Syriens Herrscher Ließ Assad den eigenen Schwager ermorden?

2012 starb der Schwager von Syriens Diktator Assad - offiziell bei einer Bombenattacke der Rebellen. Doch laut "Wall Street Journal" belasten Quellen nun die Regierung selbst. Der Machthaber habe lästige Kritiker beiseiteschaffen wollen.

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Damaskus/Hamburg - Der 18. Juli 2012 war ein entscheidender Tag im syrischen Bürgerkrieg. In einem Gebäude der Sicherheitskräfte in Damaskus explodierte ein Sprengsatz, vier hohe Vertreter des Regimes von Präsident Baschar al-Assad wurden getötet. Unter ihnen: Assif Schaukat, Schwager des Machthabers, ehemaliger Vize-Verteidigungsminister und einer der wichtigsten Köpfe des Regimes in Sicherheitsfragen.

Die Attacke auf den innersten Kreis des Assad-Regimes machte die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des eskalierenden Konflikts zunichte. Durch das Blutbad, das sofort den Rebellen zugeschrieben wurde, sahen sich die Hardliner rund um den Präsidenten in ihrem Kurs gegen das eigene Volk bestätigt. Gegen diese Barbaren muss man gnadenlos sein - so die Botschaft.

Laut "Wall Street Journal" gibt es jedoch noch eine andere Tätertheorie, die der US-Zeitung von einer Reihe syrischer Quellen geschildert wurde: Demnach handelte es sich bei der Attacke um einen Insider-Job. Assad habe sich lästiger Stimmen in seinem Kreis entledigen wollen, die noch immer auf Verhandlungen mit den Rebellen gesetzt hätten.

Eine der Quellen des "Wall Street Journal" ist Manaf Tlass, Ex-General der berüchtigten Republikanischen Garden und ehemals enger Freund von Assad.

Ex-Assad-Berater Tlass (Archivbild): "Baschar zerstört sein Land"
AFP

Ex-Assad-Berater Tlass (Archivbild): "Baschar zerstört sein Land"

Tlass hatte sich zwölf Tage vor dem Anschlag in die Türkei abgesetzt, auch das ein schwerer Schlag für den Machthaber. Inzwischen in Frankreich im Exil, hält er eine Beteiligung des Regimes an dem tödlichen Attentat für wahrscheinlich. "Baschar hat sich nie für echte Reformen entschieden. Er zerstört lieber sein Land, als Macht abzugeben", so Tlass im "Wall Street Journal".

Zusammen mit Schaukat habe auch er sich für Verhandlungen mit den Demonstranten und Rebellen stark gemacht - und musste deswegen nach eigenen Angaben ebenfalls um sein Leben fürchten. Einem versuchten Anschlag sei er selbst knapp entronnen und habe sich danach in die Türkei gerettet. Schaukat habe weniger Glück gehabt, so der frühere Assad-Vertraute.

Schon am Tag des Anschlags selbst hatte es widersprüchliche Theorien zum Ablauf der Attacke gegeben. In ersten Meldungen war von einer Autobombe die Rede gewesen, dann von einem Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel. Schließlich bekannten sich mit der Freien Syrischen Armee (FSA) und der Gruppe Liwa al-Islam auch noch gleich zwei Rebellenorganisationen gleichzeitig zu dem blutigen Zwischenfall.

"Wir waren damals Amateure"

Dabei räumen inzwischen sogar hohe Vertreter der syrischen Rebellen ein, dass man im Sommer 2012 etwas vorschnell reagiert haben könnte. "Wenn Sie mich damals gefragt hätten, hätte ich gesagt: 'Das waren unsere heldenhaften Rebellen'", zitiert das Blatt einen namentlich nicht genannten hohen Oppositionellen: "Jetzt kann ich sagen 'Nein, wir waren damals Amateure'." Trotzdem habe man die Gelegenheit genutzt - und sich mit dem Anschlag gebrüstet.

Tatsächlich stärkte der Angriff, zumindest kurzfristig, die Moral in Reihen der Aufständischen. Mittelfristig hatte der Tod der Offiziellen jedoch noch einen anderen Effekt. In den Wochen nach der Attacke verstärkte Iran seine Unterstützung für das taumelnde Assad-Regime. Als wichtigster Verbündeter entsandte Teheran Waffen, Geld, Ausbilder und Truppen nach Syrien.

Der Chef der iranischen Revolutionsgarden, Mohammed Ali Dschafari, hatte im September 2012 erstmals bestätigt, dass Mitglieder seiner Truppe sich in Syrien aufhielten. Ohne die Unterstützung aus dem Ausland, hätte sich Assad kaum bis heute an der Macht halten können.

jok



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insgesamt 8 Beiträge
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joG 20.12.2014
1. Ist es wichtig, ob...
....Assad diesen oder jenen ehemals mächtigen Verwandten tötete? Schauen Sie was wir zulassen, das er dort mit Millionen Menschen macht. Wir sollten nicht so heucheln. Wir hätten ihn vor 20 Jahren vor die Sinnfrage stellen sollen. Aber wir ließen ihm die Macht über ein ganzes Volk.
Peter Lublewski 20.12.2014
2. Glaube ich niemals,
"Der Machthaber habe lästige Kritiker beiseite schaffen wollen." schließlich hat hier im Lauf der Woche der User "Dengar" behauptet, Herr Assad sei demokratisch gewählt worden (Schenkelklopfer!!). Da macht der sowas doch nicht.
jamguy 20.12.2014
3. Assad
Dem Typ is vollkommen schnurz das Sein ganzes Land in Schutt und Asche liegt und Er denkt auch nicht daran zu gehen!Also liegt auf der Hand das er den Schwager beseitigen lies?
arrache-coeur 20.12.2014
4.
Auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, dass Assad seinen Schwager beseitigen liess, ist Ihre Kausalkette nicht stichhaltig. Es liegt eben nichts auf der Hand, zumal sich gleich zwei "Oppositionsgruppen" zum Anschlag bekannten.
rayon2 20.12.2014
5. Jaemmerlich
Naja, vielleicht strickt da auch ja auch jemand an seiner eigenen Legende. Auch Göring wollte am Ende angeblich über den Frieden verhandeln, aber der Führer ließ ihn ja nicht... Manaf Tlass war nicht nur Freund von Assad, sondern gemeinsam mit den ermordedeten Schwiegersohn Assad auch ein aktiver Mitttaeter in all den Verbrechen des Regimes die Jahre davor. jetzt sich als den irgendwie guten zu praesentieren ist fast widerlich. Vielleicht wurde es der Glaubwürdigkeit von Tlass zutraeglich sein, wenn er all seine gestohlenen Milliarden den syrischen Flüchtlingen zur Verfügung stellte...
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