Debatte über Bodentruppen Der schwierige Krieg gegen den IS

Frankreich antwortet auf den Terror von Paris mit Luftschlägen gegen den IS. Steht jetzt auch der Einsatz westlicher Bodentruppen in Syrien bevor? Ein solcher birgt große Risiken.

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Französischer "Rafale"-Jet (Bild des Verteidigungsministeriums): Schnelle Reaktion gegen den IS
French Defence Ministry/ REUTERS

Französischer "Rafale"-Jet (Bild des Verteidigungsministeriums): Schnelle Reaktion gegen den IS


Französische Kampfjets des Typs "Rafale" starten zur Nachtstunde zum Einsatz gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien. Die Bilder haben eine klare Botschaft: Sie sollen einer verunsicherten Nation Stärke zeigen.

Sind die Luftschläge Vorboten für ein noch größeres Engagement der "Grande Nation", für einen Einsatz von Bodentruppen? Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat nach den Terroranschlägen von Paris von einem "Kriegsakt" gegen sein Land gesprochen und eine "gnadenlose Jagd" gegen die Drahtzieher angekündigt.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach Frankreich dabei zwar "jedwede Unterstützung". Doch inzwischen reagiert Berlin zurückhaltender, gerade wenn jetzt über erweiterte Militäroperationen diskutiert wird. Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist gegen deutsche Kampfjets über Syrien. "Es macht keinen Sinn, dass jetzt zu den 16 Nationen, die Bereitschaft gezeigt haben, Luftangriffe in Syrien zu fliegen, eine 17., 18. oder 19. hinzukommt", sagte der SPD-Politiker jetzt. Tatsächlich bringt ein stärkerer Einsatz des Westens erhebliche Risiken mit sich.

Der schwierige Bodenkrieg

Frankreich hat klargemacht, dass es keinen Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 des Vertrags verlangt. Wohl aber hat das Land inzwischen offiziell um Beistand der Europäischen Union nach Artikel 42 des EU-Vertrages gebeten. Welche Erwartungen damit verbunden sind, ist derzeit noch unklar.

Ein Bodenkrieg aber ist vorerst unwahrscheinlich. Ohne konkrete Hilfe der Nato, vor allem aber der bislang zurückhaltenden Amerikaner, könnte Frankreich ihn nicht führen. Schon bei der Auswahl der jetzigen Bombenziele muss Paris auf Daten aus den USA zurückgreifen. Auch die Stärke der in den vergangenen Jahre geschrumpften französischen Armee - derzeit noch rund 215.000 Frauen und Männer, davon rund 115.000 beim Heer - spricht nicht dafür, dass Frankreich zu einem womöglich länger andauernden Einsatz fähig wäre, zumal französische Truppen etwa in Mali gegen islamistische Milizen kämpfen. Die schwierige Haushaltslage Frankreichs (die Defizitgrenze nach dem Maastricht-Vertrag kann auch im kommenden Jahr nicht eingehalten werden) würde unter einem längeren Krieg zusätzlich angespannt. Ein Ausweg: Die Militärausgaben werden aus der Defizitberechnung herausgehalten, eine Forderung, die Paris immer mal wieder erhoben hat.

  Französische Soldaten in Nordmali (Archiv): Bodentruppen auch gegen den IS?
REUTERS

Französische Soldaten in Nordmali (Archiv): Bodentruppen auch gegen den IS?

Zudem setzt ein Bodenkrieg schwierige diplomatische Vorarbeiten voraus: Wäre der Einsatz nicht von einem Uno-Mandat gedeckt, müsste das Assad-Regime diesen zumindest dulden. Das aber ist wenig wahrscheinlich, zumal Paris bislang scharf gegen Assads Verbleib an der Macht argumentierte. Der Diktator kämpft im Bürgerkrieg nicht nur gegen den IS, sondern vor allem gegen die sogenannte gemäßigte Opposition. Da Baschar al-Assad zudem von Russland und Iran militärisch unterstützt wird, müssten auch diese Staaten ihr Plazet geben, weil sonst westliche Truppen in einen Mehrfronten-Krieg gerieten - etwa gegen die von Teheran unterstützte Hisbollah.

Die Erfahrungen des Irakkriegs von 2003 und des Afghanistan-Einsatzes zeigen zwar, dass die westliche Militärmacht rasche Erfolge erzielen kann, die Arbeit mit dem Niederringen des Gegners jedoch weitergeht und nicht weniger schwierig ist. Es bedürfte einer großen Zahl von Truppen, um das syrische Staatsgebiet zu sichern, und das wohl über Jahre. Weil der IS weite Teile des Irak unter Kontrolle hält und von dort Angriffe auf das syrische Staatsgebiet führt, müsste ein Bodenkrieg eigentlich auch den Nachbarn mit befrieden - militärisch überstiege das aber wohl alle Kapazitäten des Westens.

Der wirkungslose Luftkrieg

Die USA, Frankreich und seit Kurzem auch Russland fliegen über Syrien Luftangriffe. Doch im Gegensatz zu den Russen, die die Reste der Assad-Armee am Boden unterstützen, fehlt den USA und Frankreich diese Kampfvariante. Sie aber wäre militärisch wichtig, weil alle historischen Erfahrungen zeigen: Eine Truppe ist aus der Luft allein nicht entscheidend zu schwächen. So ist nach Ansicht von Militärexperten der IS-Vormarsch lediglich eingedämmt worden - kaum mehr als ein taktischer Erfolg der bislang über 7000 Luftoperationen über Syrien. 50 Analysten des US-Geheimdienstes DIA warfen dem US-Zentralkommando kürzlich vor, die Erfolge der Luftoperationen geschönt zu haben.

IS-Kämpfer in Rakka (Archiv): Beschränkte Erfolge im Luftkrieg
REUTERS

IS-Kämpfer in Rakka (Archiv): Beschränkte Erfolge im Luftkrieg

Zudem hat die Zahl der arabischen Staaten, die ebenfalls Flugzeuge bereitstellen, stetig abgenommen. Der Grund ist der Krieg im Jemen - die (sunnitischen) Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien setzen ihre Kampfjets verstärkt hier ein, um die schiitischen Huthi-Rebellen zu bekämpfen. Die US-Administration soll darüber resigniert sein, wie jüngst die "New York Times" berichtete. Zwar ist der Luftkrieg über Syrien beständig ausgeweitet worden, die meisten Einsätze aber fliegen die USA gegen den IS noch immer im Irak.

Ein weiteres Problem schwächt die Allianz: Großbritannien beteiligt sich an der Seite der USA und Frankreichs zwar am Luftkrieg gegen den IS im Irak. Die Regierung von David Cameron hat bislang jedoch kein parlamentarisches Mandat, um ihre Flugzeuge auch über Syrien einzusetzen. Die Vorbehalte in der konservativen Partei sind zu groß.

Die schwachen Partner am Boden

Im Gegensatz zu den vorherigen Interventionen im Irak oder Afghanistan fehlt es beim Kampf gegen den IS an lokalen Verbündeten, die unterstützt von Luftschlägen den gefährlichen Krieg am Boden führen könnten. Im Irak verließen sich die Amerikaner zunächst auf die Kurden im Norden des Landes. In Afghanistan bereitete die sogenannte Nord-Allianz den Einmarsch der USA vor.

Gegen den IS gibt es solche Verbündeten nicht. Zwar kämpfen die Kurden, unterstützt durch Waffenlieferungen und Ausbildung, im Norden des Irak und Syriens gegen den IS und stoppten den Vormarsch der Islamisten auf die Kurden-Metropole Arbil im letzten Moment. Für weitere Offensiven im Irak oder gar Syrien sind die Kurden nicht zu gewinnen. Selbst mit noch mehr Waffen und Trainern wollen sie lediglich ihr Gebiet verteidigen, Operationen in Richtung der IS-Hauptstadt Rakka aber würden die kurdischen Peschmerga ablehnen, sagen westliche Diplomaten.

In Syrien sieht es noch schlechter aus. Bis heute hat die militärische Aufrüstung moderater Rebellen durch die USA keine Erfolge gezeitigt, frustriert hat das Pentagon ein Ausbildungsprogramm für diese Gruppen suspendiert. Im Gewirr islamistischer Vereinigungen und Regimegegner scheint es fast unmöglich, geeignete Partner zu finden: Radikale Gruppen wie die Nusra-Front sind für die Amerikaner genauso wenig akzeptabel wie die Truppen des isolierten Machthabers Assad.

Video: "Verbündeter" Putin schickt Langstreckenbomber

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