbst 2015 bereits knapp 74 Millionen Euro für Ernährungssicherung, Gesundheitsvorsorge und die Wasser- und Sanitärversorgung zur Verfügung gestellt. Betroffene Bauern erhalten zudem Hilfe für die Beschaffung von neuem Saatgut und Tierfutter.

cht/AFP

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