Sürücü-Todestag "Als ob mir Hatun jeden Moment begegnet"

Heute vor zwei Jahren wurde Hatun Sürücü von ihrem Bruder erschossen. Bei der Mahnwache kam es zum Eklat: Ein Berater der Familie Sürücü reißt das Wort an sich.

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Berlin - Die Bushaltestelle, an der Hatun Sürücü vor zwei Jahren von ihrem Bruder mit mehreren Kopfschüssen geradezu hingerichtet wurde, liegt an einer zugigen Häuserecke in der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof. Nur wenige Menschen kommen hier vorbei, in Sichtweite liegt ein Lidl am Rand der Straße. An der Straßenecke findet eine kleine Gedenkveranstaltung statt.

Bezirksbürgermeister Ekkehard Band: "Wer kann ermessen, welche Traurigkeit sie erfüllt haben muss?"
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Bezirksbürgermeister Ekkehard Band: "Wer kann ermessen, welche Traurigkeit sie erfüllt haben muss?"

Vor der braungrauen bröckelnden Häuserfassade steht Kevin, zehn Jahre alt. Er ging mit Hatun Sürücüs Sohn Can in den Hort. "Wer Hatun gekannt hat, der weiß, dass sie wahnsinnig nett war", sagt er. Berrin Öztasdelen, eine Freundin der Ermordeten sagt: "Zwei Jahre danach habe ich immer noch das Gefühl, jeden Moment läuft mir Hatun über den Weg."

Blumenkränze liegen an der Häuserecke - von der Grünen-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses, von der Tempelhofer Bezirksversammlung, von der CDU Tempelhof, von Freunden. Auf einem Schild steht: "Wir haben dich nicht vergessen Hatun" - auf deutsch und auf türkisch. Ein Gemälde zeigt Hatun und ihren kleinen Sohn. Vertreter türkischer Verbände sind nicht zu sehen.

"Das Blut der Schande"

Tempelhofs Bezirksbürgermeister Ekkehard Band von der SPD hat sich vor den Kränzen und Schildern aufgebaut. Kameraleute drängeln sich, als er seine Rede beginnt. Man habe sich getroffen, um einer jungen Frau zu gedenken, der mit "zwei Kugeln das Gesicht zerfetzt wurde, die noch eine brennende Zigarette in ihrer Hand hielt", an der "nicht das Blut der Ehre herunterlief, sondern das Blut der Schande des Ayhan Sürücüs" - Hatuns Bruder und Mörder.

Hatun, sagt Band, habe sich "auf den Weg gemacht in unserer Gesellschaft anzukommen", und wurde dafür von ihrer Familie verstoßen. Für "ihre Zielstrebigkeit, ihren Mut musste sie einen hohen Preis zahlen, sie wurde von ihrer eigenen Familie verabscheut. Wer kann ermessen, welche Traurigkeit sie erfüllt haben muss?", fragt er. Für solche Taten dürfe es "keinen kulturellen Rabatt" geben. Ein wenig zittern ihm die Hände.

"Wir wollen zeigen, dass wir den Mord niemals vergessen"

Band ist fertig, Franziska Eichstätt-Bohlig, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, ergreift das Wort - und wird sofort unterbrochen. Ein Mann, groß und kräftig, ruft, er sei im Namen von Hatuns Eltern hier und wolle eine Ansprache halten. Er schiebt sich durch die Kamerateams vor die Kränze und Schilder. Der Mann heißt Zakaereia Wahbi, ist Familienberater der Sürücüs und hatte in den vergangenen Tagen verbreitet, die Sürücü-Schwester Arzu kämpfe erneut um das Sorgerecht für Hatuns Sohn. "Eltern und Geschwister von Hatun betrauern unverändert diesen schweren Verlust", hebt er an. Einen Moment sind alle still - Hatuns Freunde, Bürger, Politiker.

Dann Empörung, Buh-Rufe: Bezirksbürgermeister Band geht, der Grünen-Politiker Özcan Mutlu geht, Eichstätt-Bohlig geht, Stadtrat Dieter Hapel von der CDU geht. Sie versammeln sich auf dem Bürgersteig, wenden Wahbi demonstrativ ihren Rücken zu. Eine Frau ruft: "Schämen Sie sich". Özcan Mutlu sagt: "Das ist unverschämt, sich hierhinzustellen, und zu sagen, dass die Familie trauert." Franziska Eichstätt-Bohlig erklärt den Auftritt des Sürücü-Familienberaters für "zynisch und makaber".

Der Auftritt zeigt die ganze Dramatik des Mordes: Dass die Familie wirklich trauert will niemand glauben. Noch immer steht nicht rechtskräftig fest, ob nicht doch noch mehr Familienmitglieder in den Mord verwickelt waren. Auch unter den Trauernden werden die Zweifel diskutiert: "Es ist klar, dass es nicht die Tat eines 17-Jährigen war", sagt Giyas Sayan. Er selbst habe Hatuns Vater gut gekannt, jetzt aber keinen Kontakt mehr. Hinter ihm murmelt jemand "erst umbringen, und dann trauern."

Gekommen um Hatun Sürücü zu gedenken, ist auch die Autorin Necla Kelek. Hatun Sürücü sei "symbolisch gestorben für Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben" führen wollten. Seit ihrem Tod habe sich viel geändert, sagt sie. Viele Frauen suchten heute in Frauenhäusern Hilfe. "Wichtig ist auch, dass Frauen lernen, dass sie ihrer eigenen Familie unter Umständen misstrauen müssen", sagt Kelek. Bis zur letzten Sekunde habe Hatun ihrem Bruder vertraut. Sonst wäre sie nicht mit ihm zur Bushaltestelle gegangen, wo sie starb.



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