Syrischer Geschäftsmann in Deutschland "Ich möchte hier Steuern zahlen"

Er hatte einen guten Job, doch als es in Damaskus für ihn lebensgefährlich wurde, verließ Mohammad mit seiner Familie die Heimat. In Hamburg will er sich nun eine neue Existenz aufbauen - und er hat eine Botschaft an die Deutschen.

Stanley Kroeger

Aufgezeichnet von


Mohammad J., 34, arbeitete als erfolgreicher Projektleiter für eine der größten Baufirmen Syriens. Als das Leben in seiner Heimatstadt Damaskus zur ständigen Todesbedrohung wurde, floh er mit seiner damals schwangeren Frau und den beiden Kindern. Seine Familie blieb in der Türkei, er schlug sich zu Fuß von Griechenland nach Ungarn durch und erreichte im November vergangenen Jahres Deutschland.

Jetzt lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Hamm. Mohammad spricht sehr gut Englisch, er wirkt strukturiert und willensstark. Nur einmal zeigt er während des Gesprächs Emotionen: Als er erzählt, dass er in wenigen Tagen für drei Wochen nach Istanbul fliegen wird. Zum ersten Mal werde er dann seinen fünf Monate alten Sohn sehen, sagt er. Und seine Augen strahlen.

"In Damaskus hatte ich einen tollen Job und habe gut verdient. Nach meinem Studium als IT-Ingenieur war ich zehn Jahre lang Projektleiter in einer der größten Baufirmen Syriens.

Viele der Projekte, die ich geleitet habe, wurden in Kooperation mit einer deutschen Firma durchgeführt. Ich habe Geschäftsreisen nach Europa gemacht, war auch in Finnland und Polen. Aber Deutschland hat mir am besten gefallen. Mein Herz schlägt für dieses Land.

Wir flohen erst aus Damaskus, als es wirklich nicht mehr ging, als wir dort nicht mehr weiterleben konnten: Ständig gab es Gefechte zwischen der Regierung und der Opposition, teilweise hatten wir eine Woche lang weder Wasser noch Strom. Unser Haus wurde komplett zerstört, wir mussten zu einem Verwandten ziehen, jede Sekunde hätte uns eine Bombe töten können.

Die syrische Währung hatte bereits stark an Wert verloren, ich tauschte unser gesamtes Geld in US-Dollar um. Am 22. Juli 2014 verließen meine Frau, unsere Kinder und ich Syrien. Meine Frau war da gerade schwanger. Mit einem Bus fuhren wir in Richtung Türkei, die Grenze überquerten wir zu Fuß. Es war gefährlich, ja, aber nicht so gefährlich wie in Damaskus zu bleiben.

Wir schafften es bis nach Istanbul und fanden eine Wohnung für meine Frau und die Kinder. Ich ließ ihr die Hälfte des Geldes da, und am 17. September 2014 ging es für mich los: Mit einem Freund fuhr ich auf einem Boot nach Griechenland, nach zehn Tagen in Athen machten wir uns auf den Weg nach Deutschland - die meiste Zeit zu Fuß. Ich habe per GPS die Route gesucht und den Weg über das iPhone mit Google Maps anzeigen lassen. Wir hatten auch eine Karte dabei, ein mal ein Meter fünfzig groß. Der Weg, den wir gingen, war damals noch recht unbekannt, jetzt benutzen ihn viele Flüchtlinge.

Wir haben in einem Zelt geschlafen, meistens im Wald, und uns fast nur von Snickers, Nüssen und Wasser ernährt: Zwei Schokoriegel pro Person waren eine Tagesration. An der mazedonischen Grenze mussten wir immer wieder vor Soldaten flüchten. Am schlimmsten aber war es in Ungarn. Dort werden die Flüchtlinge vor allem von der Polizei furchtbar behandelt, schlimmer als Tiere. Menschlich sind die dort leider noch nicht so weit.

Von Budapest sind wir mit dem Zug nach München gefahren, dann weiter nach Hannover. Ich wusste nämlich, dass von Hannover aus die Flüchtlinge in den Nordwesten Deutschlands verteilt werden - und dort wollte ich hin: Entweder nach Hamburg oder Bremen. In Bremen wohnt ein Freund von mir, und Hamburg hat den großen Hafen und ist weltoffen, das gefällt mir. Tatsächlich kam ich im November vergangenen Jahres schließlich in Hamburg an.

Die ersten sechs Monate lebte ich in einer Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Harburg, wo wir uns zu viert ein Zimmer teilten. Hier in Hamm sind wir zu zweit untergebracht , was besser ist, um sich auf seine Sachen zu konzentrieren. Mein Asylantrag wurde anerkannt, jetzt suche ich eine Wohnung. Ein großes Hindernis ist noch die Sprache, ich habe mithilfe von YouTube-Clips schon ein bisschen Deutsch gelernt, warte aber noch auf einen richtigen Sprachkurs. Ich weiß, dass die Sprache der Schlüssel ist, um Erfolg zu haben.

Dann möchte ich mir bald eine Stelle suchen im Bereich Beschaffungslogistik, also Einkaufsmanagement im Bausektor. Bisher habe ich Ein-Euro-Jobs gemacht und helfe anderen Asylbewerbern bei ihren Anträgen und bei Übersetzungen vom Arabischen ins Englische.

Jeden Tag skype ich mit meiner Familie, sie fehlt mir sehr. Meine Tochter Tana aus erster Ehe ist acht Jahre alt, meine Tochter Joudi drei und mein Sohn Qusai fünf Monate - ich habe ihn noch nicht gesehen. Ich möchte meine Familie hierherholen, und ich weiß auch, was ich dafür tun muss, da ich mich zum Beispiel auf den Webseiten der Botschaften informiert habe. Aber die Verfahren dauern sehr lange. Erst im April 2016 hat meine Frau einen Termin bei der deutschen Vertretung in der Türkei. Und auch danach wird es noch dauern, bis sie und die Kinder kommen können.

Ich möchte mit meiner Familie für immer hier leben, und ich schäme mich, dass ich zurzeit Hilfe von Deutschland annehmen muss. Mein großer Dank gilt allen, die uns Flüchtlingen helfen. Viele arabische Länder haben ihre Türen zugemacht, aber Deutschland hat uns aufgenommen. Sie werden bald merken: Das syrische Volk ist fleißig und hat Energie. Ich möchte arbeiten und Steuern zahlen, um Deutschland schnell etwas zurückgeben zu können."



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.