Superwahljahr Hamburg-Pleite lässt die Grünen zittern

Es soll ihr Superwahljahr werden, doch der Start ging daneben: Ein maues Ergebnis, keine Regierungsbeteiligung in Hamburg - viel schlechter hätte es für die Grünen kaum kommen können. Nun geht die Angst vor dem Absturz um. Mancher Demoskop sieht allen Grund dazu.

Von

Grünen-Chef Özdemir: Angst vor dem Absturz im Superwahljahr
dapd

Grünen-Chef Özdemir: Angst vor dem Absturz im Superwahljahr


Berlin - Der Glückwunsch-Blumenstrauß und Anja Hajduk, das ergibt an diesem Montag kein stimmiges Bild. Zum Beglückwünschen gibt es für die Grünen-Spitzenkandidatin nach der Hamburg-Wahl wenig in der Berliner Parteizentrale. Und weil sie das selbst am allerbesten weiß, legt Hajduk das Gebinde schneller aus der Hand, als manche Fotografen Klick machen können. Grünenchef Cem Özdemir steht daneben und lächelt mindestens so angestrengt wie seine Parteifreundin aus der Hansestadt.

Hamburg, das war gar nichts.

Dabei sollte für die Grünen in der Hansestadt der Startschuss für ihr Superwahljahr erfolgen. Die von manchen schon zur Volkspartei Erhobenen wollten 2011 richtig Gas geben - bundesweite Umfragen um die 20 Prozent schienen das zu rechtfertigen. In Hamburg hatte man die Koalition mit der CDU im Herbst auch deshalb aufgekündigt, weil die Umfragen für Neuwahlen satte zweistellige Werte vorhersagten - eine rot-grüne Neuauflage war fest eingepreist. Stattdessen sind Hajduk und ihre grünen Senatoren- und Staatsrat-Kollegen nun alle Ämter los, demnächst darf man sich in der Bürgerschaft um die wenigen interessanten Posten einer Oppositionsfraktion kloppen.

Vom erhofften Rückenwind für die grünen Wahlkämpfer bei den nächsten Urnengängen - in einem Monat in Sachsen-Anhalt und eine Woche darauf in Baden-Württemberg - zieht von Elbe und Alster nicht einmal ein laues Lüftchen Richtung Süden. Stattdessen bemüht sich die Parteispitze seit Sonntagabend nach Kräften, das enttäuschende Hamburger Ergebnis von rund elf Prozent zu relativieren.

Die Stimmung könnte kippen

Bei Özdemir klingt das so: "Das war eine klare Hamburg-Wahl", sagt er. Ein Ausrutscher soll das Grünen-Ergebnis also gewesen sein, alle folgenden Wahlen würden demnach unter ganz anderen Vorzeichen stehen - so die Botschaft. In Wirklichkeit geht seit dem Wahlabend die Sorge um bei den Grünen, dass nun die Stimmung kippen könnte.

Der Traum von den Regierungschef-Sesseln in Baden-Württemberg und Berlin droht zu zerplatzen.

Aus Sicht mancher Demoskopen ist diese Sorge nicht unbegründet. Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, die für das ZDF regelmäßig das Politbarometer erstellt, sagte SPIEGEL ONLINE: "Der ganz große Hype auf Bundesebene ist bei den Grünen auf dem Weg der Normalisierung." Und diese Normalisierung - das die schlechte Nachricht für die Grünen - "dürfte sich nach der Hamburg-Wahl zunächst auf jeden Fall fortsetzen". Auch für Jungs Kollege Manfred Güllner vom Forsa-Institut ist das Grünen-Hoch mit der Hamburg-Wahl beendet.

Nach außen geben sich die Grünen gelassen. "Umfragen sind keine Wahlergebnisse", sagt Parteichef Özdemir, deshalb hätte man stets vor zu großer Euphorie gewarnt. Seine Co-Vorsitzende Claudia Roth erklärte noch am Wahlabend trotzig, "jetzt geht es volle Kanne" Richtung der kommenden Wahlen.

Aber im Parteirat - dem wichtigsten Führungsgremium der Grünen - soll man am Montagvormittag durchaus in gedämpfterer Stimmung diskutiert haben als bei den vergangenen Zusammenkünften. Klar, die Wahl in Hamburg hätte auch noch schlimmer ausfallen können für die Grünen - darin war man sich einig. Aber wie geht es nun weiter? Wie den Negativ-Trend verhindern?

Manches klingt bereits ein bisschen nach Durchhalteparolen. Beispielsweise wenn Parteichef Özdemir versichert, dass "unsere Wahlkämpfer jetzt noch viel motivierter sind". Das sollten sie wohl auch sein: So ist aus Baden-Württemberg zu hören, dass sich die dortigen Sozialdemokraten inzwischen wieder Chancen auf den zweiten Platz hinter der CDU ausrechnen - in den Umfragen war die SPD über Monate weit hinter den Grünen abgeschlagen.

Und nicht alles scheint glatt zu laufen im Grünen-Wahlkampf. So wurde im Parteirat am Montag kritisch angemerkt, dass in Sachsen-Anhalt bisher kaum Grünen-Plakate im Straßenbild zu entdecken seien. Im Magdeburger Landtag, wo die Partei bisher nicht vertreten ist, soll der Einzug dieses Mal unbedingt gelingen. "Alles andere wäre wirklich gar nicht cool", sagt ein führender Grüner.

Denn sonst droht spätestens dann - sieben Tage vor der Wahl in Baden-Württemberg - die nächste Absturz-Debatte.

Forum - SPD-Triumph in Hamburg - was bedeutet der Sieg für die Stadt?
insgesamt 997 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alaxa 20.02.2011
1. Ich tippe
Ich tippe mal auf so um die 10% ungültige Stimmen... Warum auch immer.
kleiner-moritz 20.02.2011
2. ...
Zitat von sysopDie SPD steht bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg vor der absoluten Mehrheit. Damit wird es nach zehn Jahren wieder einen solzialdemokratischen Bürgermeister geben. Was halten Sie von diesem Ergebnis?
Falls es so kommt, wie einige prophezeien, dann frage ich mich, warum haben dann die Hamburger gegen die Schulreform gestimmt, die doch unübersehbar Grün-gefärbt war?
mi_scha_hamburg 20.02.2011
3. Oweia...
Zitat von sysopDie SPD steht bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg vor der absoluten Mehrheit. Damit wird es nach zehn Jahren wieder einen solzialdemokratischen Bürgermeister geben. Was halten Sie von diesem Ergebnis?
Tja - schade eigentlich für Hamburg, da das vermutlich auch der einzige qualifizierende Unterschied zwischen den beiden bleiben wird. Ich wette mal, ich habe es noch schneller geschafft - war aber auch einfach, die einzige halbwegs akzeptable Alternative zwischen den üblichen Sesselklebern zu treffen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass weder Grün noch Gelb, weder Rot noch Schwarz die wirklichen Gewinner werden. Und erst Recht nicht die Sch...-braunen. Aber egal, wie das Ergebnis aussehen wird - es sind ja grundsätzlich immer nur Gewinner am Wahlabend anzutreffen.
Euron 20.02.2011
4. Einfach:
Zitat von kleiner-moritzFalls es so kommt, wie einige prophezeien, dann frage ich mich, warum haben dann die Hamburger gegen die Schulreform gestimmt, die doch unübersehbar Grün-gefärbt war?
Weil sich deren Publikum am Entscheidungstag lieber auf dem Sofa gewälzt hat.
olfma 20.02.2011
5.
Absolute Mehrheit! CDU am Boden Grüne geerdet FDP wieder in der Bürgerschaft, was sehr ärgerlich ist. Da sind wohl ein paar frustrierte CDU-Wähler zur FDP gewechselt Jetzt muss Mutti in Berlin erst mal kräftig Luft holen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.