Sürücü-Todestag: "Die Angst bestimmt den Alltag der Frauen"

Heute vor zwei Jahren wurde die 23-jährige Hatun Sürücü in Berlin von ihrem Bruder erschossen. Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates fürchtet, dass ein solcher Ehrenmord noch immer möglich wäre - im Interview wirft sie den türkischen Verbänden Untätigkeit vor.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ates, ein Ehrenmord auf offener Straße mitten in Berlin: Ist das auch zwei Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü noch denkbar?

Juristin Seyran Ates: "Die Zustimmung für Ehrenmorde ist keine Neuigkeit"
DPA

Juristin Seyran Ates: "Die Zustimmung für Ehrenmorde ist keine Neuigkeit"

Ates: Absolut - da gibt es meiner Ansicht nach leider keinen Zweifel. Es gibt jetzt eine öffentliche Debatte über das Thema. Das heißt: Es wird viel geredet. Aber an dem tatsächlichen Phänomen, an der Tatsache, dass Ehrenmorde unter Türken und Muslimen in Deutschland noch begrüßt werden, hat sich kaum etwas geändert. Das sieht man daran, dass Hatun Sürücüs Mörder, ihr Bruder Ayhan Sürücü, im Gefängnis offensichtlich als Märtyrer gefeiert wird. So liest man es zumindest in der Zeitung. Die Statistik aus der Türkei, die besagt, dass dreißig Prozent aller Studenten Ehrenmorde befürworten, lässt sich auch auf Deutschland übertragen. Zumal die türkische Gemeinschaft hier konservativer ist, so dass unter den türkischen Einwanderern mit einer noch höheren Zahl an Zustimmung zu rechnen ist.

SPIEGEL ONLINE: Es gab in Deutschland in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe so genannter Ehrenmorde. Wieso haben die anderen nicht so einen Aufruhr ausgelöst wie der an Hatun Sürücü?

Ates: Dass andere Morde kaum diskutiert wurden, ist auch einer meiner Kritikpunkte. Wobei ich nicht so verstanden werden möchte, dass Hatun Sürücüs Tod nicht besonders hervorzuheben ist. Natürlich war er ein besonders harter Fall. Aber auch andere Morde waren Ehrenmorde und auch dort sind Kinder zurückgelassen worden - es waren die gleichen Strukturen wie bei Hatun Sürücü. Bei ihr allerdings kamen mehrere Momente zusammen: Es waren drei Brüder, die angeklagt wurden, also für die Tat in Betracht kamen. Hinzu kam, dass nach der Tat Schüler im Unterricht die Tat begrüßt haben, weil Hatun "nicht gelebt hat, wie eine Deutsche", wie die Jugendlichen sagten. Der Rektor der Schule brachte diese Aussage der Schüler an die Öffentlichkeit. Zwar ist die Zustimmung keine Neuigkeit, aber bei dem Mord an Hatun erfuhr die Öffentlichkeit eben zum ersten Mal über Reaktionen aus der türkischen und muslimischen Gemeinde. Reaktionen, die alles noch erschreckender gemacht haben.

Ehrenmorde in Deutschland
Offizielle Zahlen
48 Menschen wurden seit 1996 in Deutschland Opfer von sogenannten "Ehrenmorden" - das ergab im Mai 2006 eine Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA). 36 der Opfer waren Frauen. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der "aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden".
Die meisten Fälle spielten sich in türkischen Familien ab. Die Täter waren zumeist Väter, Brüder oder Mütter der Opfer. "Blutrache-Delikte", die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht verwandte Opfer richten, gingen nicht in die Untersuchung ein.
Inoffizielle
Zu ähnlichen Zahlen wie das Bundeskriminalamt kommt die Organisation Terre des Femmes: Nach Auswertung von Zeitungsberichten gab es in Deutschland zwischen 1996 und 2005 mindestens 49 Ehrenmorde oder versuchte Morde wegen der vermeintlich verletzten Familienehre. Die Berliner Schutzeinrichtung Papatya hat alleine von Oktober 2004 bis Januar 2005 acht Ehrenmord-Opfer verzeichnet.
Dunkelziffer
Experten schätzen, dass die Dunkelziffer der Ehrenmorde sehr groß ist - denn viele der Morde tauchen nicht in der Zeitung auf oder werden nicht so zur Anzeige gebracht, dass sie als Ehrenmord zu identifizieren sind. Eine gesonderte Kriminalitätsstatistik über Ehrenmorde gibt es in Deutschland nicht.
International
In der Türkei sind nach Regierungsangaben in den vergangenen sechs Jahren etwa 1800 Frauen im Namen der Ehre ermordet worden - das heißt fast jeden Tag eine. Die Uno schätzt die Zahl der Ehrenmorde jährlich weltweit auf etwa 5000. Die höchste Ehrenmordrate hat Pakistan.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen Milieus kommen Menschen, die so einem Mord zustimmen?

Ates: Das sind vor allem Menschen, die sehr abgeschottet in Deutschland leben. Die eventuell einen Bezug zur deutschen Gesellschaft haben, weil sie hier arbeiten oder zur Schule gehen, die sich aber emotional und geistig distanzieren. Diese Leute sind zwar körperlich anwesend, fühlen aber psychisch keine Verbindung mit Deutschland - meist Menschen aus bildungsfernen Familien, nicht unintelligent, aber wenig gebildet. Wobei sich die Sürücü-Brüder ja offenbar besser auf Deutsch artikulieren können als viele Passanten in Neukölln.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die türkischen Verbände kritisiert, nur Lobbypolitik zu machen...

Ates: ...in der Tat. Diese Verbände, übrigens vor allem Männer, hätten längst eine niedrigschwellige Arbeit mit den Migranten etwa in Cafés anfangen können - Aufklärung, mit den Leuten sprechen. Nur durch den direkten Umgang mit den Leuten, kann man etwas ändern. Nichts davon ist passiert. Es macht mich wirklich sauer, dass die großen Verbände in der Öffentlichkeit so tun, als hätten sie schon tausend Integrationsprojekte gestartet, die alle wahnsinnig erfolgreich sind. Das ist erstunken und erlogen. Mich konnten sie von ihrem Erfolg noch nicht überzeugen, die Realität zeigt eine andere Wahrheit. Ich fordere: Es muss eine Umfrage geben, wieviele der Türken und Kurden sich überhaupt von diesen Verbänden vertreten fühlen? Wahrscheinlich ziemlich wenig. Nur dort, wo die Arbeit niedrigschwellig ist, immer da, wo Menschen nicht in der Öffentlichkeit sind, aber kleine Projekte an den Schulen machen, wo sie um Unterstützung kämpfen müssen, Kontakt zu den Familien aufrecht erhalten - wird wahre Integration geleistet. Die emsigen Kleinstarbeiter sind die wahren Integrationspolitiker: Nachbarn, Lesepaten, die sich für die Familien engagieren, Mitarbeiterinnen vom Weißen Ring, die in die Familien gehen und dort Hilfe leisten, einzelne Schulen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Mandantinnen hatten Angst davor, umgebracht zu werden, falls sie sich von ihren Männern scheiden lassen. Können Sie schätzen, wie viele Frauen in Deutschland um ihr Leben fürchten, weil sich die Familie rächen könnte?

Ates: Aus meinen Erfahrungen sind es 90 Prozent, die Angst haben, umgebracht zu werden, falls sie das Haus verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das realistisch?

Ates: Nein, das ist natürlich nicht realistisch - aber das ist eine Angst, die man ernst nehmen muss. Denn dieses Gefühl bestimmt das Leben und den Alltag dieser Frauen und das Heranwachsen von Kindern. Im Übrigen: Türkische und kurdische Taxifahrer sind für solche Einschätzungen eine gute Quelle - sie bekommen die Realität in den Parallelgesellschaften eins zu eins mit, im Gegensatz zu den Lobbyisten der türkischen Verbände. Taxifahrer reden mit den Menschen. Und sie sagen mir: Frau Ates, neunzig Prozent der Leute, die ich kenne, prügeln ihre Frau. Das sind Männer.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie haben sich von einem strengen, traditionellen Elternhaus befreit. Auch Sie sind von türkischen Männern bedroht worden - vor 22 Jahren hat ein türkischer Nationalist auf Sie geschossen. Als Anwältin bekamen Sie Morddrohungen. Im Sommer griff Sie ein türkischer Mann an. Gibt es Parallelen zwischen Ihrem Leben und dem von Hatun Sürücü?

Ates: Es gibt die Parallele, dass Hatun Sürücü genauso wie ich ein freieres, selbstbestimmtes Leben wollte. Das musste ich mir in meiner Familie erkämpfen. Die nächste Parallele ist, dass ich genauso wie Hatun den Kontakt zu meiner Familie nicht verlieren und aufgeben wollte. Und auch bei mir gab es Menschen aus der türkischen Community, die mein Leben verachtet haben. Ich habe mir auch von türkischen Männern anhören müssen: "Wie kannst du deine Familie verlassen?" oder "Du prostituierst dich bei Deutschen". Das Attentat vor 22 Jahren auf den Frauenladen, in dem ich arbeitete, war ein Anschlag auf das freie selbstbestimmte Leben von Frauen. Das galt nicht mir persönlich, trotzdem wurde ich damals lebensgefährlich verletzt. Und Hatun Sürücü musste sterben, weil sie ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie es der Familie von Hatun Sürücü ab, wenn sie verbreiten lässt, dass sie tief trauert?

Ates: Nein. Ich habe mehrere Fotos des Grabes von Hatun Sürücü gesehen. Es war nicht gepflegt, noch Monate nach ihrem Tod war dort nur ein Kreuz, das aussah wie eine Zielscheibe. Wie ein Grab gepflegt wird, ist ein Indiz dafür, wie eine Familie trauert. Wohlwollend kann man natürlich auch sagen, jeder trauert auf seine Weise.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ehrenmorde etwas mit dem Islam zu tun, oder ist es eher ein archaisches Verbrechen, begangen von einem patriarchalen System, in dem das Individuum nichts zählt?

Ates: Sowohl als auch. Jede der großen Weltreligionen und alle Gesellschaften in der Welt sind patriarchal strukturiert. Der Islam kann sich nicht ganz davon freisprechen, von dem patriarchalen, archaischen System beeinflusst zu sein und umgekehrt. Und man kann den Islam auch nicht von der Verantwortung, dass Religion Kultur beeinflusst und bedingt, freisprechen. Verbrechen im Namen der Ehre sind kein islamisches Problem, aber es gehört auch in die Sphäre des Islam. Deshalb finde ich es absolut verantwortungslos und unehrlich von den Vertretern muslimischer Verbände, wenn sie sagen, "Ehrverbrechen" haben nichts mit dem Islam zu tun und sich so aus der Debatte herausziehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Angst in Ihrem Leben? Wollen Sie wieder arbeiten?

Ates: Angst spielt eine sehr große Rolle für mich. Ich traue mich nicht, eine Kanzlei zu öffnen und alleine dort zu arbeiten. Wenn ich meine Arbeit jemals wieder aufnehmen sollte, dann nur im Schutz einer größeren Kanzlei oder innerhalb einer Institution. Weil ich Angst um mein Leben habe, bin ich sehr häuslich geworden.

Das Interview führte Anna Reimann

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