Syrische Flüchtlinge in Deutschland Die Vergessenen

Sie erlebten, wie Verwandte verschleppt oder Nachbarn erschossen wurden - nun wohnen sie in Deutschland. Doch hier werden die syrischen Flüchtlinge von den Behörden mit ihren Problemen alleingelassen. Viele sind schwer traumatisiert.

Die Brüder Saddam und Tarik: Über Deutschland wussten sie vor der Flucht nichts
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Die Brüder Saddam und Tarik: Über Deutschland wussten sie vor der Flucht nichts

Aus Bramsche berichtet


Saddam Hariri weiß, wie es ist, im syrischen Gefängnis eingepfercht zu sein. Er wurde freigelassen und demonstrierte weiter gegen das Assad-Regime. Mutas al-Siab versorgte nachts heimlich Angeschossene in provisorischen Krankenhäusern. Gemeinsam mit seiner Frau Doaa floh er in den Libanon, als mitten bei einer Feier die Bomben fielen. Es sind Syrer wie sie, die nicht mehr in ihrer Heimat bleiben können. Es sind Menschen wie sie, die im Grenzübergangslager Bramsche-Hesepe in Niedersachsen landen.

Maximal zwei Wochen verbringen die Kontingentflüchtlinge im Standort Bramsche. In den Bungalows finden bis zu 600 Menschen Platz, unter ihnen auch Asylbewerber vom Balkan oder aus Somalia. In der kurzen Zeit können die Syrer Wegweiser-Kurse für Deutschland besuchen, sich über Schulen, das Verkehrssystem oder ihre Rechte informieren. Ganz elementare Dinge. Dann werden sie nach dem Königsberger Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, kommen in die Kommunen - und werden sich selbst überlassen.

"Das alles ist nicht durchdacht"

Wenn sie die ehemalige Kaserne verlassen, bekommen die Syrer ihre Anträge für das Arbeitslosengeld II zusammen mit ihren Ausweisen und Bescheiden ordentlich in braunen Umschlägen ausgehändigt. "Aber sobald sie dann in den Kommunen landen, sind sie auf sich gestellt", sagt Sozialpädagoge Andreas Biedendieck.

Der langjährige Mitarbeiter des Lagers in Bramsche beobachtet, dass die Städte und Dörfer, in denen die Familien landen, Probleme haben, geeignete Wohnungen für sie zu finden. Eine Akademikerfamilie sei in einem hübschen Ort in Ostfriesland untergekommen, direkt hinter dem Deich. "Das ist da sicherlich wunderschön", sagt Biedendieck. "Aber passende Jobs finden sie da nicht."

Wer sich wie Mutas al-Siab für den Tod seines Bruders verantwortlich fühle, wer Menschen unter seinen Händen habe sterben sehen, der brauche mehr Hilfe. Es fehle an psychologischer Betreuung, die die meisten der syrischen Flüchtlinge dringend bräuchten, sagt Biedendieck. "Das alles ist nicht durchdacht."

Die Angst als ständiger Begleiter

Vor genau einem Jahr versprach Deutschland, 5000 Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland aufzunehmen, später wurde die Zahl verdoppelt. Etwa 4000 von ihnen sind bereits angekommen, wie eine Sprecherin des Innenministeriums auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte. Zusätzlich seien 2300 Visa in den Bundesländern erteilt worden.

Saddam Hariri, Mutas al-Siab, Doaa und auch Samir und Tarik zumindest sind erleichtert, die Angst als ständigen Begleiter los zu sein. Noch hoffen sie, in Deutschland studieren und arbeiten zu können. Ob das in dem Dorf oder der Stadt, in der sie unterkommen, möglich ist - in Bramsche wussten sie darüber noch nichts.

Fünf Flüchtlinge erzählen uns ihr Schicksal:

Syrische Flüchtlinge
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"Ich kann nicht mehr zurück"

Mutas al-Siab, 24 Jahre, aus Damaskus: Wenn Mutas al-Siab, 24, von seiner Heimat erzählt, überschlagen sich die Worte. Niemand habe sich vor dem Militärdienst drücken können. Wer nein sagte, wurde erschossen. Auch sein Cousin war bei der Truppe, hat Demonstranten verprügelt - gegen seine Überzeugung.

Mutas selbst konnte den Kriegsdienst vor sich her schieben – weil er studierte. Als Krankenpfleger arbeitete er tagsüber in einem Hospital, in dem er verletzte Demonstranten nicht behandeln durfte. Helfen konnte er nachts. Dann kümmerten sich Mediziner in der provisorischen Klinik um Gewaltopfer. Normale Menschen, denen von Raketen Hände oder Füße abgerissen wurden. Dass Mutas seinen echten Namen nennt, hat einen Grund: "Ich kann nicht mehr zurück, ich möchte auch nicht mehr." Dann fängt er an zu weinen. Mit zitternden Händen hält er sein Handy, zeigt ein Foto. "Mein Bruder musste sterben, weil sie mich gesucht haben." Der zwei Jahre jüngere Omar wurde festgenommen. Später steht auf der Sterbeurkunde, er sei an einer Hautkrankheit gestorben.

Wenn Machthaber Baschar al-Assad das Land verließe, wäre das Problem schon halb gelöst, sagt Mutas. Dann müssten sich alle, die getötet haben, verantworten. "Hier in Deutschland will ich Medizin studieren", sagt er. "Dadurch werde ich all das Elend, das ich gesehen habe, vergessen."

Moutaz Al-Zyab
"Frauen haben hier Rechte"

Doaa S., 23 Jahre, aus Damaskus: Als sie in Saudi-Arabien Zahnmedizin studierte, war die Welt für Doaa S. noch in Ordnung. Doch dann wurde ihr Vater krank, sie musste nach Damaskus zurückkehren. In Syrien durfte die 23-Jährige nicht mehr studieren und musste beobachten, wie friedliche Demonstranten vor der Hochschule von der Polizei abtransportiert wurden. Als sie zur Beerdigung ihres Großvaters gehen wollte, geriet sie in eine Straßenschlacht. "Die Soldaten haben wahllos in die Menge geschossen", sagt sie. "So etwas habe ich da zum ersten Mal gesehen." Trotz Angst vor Mord und Vergewaltigung wollten sie und ihre Schwestern bleiben.

Bis sie ein Fest im Nachbardorf besuchten – und dort Bomben fielen. "Wir haben uns sofort ins Auto gesetzt und sind losgefahren", sagt Doaa. Überstürzt, über die Grenze in den Libanon. "Wir sind ohne Licht gefahren, damit der Feind uns nicht sehen kann." Zu zehnt hätten sie sich in dem Auto gestapelt, sagt sie. Offiziell – mit Ausreisestempel – konnte sie die Grenze passieren. Ihr Mann wählte einen anderen Grenzposten, konnte eine Wache bestechen.

"Hier in Deutschland herrscht Ordnung", sagt Doaa und lächelt. Ihre Augen strahlen, trotz der Ringe darunter. "Frauen haben hier Rechte." Zurück nach Syrien? Nein, das will sie nicht.

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"Die schneiden allen die Köpfe ab"

Tarik H., 14 Jahre, aus Idlib: "Ich weiß alles über Deutschland", sagt Tarik und lacht. "Die Fahrräder haben hier eigene Wege", sagt er. Taxifahren ist in Deutschland viel teurer als in Syrien, hat ihm sein Vater, der Taxifahrer, erzählt. Und Borussia Dortmund kennt Tarik sowieso. Fußball hat er in seiner Heimatstadt Idlib jeden Tag gespielt. So oft es eben ging, erzählt er und kaut an den Fingernägeln. Auch in Bramsche trägt er Jogginghose und Sportschuhe. Draußen kicken schon die anderen Jungs.

Die Schule musste er nach der fünften Klasse abbrechen. Da wurde das Gebäude wegen der Aufstände geschlossen. Zuletzt hat er Schüsse und Bomben um sich herum gehört. Jeden Tag. Die Häuser wurden vom Militär nach Waffen durchsucht. Er hat sich dann versteckt.

Als er elf oder zwölf Jahre alt war – da sind sein Bruder Saddam und er sich nicht ganz einig –, floh Tarik mit seiner Familie in den Libanon. Das Haus, in dem er bis dahin gelebt hat, ist zerstört. Jetzt will er richtig Deutsch lernen und studieren, sagt Tarik – und fängt an zu weinen. Einfach so. Sein großer Bruder umarmt ihn und erzählt von seinen Erlebnissen. Als er vom Assad-Regime berichtet, ruft Tarik: "Die schneiden allen die Köpfe ab." Das habe er im Fernsehen gesehen. Dann sagt der Junge gar nichts mehr.

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"Keine Freiheit, keine Bildung, nur Korruption"

Saddam Hariri, 25 Jahre, aus Idlib: "In Syrien heißt es immer nur: Assad, Assad, Assad", sagt Saddam Hariri und schüttelt den Kopf. "In meinem Land gibt es keine Freiheit, keine Bildung, nur Korruption." Deswegen hat der 25-Jährige auch in Aleppo demonstriert. "Erst haben sie nur mit Gummigeschossen auf uns gezielt, später dann mit echten Kugeln." Bis 2011 studierte er Lebensmittelwissenschaft, dann haben Polizei und Militärs die Universität gestürmt. Nur fünf Prozent der Studenten durften blieben: "Die, die der Regierung wohlgesonnen waren", sagt Saddam, zuckt mit den Schultern. Er hingegen sah draußen, wie Studenten niedergeknüppelt wurden und starben. Zwei Tage verbrachte er im Gefängnis, mit hundert Leuten in einen Raum. Der Geruch hat ihn krank gemacht, sagt Saddam. Doch er kam schnell wieder frei.

Über Deutschland wusste Saddam bis zu seiner Flucht noch nichts. "Aber solche Gelegenheiten muss man ergreifen", sagt er. Nun hofft er, dass er sein Studium in dem Bundesland, dem er zugeteilt wird, auch fortsetzen darf.

Die Situation in Syrien ist noch schlimmer geworden. Das berichten seine Freunde, die noch in Aleppo sind. Eine halbe Stunde am Tag kann Saddam sie auf Facebook erreichen. Immer dann, wenn es dort Strom gibt. Er würde sie gerne alle nach Deutschland holen: "Aber das ist wohl unmöglich."

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Panische Suche nach dem Sohn

Samir O., 60 Jahre, aus Homs: "Das Syrien, das ich kenne, gibt es nicht mehr", sagt Samir O. Im Stadtteil Baba Amr hat der muslimische Sunnit friedlich mit Christen und Alawiten gewohnt. Gemeinsam haben sie Feste gefeiert. "Jetzt sind alle geflohen oder tot." Wenn er an die ersten Demonstrationen in Homs denkt, lächelt der Buchdrucker. Damals glaubte er noch an den Erfolg der arabischen Revolution. Baba Amr gilt als Hochburg der Aufständischen. Samir aber hat sich herausgehalten. Eines Tages sei einer seiner drei Söhne ohne erkennbaren Grund von Paramilitärs entführt worden. Erst nach Tagen kam er frei. Dann erschossen Rebellen Samirs Nachbarn, einen Kommandanten der Armee. Da wusste Samir, dass er fliehen musste. Für 300 Dollar kamen er und seine libanesische Frau über die Grenze bis nach Beirut.

Sein Zuhause, das weiß er, ist zerstört. Die Söhne sind in den Nachbarländern Syriens untergekommen. Im Gegensatz zu seinen Neffen, die vom Geheimdienst verschleppt wurden. Drei Freunde seiner Söhne hat das Regime getötet.

"40 Jahre lang habe ich Steuern für ein starkes Militär gezahlt", sagt er. "Jetzt haben sie mit meinem Geld auf das Volk geschossen." Sollte Syrien zum Rechtstaat zurückfinden, käme auch er wieder. Doch solange Baschar al-Assad an der Macht ist, will der 60-Jährige in Deutschland bleiben. Bei seiner Tochter, die seit zehn Jahren in Osnabrück lebt.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Raúl gonzales 18.04.2014
1.
Flüchtlinge haben keine Lobby. Im Endeffekt interessiert es die wenigsten was mit ihnen geschiet. 5000 Syrer haben wir aufgenommen. Eine lachhafte Zahl, einfach um unser Gewissen zu beruhigen. Ohne Hilfe in einem Fremden Land, dessen Sprache Mann nicht spricht und wo einem statt Hilfe Skepsis entgegenschlägt ist es eig. Nur eine Frage der Zeit bis man die ersten in der Kriminalstatistik wiederfindet. Glück auf für die armen schweine
Zores 18.04.2014
2. Problem?
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie erlebten, wie Verwandte verschleppt oder Nachbarn erschossen wurden - nun wohnen sie in Deutschland. Doch hier werden die syrischen Flüchtlinge von den Behörden mit ihren Problemen allein gelassen. Viele sind schwer traumatisiert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/syrien-fluechtlinge-landen-traumatisiert-in-deutschland-a-962191.html
Diese Leute wurden aus gutem Willen in D aufgenommen, sie sind versorgt und müssen keine Angst mehr um Leib und Leben haben, wo ist also das Problem? Der Staat hat bereits mehr getan, als laut bestehender Rechtslage zulässig gewesen wäre. Er ist nicht dafür da, Rundumsorglospakete zu schnüren.
logabjörk 18.04.2014
3. es waren doch schon 20.000 da
bevor die 5.000 Offiziellen kamen.
mitverlaub 18.04.2014
4. @Raúl gonzales
Flüchtlinge haben keine Lobby? Das ist purer Unsinn. Es werden Millionen von Euros des Steuerzahlers in die "Gutmenschen-Helfer-Industrie" gepumpt. Es sollte hier doch einwenig Bescheidenheit an den Tag gelegt werden, schließlich kommen die Menschen hierher, bekommen ein Dach über dem Kopf, ausgestattet mit Möbeln aller Art, bekommen eine finanzielle Grundversorgung plus Kindergeld plus kostenlose Krankenbehandlung, Kinder können kostenlose Bildungseinrichtungen benutzen und man bietet ihnen Sprachkurse an, um sich hier zurechtzufinden. Nun frage ich Sie, was soll denn noch vom Steuerzahler bezahlt werden? Wie wäre es, wenn Sie freiwillig einpaar Flüchtlinge in Ihr Heim aufnehmen, statt hier rumzumotzen, "Flüchtlinge haben keine Lobby". Der deutsche Michel hat keine Lobby, der darf nur seine Zwangsabgabe pünktlich entrichten, sonst hat er den Mund zu halten, wenn er nicht in die rechte Ecke gestellt werden will.
calido46 18.04.2014
5. Psychologische Betreuung?
Die bräuchte meine Tante heute noch, die 1945 als Kind auf der Flucht von Gumbinnen / Ostpreußen nach dem Westen mehrmals vergewaltigt wurde und deshalb immer wieder nachts schreiend aufwacht! Keine Chance - das übernimmt die Kasse nicht. PP = Persönliches Pech, warum gehörte sie auch zu den "bösen Deutschen", die dort wohnten!
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