Muslime in Deutschland "Wer auf andere losgeht, hat sein Asylrecht verwirkt"

Zehntausende syrische Flüchtlinge kommen derzeit nach Deutschland. Islamwissenschaftler und Vertreter von Immigrantenverbänden erklären, was das für die Muslime und den Islam in Deutschland bedeutet.

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Syrische Flüchtlingsfamilie: Aus dem Bürgerkrieg geflohen
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Syrische Flüchtlingsfamilie: Aus dem Bürgerkrieg geflohen


Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien. Seit Anfang 2014 haben mehr als 150.000 Menschen aus dem Bürgerkriegsland Deutschland erreicht. Viele werden bleiben. Deutschland, so hat das die Kanzlerin gesagt, wird sich verändern. Aber auch der Islam in Deutschland wird sich wohl wandeln. Nur wie? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

  • Wie viele Muslime sind unter den Syrern?

Rund 90 Prozent der syrischen Bevölkerung galten vor dem Bürgerkrieg als Muslime, diese Zahl lässt sich aber nicht eins zu eins auf die syrischen Flüchtlinge umrechnen. Oft fliehen bei einem Bürgerkrieg Minderheiten wie Christen oder Jesiden zuerst. Klar ist aber: Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland wird durch die Syrer in den nächsten Jahren arabischer werden. Bisher haben rund zwei Drittel der Muslime Deutschlands ihre Wurzeln in der Türkei.

  • Welches Religionsverständnis bringen Syrer mit?

Syrien war vor dem Krieg ein multikonfessionelles Land, Muslime lebten ihren Glauben dort vielfältig. "Es gab in den Großstädten selbstverständlichen, alltäglichen Kontakt zwischen Muslimen und Christen. Muslime sind freitags in christliche Geschäfte gegangen, Christen sonntags in muslimische", so der Islamwissenschaftler und Journalist Thorsten Gerald Schneiders. Wegen der Assad-Diktatur hätten viele Syrer zudem ihre Religion im Privaten leben müssen, es gebe also so etwas wie eine säkulare Tradition. Das schließe aber nicht aus, dass viele syrische Muslime ihren Glauben trotzdem eher konservativ auslegen würden.

Viele syrische Flüchtlinge kommen aus Großstädten wie Aleppo oder Damaskus, auch sind viele Akademiker. Grundsätzlich hatte man in Syrien einst großen Wert auf Bildung gelegt, so wurden etwa auch Mädchen aus den Dörfern in die Stadt zur Schule geschickt. Heißt: Es kommen Muslime mit einem anderen Hintergrund als jene aus der ersten türkischen Gastarbeitergeneration, erklärt Schneiders.

  • Viele Syrer fliehen vor dem IS - was bedeutet das für ihre Religion?

Ein Teil der Syrer flieht vor den Truppen des Diktators Baschar al-Assad, ein anderer vor den Terroristen des "Islamischen Staats" (IS). Wie sieht man seine eigene Religion, wenn man vor Terroristen flieht, die in deren Namen morden? Einfache Antworten gibt es nicht. Das Trauma, das bei den Menschen während der Jahre des Bürgerkriegs entstanden sei, könne sich nach der Flucht grob in zwei Richtungen äußern, so Islamwissenschaftler Schneiders: entweder im Hass auf den IS oder in Wut gegenüber dem Westen.

Unter Syrern gebe es die Haltung, der IS sei ein Produkt des Westens, es gebe Verschwörungstheorien, dass die USA den IS erfunden hätten. Das bedeute aber in der Regel nicht, dass es Sympathien für den IS gebe. Auch konservativste Muslime seien überzeugt, dass die IS-Terroristen eine kranke Auslegung des Islam verfolgten, sagt der Islamwissenschaftler.

  • Wie fügen sich syrische Muslime in die Islamverbände ein?

In Deutschland gab es in den vergangenen Monaten einen Kampf um die Vormachtstellung unter den muslimischen Verbänden. Der eloquente Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, war immer mehr zum Gesicht des Islam-Verbands in Deutschland geworden, gut vernetzt in der Politik - und das, obwohl sein Verband viel kleiner ist als etwa die türkisch-islamische Union "Ditib". Zu erwarten ist, dass der Zentralrat mit Mazyek - der selbst einen syrischen Vater hat - in den kommenden Jahren von den syrischen Muslimen eher gestärkt wird. Allerdings gibt es in vielen kleineren Städten nur türkische Moscheen - schon jetzt gehen dort auch syrische Flüchtlinge zum Gebet. "Bis die syrischen Muslime in der deutschen Gesellschaft präsent sind, wird es aber noch lange dauern", schätzt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. "Flüchtling sein ist ein Vollzeitjob, die Menschen müssen erst einmal hier ankommen und ihren Alltag hinbekommen."

Moscheegemeinden als Akteure in der Flüchtlingskrise

Wie der Rest der deutschen Gesellschaft organisieren auch viele muslimische Organisationen Hilfe für Flüchtlinge. "Moscheegänger werden eigentlich das erste Mal als helfende Akteure wahr- und ernst genommen, auch von den Behörden und der Polizei", so die Wissenschaftlerin Spielhaus. Und bei dem Engagement begrenzten sich Gläubige meist nicht auf Hilfe für Flüchtlinge aus ihrer Religionsgemeinschaft, sondern würden ausdrücklich auch etwa Christen und Jesiden helfen. In einigen Moscheen gebe es etwa Bestrebungen Flüchtlingshilfswerke zu gründen, ähnlich der kirchlichen Caritas.

Furcht vor Radikalisierung

Der IS wolle über das Asylsystem Terroristen nach Europa schleusen - diese Sorge kommt immer wieder auf. Laut BND-Präsident Gerhard Schindler gibt es derzeit aber keine konkreten Hinweise darauf. Andere Probleme zeichnen sich bereits ab: Menschen kommen schwer traumatisiert in Deutschland an, religiöse und politische Konflikte aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge brechen auch hier durch: In einigen Asylbewerberunterkünften gab es Gewalt zwischen verfeindeten Gruppen.

"Es wird sicher auch in Zukunft solche Spannungen geben", so Islamwissenschaftler Mathias Rohe. "So wie wir eine ganz klare Haltung gegenüber Rechtsextremisten einnehmen, müssen wir auch Flüchtlingen klarmachen: Wer Konflikte mit Gewalt austrägt, hat hier nichts verloren", sagt Aiman Mazyek. Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, sagt: "Wer auf andere losgeht, hat sein Asylrecht verwirkt. Wenn wir das umsetzen, würde das auch Ängste in der Mehrheitsgesellschaft mildern." Schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen müssten sich Flüchtlinge zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen, dort müssten Integrationskurse begonnen werden.

Der Journalist Schneiders befürchtet, dass die vielen traumatisierten Flüchtlinge, wenn es hier mit der Integration schwierig wird, auch ein "neues Rekrutierungsbecken" für Salafisten darstellen. "Es klingt absurd: Aber auch, wer vor dem IS geflohen ist, kann sich zum Salafismus hingezogen fühlen, denn der gibt ja vor, Geborgenheit und Orientierung zu geben." Für viele sei die islamistische Ideologie dahinter eher etwas, was man nur für Ersteres in Kauf nehme. Es müsse schnell viel Geld in die Hand genommen werden für Präventionsmaßnahmen - und eine wirksame Integrationspolitik.

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