Symbol-Streit in der Sonnenallee: "Schwarz-Rot-Gold muss draußen bleiben"

Von Kevin Hagen

Schland hat nicht nur Fans: In Berlin-Neukölln halten linke Kneipenwirte jedes schwarz-rot-gelbe Armbändchen für einen Ausbruch von Nationalismus. In einer Bar an der Sonnenallee gehen sie sogar rigoros gegen die Deutschland-Farben vor - und provozieren einen bizarren Streit um Symbole.

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Schland-Verbot in einer Kneipe in Berlin-Neukölln: "Wir haben keinen Bock auf so etwas!"

Berlin - Thomas Johnson zeigt auf den Zettel, der in der Glastür der kleinen Kneipe klebt. "SCHWARZ ROT GOLD MUSS DRAUSSEN BLEIBEN …UND ANDERE DEUTSCHLAND-SYMBOLE AUCH" steht darauf in großen blauen Buchstaben. Johnson guckt ihn sich noch einmal an, als wolle er sich vergewissern, ob das, was er erlebt hat, auch wirklich wahr ist. Dann geht er vorbei und setzt sich ein paar Meter weiter in ein Straßencafé. Er möchte jetzt erzählen.

Die Sache brennt ihm unter den Nägeln.

Berlin-Neukölln, das Gebiet um die Sonnenallee - das ist sein Kiez. Vor fünf Jahren ist er in den Multikulti-Stadtteil gezogen, hat ein Jurastudium begonnen. Johnson schaut sich um. Dass man ihm seine afroamerikanischen Wurzeln ansieht, stört hier niemanden. "Hier fühlt man sich nicht als Exot", meint er.

Die Bedienung bringt eine Cola. Als der 25-Jährige danach greift, rutscht das kleine Armband an seinem rechten Handgelenk ein Stück herunter. Es zeigt die Nationalfarben: Schwarz-Rot-Gold. "Nur für die WM", sagt Johnson. "Ich möchte einfach meine Freude darüber ausdrücken, dass unsere Mannschaft so weit gekommen ist. Das hat etwas Spielerisches."

Dass auch viele Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Farben Jogi Löws Elf bei der Fußball-WM bejubelten, sorgte in den vergangenen Wochen für viel Aufsehen.

Manche deuten das als Zeichen gelungener Integration. Andere haben dafür weniger Verständnis. Seit Tagen tobt in der Sonnenallee ein Kampf um die Riesenflagge eines Deutsch-Libanesen. Es waren vermutlich Autonome, die das Banner mehrfach von der Wand gerissen hatten. Doch der Flaggenbesitzer blieb stur und sorgte stets für Ersatz.

Fortsetzung des Flaggenkrieges

Nun geht der Zank weiter - in anderer Form: Was Thomas Johnson erzählt, klingt wie die Fortsetzung des Flaggenkriegs, wie ein neuer Teil einer Geschichte voller Missverständnisse.

Im Internet habe er von der Lesung in der Neuköllner Kneipe erfahren. "Rassismus auf gut Deutsch" war das Thema, es ging um Diskriminierung in der Sprache. Er habe sich auf den Abend gefreut, erzählt Johnson, Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners, und nippt an seiner Cola. "Ich komme aus einem kleinen Ort in Hessen. Wegen meiner Hautfarbe hatte ich es dort nicht immer einfach." An die Beschimpfungen in der Schule und auf manchen Dorffesten kann er sich noch gut erinnern. "Nigger" hätten einige gerufen. Und "Scheiß Schwarzer". "Das hat mich ziemlich getroffen", sagt Johnson, "aber auch selbstbewusster gemacht."

Bei der Lesung in dem Neuköllner Café, so hoffte er, könne er vielleicht einige Erfahrungen austauschen. Mit drei Freunden machte sich Johnson auf den Weg. Er hatte ein kurzes T-Shirt an und sein Deutschland-Bändchen. Doch kaum angekommen, kam eine Kellnerin auf ihn zu. Er solle sein Armband ausziehen, habe sie gefordert und auf das Schild am Eingang gezeigt. Deutschland-Symbole seien hier verboten. "Ich war einfach total verwirrt", erzählt Johnson. Die Erklärung der Bedienung sei jedoch deutlich gewesen: "Wir haben keinen Bock auf so etwas!"

Ein Mann mit dunkler Hautfarbe bekommt Ärger - wegen seines Bekenntnisses zu Deutschland. Verkehrte Welt.

Links und patriotisch? Das ist hier nicht erwünscht

Linke gibt es in Neukölln wie Sand am Meer. Hier fühle er sich eigentlich wohl, sagt Johnson. Der 25-jährige Jurastudent trägt ein blaues T-Shirt und darüber eine lockere Weste. Das sieht irgendwie alternativ aus und das soll es auch. Über Johnsons linkem Auge blitzt ein Piercing. "Ich sehe mich selbst als Linker", sagt er. Er gehört dazu. Dachte er bislang.

Denn links und patriotisch, das ist in bestimmten Kreisen offenbar nicht gewünscht.

So etwas wie an jenem Abend in der Kneipe hat er noch nicht erlebt, meint Johnson. Er überlegt einen kurzen Moment. "Das hat mich schon sehr an das Gefühl von früher erinnert", sagt er, "das Gefühl diskriminiert zu werden." Ihm sei dann nichts anderes mehr eingefallen als "viel Spaß bei der Lesung gegen Diskriminierung zu wünschen". Dann sei er gegangen. "Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre." Johnson wollte die Situation nicht eskalieren lassen.

Was sagen die Kneipenbesitzer zu der Sache?

Ortstermin: Die Gaststätte liegt in einer Seitenstraße der Sonnenallee. Sie ist ein sogenanntes Kneipenkollektiv, wird also gleichberechtigt von mehreren Personen geführt. Es ist früher Abend, noch ist nicht viel los hier. Er könne der Presse keine Auskunft geben, meint ein Mitarbeiter, der hinter dem Tresen steht. Er könne als Einzelner nicht für die ganze Gruppe sprechen.

Doch auch per Mail wollen die Kneipenbetreiber nichts sagen, nichts zum Schild in der Tür, nichts zu Thomas Johnson. Ihre Antwort ist knapp, aber von der Ausdrucksweise, wie sie für diese Szene seit Jahrzehnten typisch ist. Es sei nicht ihre Aufgabe, "politische Bildungsarbeit zu leisten", heißt es. Außerdem verstünde man nicht, "warum sich Menschen überhaupt mit einem ausschließenden Kollektiv wie der deutschen Nation identifizieren wollen".

Thomas Johnson kann das nicht verstehen. "Ich finde im Kontext der WM sollte man das alles nicht so politisch betrachten", sagt er. In solchen Momenten ist er einfach nur Fan.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 361 Beiträge
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    Seite 1    
1. Zuviel Sonne
Mike Mail 10.07.2010
In meinen Augen haben die alle eindeutig zuviel Sonne abbekommen. Vielleicht mal eine Bildungsreise in ein kommunistisches Land machen. Da lernen sie dann ganz schnell, was nationalistische Symbolik wirklich bedeutet. Schlage Nordkorea vor. Meinetwegen können die auch gleich da bleiben. Gibt es allerdings nicht so viele Autos zum Abfackeln.
2. die sogenannten linken...
captain_ahab 10.07.2010
Zitat von sysopSchland hat nicht nur Fans: In Berlin-Neukölln halten linke Kneipenwirte jedes schwarz-rot-gelbe Armbändchen für einen Ausbruch von Nationalismus. In einer Bar an der Sonnenallee gehen sie sogar rigoros gegen die Deutschland-Farben vor - und provozieren einen bizarren Streit um Symbole. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,705107,00.html
...sind schon deshalb nicht links, weil sie nicht mal ihre eigenen wurzeln versteht: freiheit ist immer die freiheit der andersdenkenden. schon gut, daß der haufen vom verfassungschutz beobachtet wird. in der qualität der anschauungen ist dieser teil des politischen (oder gesellschaftlichen) spektrums nicht von npd und tumbem nazigedröhns zu unterscheiden.
3. Where´s the story?
Haarp 10.07.2010
Ouch Ouch Ouch Ouch
4. Wer es nicht...
jdm11000 10.07.2010
Zitat von sysopSchland hat nicht nur Fans: In Berlin-Neukölln halten linke Kneipenwirte jedes schwarz-rot-gelbe Armbändchen für einen Ausbruch von Nationalismus. In einer Bar an der Sonnenallee gehen sie sogar rigoros gegen die Deutschland-Farben vor - und provozieren einen bizarren Streit um Symbole. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,705107,00.html
... nicht begreift, was prinzipielle Oppostion, radikales Antideutschtum wirklich bedeutet, der kann dies auch nicht verstehen. Es geht nur darum, Normalos zu diskriminieren, auszugrenzen und sich andersartig darzustellen. Dies ist eben im absolutem Gegensatz zum Nazitum zu sehen - Kommunisten sind eben nicht / können / dürfen nicht Nationalisten sein. Folglicherweise ist das für sie auch keine Diskriminierung. Wer das nicht verstanden hat - kann auch nicht einer der ihren sein. Komisch - als Linker sollte man sich schon ein wenig mit der Theorie und der Phylosophie beschäftigen. Eine Internationale ist eben keine Nationale.
5. .
raka 10.07.2010
Zitat von sysopSchland hat nicht nur Fans: In Berlin-Neukölln halten linke Kneipenwirte jedes schwarz-rot-gelbe Armbändchen für einen Ausbruch von Nationalismus. In einer Bar an der Sonnenallee gehen sie sogar rigoros gegen die Deutschland-Farben vor - und provozieren einen bizarren Streit um Symbole. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,705107,00.html
Wenn das SPON-Forum allen Verrückten aus Berlin die Aufmerksamkeit eines eigenen Themas zukommen lässt, dann wird das Forum bald proppevoll sein ... :o)
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