Bürgerkrieg in Syrien Zahl deutscher Terror-Touristen steigt rasant

Der Bürgerkrieg in Syrien lockt immer mehr Dschihadisten aus Deutschland. Nach Erkenntnissen der Behörden sind zeitweise mindestens 680 Islamisten ausgereist. Etwa ein Drittel ist bereits zurückgekehrt - zum Teil mit Kampferfahrung.

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Unverminderter Ausreisestrom: IS-Kämpfer in Syrien
AP

Unverminderter Ausreisestrom: IS-Kämpfer in Syrien


"Der Ausreisestrom in die Kampfgebiete hält unvermindert an", sagt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen. Nach seinen Angaben hat sich die Zahl der Dschihadisten, die aus Deutschland in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Inzwischen zählen die Sicherheitsbehörden mindestens 680 solcher Terror-Touristen. "Die brutale Propaganda des 'Islamischen Staats' verfängt weiter", so Maaßen.

Nach Erkenntnissen der Behörden kehrte rund ein Drittel der selbsternannten Gotteskrieger inzwischen in die Bundesrepublik zurück, etwa 50 von ihnen mit Kampferfahrung. Rund 85 Islamisten aus Deutschland starben in dem Bürgerkrieg.

Zugleich erhöhte sich laut BfV auch die Zahl der Salafisten in Deutschland auf 7300. Zum Vergleich: 2011 waren es lediglich 3800. Die Szene gilt mit ihrer radikalen Auslegung des Islam als "Nährboden für den Dschihad", wie Maaßen sagt. "Salafisten wollen auch in Deutschland einen islamischen Staat errichten. Ihre Hochburgen sind nach wie vor in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hessen."

Bekannte Prediger und Aufwiegler in Deutschland sind Ibrahim Abou-Nagie, Pierre Vogel und "Scharia Polizist" Sven Lau. Aus Syrien meldet sich immer wieder auch der frühere Gangsta-Rapper Denis Cuspert zu Wort, der zum Posterboy der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) avanciert ist.

"Die deutschen Schläfer warten"

Zuletzt drohte Cuspert in einer etwa drei Minuten langen Videobotschaft mit Anschlägen von Schläfern in Deutschland. "In Frankreich folgten Taten, die deutschen Schläfer warten", singt Cuspert in seinem Kampf-Naschid, einem Lied also, in dem die Schreckenstaten der Dschihadisten verherrlicht werden. IS-Anhänger in Deutschland sollten es den Attentätern von Paris nachtun, fordert Cuspert. "Auch wenn du in Europa bist, mache deinen Dschihad. Allah wird dich belohnen, setz den Dreckigen ein Ende", singt der 39-Jährige.

Die Ästhetik des IS-Videos erinnert an Musikclips von HipHop-Stars. Dschihadisten werden zu Helden stilisiert, auf die nach Selbstmordanschlägen das Paradies warte. Das Propagandavideo richtet sich offenbar gezielt an deutsche Konvertiten, die nur wenig über den Islam wissen. So ist in dem Clip ein Koran in deutscher Übersetzung zu sehen.

Die Sicherheitsbehörden halten Cusperts Propaganda für gefährlich. Einer großen Zahl desorientierter junger Männer gelte er als Vorbild, weil er sich als Herr über Leben und Tod inszeniere, sagte der Hamburger Verfassungsschutzchef Torsten Voß vor einiger Zeit SPIEGEL ONLINE. Das mache Eindruck in der Szene. Voss: "Viele wollen sein wie er."

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