Syrische Flüchtlinge in Deutschland Die meisten fliehen vor Assad - nicht vor dem IS

Von wem geht die größte Bedrohung in Syrien aus? Laut einer Umfrage unter Flüchtlingen in Deutschland flieht die Mehrheit nicht vor dem IS, sondern vor der Gewalt des Assad-Regimes. Die meisten wollen wieder zurück.

Syrer in Passau: Die meisten sagen, sie wollen zurück
DPA

Syrer in Passau: Die meisten sagen, sie wollen zurück

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Rund 200.000 syrische Flüchtlinge haben die deutschen Behörden in diesem Jahr registriert - in den letzten Wochen sind immer mehr Menschen aus dem Bürgerkriegsland gekommen. Geht das so weiter? Welche Chancen gibt es, den Konflikt in Syrien zu beenden? Der Westen debattiert darüber, ob man mit Assad reden soll oder nicht.

Was aber denken die syrischen Flüchtlinge selbst? Wovor genau sind sie geflohen? Was soll die internationale Gemeinschaft ihrer Meinung nach in ihrer Heimat tun? Unter welchen Bedingungen würden sie zurückkehren?

Erstmals gibt es jetzt eine umfangreiche Befragung syrischer Flüchtlinge dazu. Sie ist zwar im statistischen Sinne nicht repräsentativ, gibt aber sehr wohl einen breiten Eindruck.

Die Demokratieaktivisten von Adopt a Revolution, die die Befragung durchgeführt haben und dabei vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) beraten wurden, interviewten von Ende September bis Anfang Oktober knapp 900 syrische Flüchtlinge vor Erstaufnahmeeinrichtungen, Registrierungsstellen und Flüchtlingsunterkünften in Berlin, Hannover, Bremen, Leipzig und Eisenhüttenstadt. Die Auswahl der Orte gewährleistet den Autoren zufolge eine zufällige Mischung der Befragten in Bezug auf politische Einstellung und soziale Merkmale, weil sie für alle Flüchtlinge relevant seien.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Fluchtgründe: Mehr als zwei Drittel gaben an, ihr Land wegen unmittelbarer Lebensgefahr verlassen zu haben. In diesem Zusammenhang nannten die Flüchtlinge den bewaffneten Konflikt, Angst vor Verhaftung oder Entführung (drei Viertel nannten dabei die Angst vor Festnahmen durch das Assad-Regime, 42 Prozent sagten, sie fürchten Entführungen durch den IS) und Fassbomben als unmittelbare Gefahr für ihr Leben. Ökonomische Gründe gaben etwas mehr als 13 Prozent als Hauptgrund für die Flucht an. Die Furcht vor Rekrutierung durch die Streitkräfte nannten rund acht Prozent als Grund.

  • Assad oder IS? Eine große Mehrheit der Befragten gab an, vor der Gewalt des Assad-Regimes oder seiner Verbündeten geflohen zu sein - rund 70 Prozent sagten das. Nur ein knappes Drittel erklärte den IS verantwortlich für die Kämpfe, vor denen sie geflohen sind. Knapp 18 Prozent sagten, sie seien vor der Gewalt der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) geflohen. Mehrfachnennungen waren hier möglich.

  • Rückkehr: Die allermeisten Befragten äußern den Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren. Nur rund acht Prozent gaben an, nicht zurück nach Syrien zu wollen und dauerhaft in Deutschland bleiben zu wollen. Allerdings knüpfen die Befragten eine Rückkehr nach Syrien an Bedingungen. Etwas mehr als die Hälfte sagte, Assad müsse weg, knapp 44 Prozent nannten ein Syrien ohne den IS als Bedingung. Freie Wahlen sind für rund 42 Prozent entscheidend. Auch hier konnten die Befragten mehrere Antworten geben.

  • Intervention: Der Westen ringt darum, wie es den Konflikt in Syrien beenden und dadurch auch die Zahl der Flüchtlinge reduzieren kann. Wenn es nach den geflohenen Menschen geht, hätte eine Flugverbotszone die größte Wirkung. Knapp 58 Prozent nannten dieses Instrument als Maßnahme, die die internationale Gemeinschaft ergreifen müsste, damit mehr Menschen in Syrien bleiben. Etwas mehr als ein Drittel sagte, sämtliche Waffenlieferungen müssten gestoppt werden, ein Viertel nannte mehr humanitäre Hilfe.

Von den befragten Syrern haben zwei Drittel ihre Heimat erst in diesem Jahr verlassen. 88 Prozent waren Männer, knapp die Hälfte der Befragten war zwischen 16 und 25 Jahren. Der größte Teil, nämlich mehr als ein Fünftel; kommt aus der Provinz Aleppo. Ein weiteres Fünftel kommt aus der Hauptstadt Damaskus.

Karte von Syrien: Wer herrscht wo? Situation in dem Bürgerkriegsland
SPIEGEL ONLINE

Karte von Syrien: Wer herrscht wo? Situation in dem Bürgerkriegsland

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sei unter den Autoren der Befragung gewesen. Das WZB hat aber die Initiative Adopt a Revolution, die die Interviews durchgeführt hat, lediglich beraten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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