Oppositioneller aus Tadschikistan Muhammad muss sich verstecken

Muhammad Sidiq Faizrahmonov floh vor politischer Verfolgung aus Tadschikistan. Deutschland will den Mann abschieben - obwohl ihm daheim jahrelange Haft droht. Nun taucht er unter.

Muhammad Sidiq Faizrahmonov
SPIEGEL ONLINE

Muhammad Sidiq Faizrahmonov

Von


Am Montag um 7 Uhr soll Muhammad Sidiq Faizrahmonov abgeschoben werden. Er ist aufgefordert, mit gepackten Koffern vor seiner Flüchtlingsunterkunft im schleswig-holsteinischen Boostedt auf Mitarbeiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten zu warten. Sie haben für ihn einen Flug von Berlin über Moskau nach Duschanbe gebucht.

Doch Faizrahmonov wird nicht warten. Er wird untertauchen und sich seiner Abschiebung nach Tadschikistan entziehen. Denn dort drohen ihm Folter und Gefängnis.

Obwohl erst 34, hat er schon ein bewegtes Leben hinter sich. 1984 in einem kleinen Dorf im Süden der Sowjetrepublik geboren, flieht er 1992 nach Ausbruch des tadschikischen Bürgerkriegs mit Eltern und Geschwistern ins afghanische Kunduz. Seine Eltern lassen sich dort nieder, die Kinder schicken sie wegen der unsicheren Lage in Afghanistan ins pakistanische Peschawar. Dort besucht Faizrahmonov eine Schule für Kriegsflüchtlinge.

Seine Tochter kennt er nur von Fotos

Erst 2002 - der Krieg in Tadschikistan ist inzwischen vorbei - kehrt der mittlerweile 18-Jährige in seine Heimat zurück. Er dient in der Armee und arbeitet für die Hilfsorganisation Habitat. Und nebenbei engagiert sich Faizrahmonov politisch. Mit seinen Brüdern und Cousins tritt er der Islamischen Partei der Wiedergeburt (IRPT) bei.

Die Partei war 1997 nach dem Ende des tadschikischen Bürgerkriegs zugelassen worden - als einzige islamistische Organisation in einer ehemaligen Sowjetrepublik. Bei den Parlamentswahlen 2005 und 2010, die das Regime in seinem Sinne manipuliert hatte, erringt die IRPT jeweils rund acht Prozent der Stimmen und damit zwei von 63 Mandaten. Sie ist somit die stärkste Oppositionspartei im Parlament.

Faizrahmonovs älterer Bruder Mahmudjon ist Parteisprecher, er selbst engagiert sich im Wahlkampf 2010, klebt Plakate und beobachtet die Auszählung der Stimmzettel.

Rund um die Wahl wächst der Druck des Regimes auf die IRPT. Mehrfach wird Faizrahmonov stundenlang von der Polizei festgehalten. Neben seiner politischen Tätigkeit interessieren sie sich auch für seine Jugend in Pakistan. Dem Regime gelten alle Tadschiken, die dort zur Schule gingen oder studierten als potentielle Terroristen mit Verbindungen zu al-Qaida.

Faizrahmonov entschließt sich zur Flucht. Nach sechs Monaten in Russland reist er im Februar 2011 mit einem litauischen Schengenvisum nach Deutschland. Er stellt einen Asylantrag, der abgelehnt wird.

Zwei Jahre später verspricht die Regierung in Duschanbe ein Ende der Unterdrückung und freie Wahlen. Faizrahmonov entschließt sich im Mai 2013 zur Rückkehr nach Tadschikistan. Er heiratet und wird Vater. Doch die Zusagen des Regimes erweisen sich als leere Versprechungen. Wieder wird Faizrahmonov festgenommen und drangsaliert.

Im August 2014 flieht er ein zweites Mal über Russland nach Deutschland. Er lässt seinen Sohn und seine Frau zurück. Sie ist zu diesem Zeitpunkt im zweiten Monat schwanger. Seine Tochter, die 2015 geboren wird, kennt er bis heute nur von Fotos. Wieder stellt er in der Bundesrepublik einen Asylantrag, der ohne Anhörung abgelehnt wird.

Im Sommer 2017 erhält Faizrahmonov die erste Ausreiseaufforderung. Er reist zu seinem Bruder Mahmudjon, der in Wien Asyl bekommen hat, doch die österreichischen Behörden schicken ihn nach sechs Monaten zurück nach Deutschland.

Bundesregierung weiß von Verfolgung der Opposition

Nun will ihn die Bundesrepublik abschieben. Dabei dokumentieren interne Dokumente der Bundesregierung die politische Verfolgung von Oppositionellen in Tadschikistan. Dort heißt es zum Beispiel, die autokratische Regierung schränke jegliche Betätigung von Oppositionsgruppen massiv ein, immer wieder komme es zu Festnahmen.

Die IRPT wird in den Dossiers konkret als Ziel der staatlichen Repressionen genannt. So sei die Partei zunächst bei den Wahlen 2015 durch Manipulationen aus dem Parlament ferngehalten worden, seitdem werde sie unter Vorwänden als terroristische Organisation von den Sicherheitsbehörden verfolgt.

Im Falle von Faizrahmonov sieht das zum Beispiel so aus: Wenige Tage bevor im Jahre 2016 seine Frau mit den beiden Kindern nach Russland fliehen will, dringen Polizisten in ihr Haus ein, nehmen Frau und Kinder mit und entziehen ihnen die Reisepässe. Seither können sie das Land nicht mehr verlassen.

Ein Cousin ist zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er im Onlinenetzwerk Odnoklassniki ein Foto von IRPT-Chef Muhiddin Kabiri geliked hatte.

Und der Einfluss der tadschikischen Geheimdienste reicht weit: Mitte Juli besuchte Faizrahmonov ein Treffen der IRPT-Exilführung. Unter anderem machte er ein Foto mit Kabiri. Dieses Bild gelangte in die Hände der Polizei in Tadschikistan, die am 2. August Faizrahmonovs Mutter festnahm, in die Hauptstadt Duschanbe brachte und dort stundenlang verhörte. Die Mutter berichtete hinterher von wüsten Drohungen und üblen Beschimpfungen. "Wenn ich so etwas noch einmal durchmachen muss, werde ich mich öffentlich anzünden", kündigte sie an.

Faizrahmonov macht sich keine Illusionen darüber, was ihm bei einer Rückkehr nach Tadschikistan droht. "In Tadschikistan werden Leute eingesperrt, allein schon, weil sie mit uns reden oder unsere Postings liken. Was soll dann erst mit mir passieren? Ich kann auf keinen Fall zurückkehren."

Mitarbeit: Matthias Gebauer



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.