Täter-Berichterstattung Besondere Kennzeichen? Besser verschweigen

Darf uns die Herkunft eines Täters interessieren? Aber unbedingt. Wie die Moralpsychologie weiß, macht es einen großen Unterschied, ob der Bösewicht ein Landsmann ist oder nicht.

Gedenken für getötete Studentin in Freiburg
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Gedenken für getötete Studentin in Freiburg

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Die Regierung hat die Bürger ermahnt, nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Weil die Polizei in Freiburg einen 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan des Mordes an einer Studentin verdächtigt, haben Kanzlerin und Vizekanzler vor "Volksverhetzung" und falschen "Rückschlüssen" gewarnt. Das waren die ersten Stellungnahmen.

Sie waren sicherlich gut gemeint, mich haben sie dennoch irritiert. Denken Angela Merkel und Sigmar Gabriel über ihre Landsleute so schlecht, dass sie erwarten, dass diese das nächste Asylbewerberheim stürmen, wenn sie hören, dass der Tatverdächtige in einem grausamen Mordfall kein Deutscher, sondern ein junger Afghane ist?

Überall kann man jetzt lesen, dass es nichts zur Sache tue, ob ein Täter Ausländer oder Deutscher sei, weil es unter Ausländern wie Deutschen schlechte Menschen gebe. Das ist so wahr wie die Auskunft, dass in jedem Korb Äpfel auch ein fauler Apfel steckt. Dennoch scheint es für viele nicht unerheblich zu sein, wo ein Straftäter herkommt, trotz der Ermahnungen, über seine Herkunft hinwegzusehen.

Die meisten Menschen würden schon gerne wissen, ob der Anteil von Flüchtlingen, die straffällig werden, höher ist als der von Leuten, die seit mehreren Generationen hier leben. Hierzu ist die Auskunft, dass sich der weitaus überwiegende Teil an geltende Gesetze hält. Das ist für ängstliche Menschen wie mich schon mal ein beruhigender Befund. Ein anderer Grund, warum die Herkunft interessiert, liegt in der Moral der Gastfreundschaft begründet. Von Fremden, die man in seiner Mitte aufnimmt, erwartet man Dankbarkeit und nicht, dass sie einem die gute Tat mit Schlechtigkeit vergelten.

Solidarität funktioniert nicht ohne Ansehen der Person. Familienmitglieder stehen uns näher als Nachbarn, Nachbarn näher als entfernt lebende Landsleute. Je fremder jemand ist, desto geringer unsere Verpflichtung, ihm in der Not ein Obdach zu gewähren. Tun wir es trotzdem, gelten die Regeln der Gastfreundschaft, wonach der selbstlose Einsatz besondere Anerkennung verdient. Umgekehrt heißt das: Enttäuscht uns ein Familienmitglied, nehmen wir das murrend hin. Lohnt uns jemand Fremdes unsere Hilfsbereitschaft schlecht, fühlen wir uns in besonderer Weise vor den Kopf geschlagen. Man kann diese Moralvorstellungen, die nahezu universell gelten, für überholt halten. Aber sie lassen sich nicht einfach abschütteln, wie die Moralpsychologie lehrt.

Am liebsten wäre manchen, die Herkunft eines Täters würde gar nicht erwähnt. Oder nur, wenn sich etwas Positives damit verbindet, wie im Fall der beiden syrischen Flüchtlinge, von denen es im Sommer hieß, sie hätten einen NPD-Politiker nach einem schweren Autounfall aus seinem Wrack befreit. Aber wäre die ethnische Zugehörigkeit so irrelevant wie allenthalben behauptet, dann müsste man sie auch nicht nennen, wenn es darum geht, aus der Kriminalitätsstatistik Beruhigendes herauszulesen.

Am besten bewahrt man die Menschen davor, falsche Schlüsse zu ziehen, indem man ihnen selektive Informationen anbietet. Die Kunst ist dabei, die Grenze zu ziehen. Wenn man die Frage, wo jemand herkommt, für unerheblich hält, darf man dann noch das Geschlecht nennen? Und was ist mit dem sozialen Hintergrund, der ansonsten bei jeder Gelegenheit gerne herausgestellt wird, um Mitgefühl zu wecken?

Bei der Nennung der Geschlechtszugehörigkeit kann man noch argumentieren, dass Männer per se keine diskriminierte Gruppe seien, die unwillentliche Förderung von Vorurteilen sich also nicht negativ auswirke. Schon bei Frauen wird man das so nicht einfach sagen können, von Hartz-IV-Empfängern oder Menschen in Armut ganz zu schweigen.

Die Mehrheit hat einen Sinn dafür, was Wahrheit ist und was Diffamierung

Treibt man die Dinge auf die Spitze, bliebe von einer Meldung nur die Nachricht übrig: "Es ist etwas geschehen." Tatsächlich lesen sich manche Polizeimeldungen in den Zeitungen genauso. Da ist dann von einer "Hochzeitsfeier" mit 300 Gästen die Rede, die plötzlich so "eskaliert", dass die Polizei mit einem Dutzend Streifenwagen anrücken muss, wobei es dem Leser überlassen bleibt, sich zusammenzureimen, dass es sich bei dem Brautpaar nicht um Carl und Maria von nebenan gehandelt hat. "Enigma-Journalismus" hat der ehemalige "Stern"-Redakteur Wolfgang Röhl diese Art von betreuender Berichterstattung neulich in einem Kommentar zutreffend genannt.

Der Presserat bestimmt, dass die Zugehörigkeit von Verdächtigen zu einer religiösen oder ethnischen Minderheit nur dann Erwähnung finden soll, "wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht". Aber das ist eine Bestimmung, die nur Verbandsfunktionären hilft. Nach dieser Definition müsste zum Beispiel der Hinweis, dass es sich bei dem Verhafteten in Freiburg um einen afghanischen Flüchtling handelt, unterbleiben. Einen "begründbaren Sachbezug" kann man in dem Fall ja nur annehmen, wenn man davon ausgeht, dass afghanische Flüchtlinge aufgrund ihres Frauenbilds eher zu Übergriffen neigen als hier Geborene.

Ich glaube, die meisten Menschen können die Informationen, die man ihnen anbietet, besser einordnen, als man ihnen das beim Presserat zutraut. Es wird immer einen Prozentsatz von Leuten geben, die nur darauf warten, dass etwas Schlimmes passiert, damit sie sich in ihrem Pessimismus oder ihrem Menschenhass bestätigt sehen. Es wird auch immer Politiker geben, die bei jedem Vorfall die Kanzlerin der Mittäterschaft bezichtigen, weil sich am Ende alles, was passiert, irgendwie auf eine politische Entscheidung zurückführen lässt. Aber die Mehrheit hat einen Sinn dafür, was Wahrheit ist und was Diffamierung.

Wer wissen will, was Sache ist, muss heute ohnehin nur eine Ecke weiter nach den Namen googeln. Die Tatsache, dass in den sozialen Medien alles breitgetreten wird, enthebt seriöse Journalisten nicht der Aufgabe, sich darüber Gedanken zu machen, welche Geschichte sie bringen wollen und welche nicht, ganz im Gegenteil sogar.

Aber es verrät eine gewisse Hybris, wenn man weiter so tut, als könnte man die Diskussion beeinflussen, indem man bestimmte Informationen einfach unter den Tisch fallen lässt.

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insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
allessuper 12.12.2016
1. das Problem ist nicht
die Herkunft der Täter zu benennen. Das Problem ist unsere selektive Wahrnehmung, gekoppelt an unser Reptilienhirn. Ein Teil will die Globalisierung, der andere Teil will sie nicht, teilweise zieht sich die Grenze innerhalb eines Menschen. Einerseits wollen wir überall schnell und unkompliziert hinreisen, im Internet vielleicht vom anderen Ende der Welt bestellen und konsumieren. Andererseits wollen wir nicht, dass andere teilhaben. Und da geht eben nur beides. Einerseits sind Frauen in D. sicherer denn je. Andererseits ist die Rolle der Männer mehr denn je in Frage gestellt. Wie sollte ein einzelner Mensch mit all diesen Widersprüchen klarkommen? Tja. Mit Bewusstseinsbildung und Aufklärung. Anders wird es nicht gehen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kriminalitaetsexperte-sicherheit-in-deutschland-steigt-auch-fuer-frauen-a-1125384.html
Ultras 12.12.2016
2. Da bleibt
nur ein Wort zu sagen: Bravo, Herr Fleischhauer! Sie treffen den Nagel auf den Kopf!
Scriptmaster 12.12.2016
3. Vermeidung von Zerrbildern
Die Nennung der Herkunft führt nicht zu mehr Information über die Strafbarkeit von Flüchtlingen und Migranten, sondern zu einem Zerrbild. Das zeigt doch der Freiburger Fall. Leider im Prinzip einer von mehreren hundert jedes Jahr. Ganz groß raus kommt der Fall doch, weil ein Flüchtling involviert ist. Nehmen wir also an, von den vielen Sexualmorden an jungen Frauen pro Jahr in Deutschland sind 8% von Migranten begangen (fiktive Zahl). Von diesen zehn Prozent landen 75% in den Medien, vor allem solchen wie BILD, Welt, Focus. von den anderen aber nur rund jeder 25. Fall (ebenfalls fiktiv geschätzt). Dann ergäbe das öffentliche Pressebild, dass Migranten eineinhalb Mal mehr morden als Deutsche. Dann können Sie das Feld auch direkt RT-Deutsch überlassen. DAS ist das Problem bei den Nennungen.
cabeza_cuadrada 12.12.2016
4. Danke
sehr emotionslos und ohne Pauschalisierungen geschrieben. Leider ist das in der heutigen Zeit sehr selten geworden. Bleibt abzuwarten wie Politik und Presse mit der veränderten Situation umgehen. Nachrichtensperren und Meinungsbildung über die Tagesschau funktioniert in einer vernetzten Welt nun mal nicht mehr. Aber alles was verschwiegen oder weggelassen wird kommt wie ein Bumerang zurück. Oft verfälscht und/oder maßlos übertrieben. Das hat "stille Post" aber so an sich und ist bei weitem nicht neu. Bei Politik und Presse greift Panik um sich, dass ist deutlich spürbar. Da wird seltsamer Weise pauschal vor Pauschalisierungen gewarnt. Aber immer nur in eine Richtung, da macht man es sich (zu) leicht.
csm101 12.12.2016
5. Endlich...
mal eine völlig unaufgeregte Kolumne. Ja, der Leser ist doch nicht so dumm, wie manche es uns glauben machen wollen.
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