Essener Tafel Arme und Ausländer

Die Flüchtlingspolitik der Großen Koalition versagt. Wer die Menschen ins Land holt, muss sich auch um sie kümmern. Stattdessen streiten sich in Essen die Ärmsten der Armen um ein Stück Brot. Da freut sich die AfD.

Kunden der Essener Tafel
DPA

Kunden der Essener Tafel

Eine Kolumne von


"Die Armen prügeln sich um die Krümel, die von den Tischen der Reichen fallen." Der Satz ist eigentlich eine Metapher für besondere Ungerechtigkeit. In Deutschland handelt es sich nicht mehr um eine Metapher, sondern um die Beschreibung der Wirklichkeit.

Weil es in der Stadt Essen bei der Ausgabe von Lebensmitteln zu viel Streit mit Migranten gab, werden Deutsche ab sofort bevorzugt. Man weiß nicht, was skandalöser ist: dass der Hunger von Deutschen wichtiger ist als der von Ausländern? Dass die Ärmsten der Armen in einen Konkurrenzkampf untereinander gedrängt werden? Dass ein so reiches Land überhaupt eine Armenspeisung braucht?

Am 23. Februar befasste sich die "Tagesschau" unter anderem mit dem Staatshaushalt des vergangenen Jahres. Unter der Überschrift "Deutschland erzielt Milliarden-Überschuss", hieß es, dass Deutschland einen Rekordüberschuss in Höhe von 36,6 Milliarden Euro erzielt habe. Wegen der guten Konjunktur, der hohen Beschäftigung und der daraus resultierenden hohen Steuereinnahmen. Es sei der vierte Überschuss in Folge. Direkt danach meldete die "Tagesschau", dass die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst keine Migranten als Bedürftige mehr aufzunehmen, auf Kritik gestoßen sei.

Diese Kritik ist reine Heuchelei. Der Verantwortliche der Essener Tafel hat eine falsche Entscheidung getroffen. Doch eine Schande ist der Vorgang vor allem für Angela Merkel und die SPD. Merkel ist mit ihrer Flüchtlingspolitik gescheitert und die SPD mit ihrer Sozialpolitik.

Da steht also in Essen dieser Tafel-Chef und versucht, die Folgen dieser verfehlten Politik aufzufangen. Das hinterlässt Spuren in seiner Sprache. Syrer und Russlanddeutsche hätten ein "Nehmer-Gen", hat er dem SPIEGEL gesagt, es fehle an einer "Anstellkultur". Solche Worte sorgen für Empörung in den vornehmen Büros. Katarina Barley, geschäftsführende Sozialministerin der SPD, hat gleich geschimpft, die Entscheidung des Tafelbetreibers fördere Vorurteile und Ausgrenzung.

SPD-Politiker sollten bei diesem Thema besser schweigen

Nun trägt die SPD - mit einer Unterbrechung von vier Jahren - seit bald 20 Jahren Regierungsverantwortung in Deutschland. In dieser Zeit ist die Zahl der Tafeln von 220 auf 934 gestiegen. Sie unterstützen regelmäßig etwa 1,5 Millionen Menschen. Warum? Weil die staatlichen Leistungen für viele Arbeitslose, Rentner und Flüchtlinge nicht ausreichen. Die SPD ist schuldig. Sie erfand erst die Agenda-Politik und besetzte dann jahrelang das Sozial- und Arbeitsministerium. SPD-Politiker sollten bei diesem Thema besser schweigen.

Schweigen sollte auch Angela Merkel - aber die redet ja ohnehin wenig.

Ihre Flüchtlingspolitik war eine Katastrophe. Wer zulässt, dass die Menschen ins Land kommen, der muss sich dann auch ausreichend um sie kümmern, sie kleiden, sie ernähren, ihnen eine Zukunft eröffnen, entweder durch Integration in Deutschland oder durch möglichst schnelle Rückführung in ihre Herkunftsländer. Merkels Regierung versagt sowohl bei der Versorgung als auch bei der Integration als auch bei der Rückführung. Und wenn in Berlin die Politik versagt, rangeln an der Tafel in Essen die Ärmsten der Armen um einen Teller Suppe.

Die Links-Politikerin Sahra Wagenknecht hatte recht, als sie im Radio die Empörung dahin lenkte, wo sie hingehört: weg von den überforderten Freiwilligen der Essener Tafel, hin zu den überforderten Politikern in Berlin. Wie kann es sein, fragte Wagenknecht, "dass überhaupt in einem Land, was so reich ist wie Deutschland, ein Streit darüber entbrennen kann, wer Zugang zu abgelaufenen Lebensmitteln hat".

ANZEIGE
In dieser Woche...
    ...berichtet "der Freitag" unter anderem über folgende Themen:
  • Wer hat Angst vor der Antifa? Begegnungen mit einem linken Mythos

    Maaßen etc. Es gibt keine Angriffe von rechts? Irre, wenn man die Verfassung vor dem Verfassungsschutz schützen muss. Aber wie?

    Bomben Russlands Siege in Syrien und das Versagen des Westens bringen eine neue Weltordnung

    Osten Von Vorpommern bis in den Süden Sachsens herrscht Männerüberschuss. Darin liegt eine Ursache für den dortigen Rechtsruck

  • Diese Ausgabe digital lesen
  • Testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos

Wagenknecht redete in diesem Interview viel über zu niedrige Renten und Löhne und über den elenden Konkurrenzdruck, in den eine verfehlte Politik die Ausgegrenzten treibe. Aber ihre Interviewerin wollte sich lieber über den vermeintlichen Rassismus der Essener Entscheidung empören. Das war interessant.

Denn diese Empörung hat etwas Unpolitisches. Sie ist eine Ausweichbewegung. Eine Ablenkung. So wie auch die öffentliche Empörung über den tatsächlichen Rassismus der AfD zu einer Ablenkung zu werden droht. Denn wir machen es mit dem Rassismus der AfD ja nicht anders als mit dem Terrorismus der Islamisten: Wir grenzen uns ab, wir haben damit nichts zu schaffen, und vor allem, wir sind dafür nicht verantwortlich.

Dazu passt eine neue Zeitgeistanalyse, nach der die Teilung der politischen Lager in links und rechts ein Phänomen der Vergangenheit sei. Die neuen Trennungslinien verliefen zwischen "global" und "national" oder "liberal" und "autoritär". In einem gloriosen Welterklärungstext beschrieb die "Zeit" neulich diese "neue, mächtige Bruchlinie", die sich ins politische System schiebe: "Der Konflikt zwischen dem Globalen, lebensweltlich Pluralen, Kosmopolitischen auf der einen Seite und dem Nationalen, Begrenzten, Gemeinschaftsorientierten verläuft quer durch die Parteien."

Verteilungskonflikt zwischen den Oberen und den Unteren

Der Vorteil dieser Analyse liegt auf der Hand: Wer gegen den (Neo-)Liberalismus aufsteht, hegt automatisch Sympathien fürs Autoritäre. So sichert man auch intellektuell die Besitzverhältnisse. Denn in dem Maße, in dem sich auch die Wohlmeinenden vom Ziel einer gerechten Gesellschaft verabschieden - zu teuer, zu anstrengend und überhaupt - wächst ihr Bedürfnis nach Rechtfertigung für ihre soziale Apathie.

Aber die gerechten Steuergesetze oder die Regeln für eine durchlässige Gesellschaft oder auch nur die Verhältnisse an der Essener Tafel haben nichts mit einem angeblich neuen Konflikt zwischen national (böse) und global (gut) zu tun und alles mit dem Macht- und Verteilungskonflikt zwischen den Oberen und den Unteren.

Der kluge Journalist Robert Misik hat gerade geschrieben, was fehlt: "Eine Koalition von Engagierten aus verschiedenen sozialen Milieus, von Menschen, die unterschiedliche Lebensarten pflegen, aber doch das Bewusstsein haben, gemeinsam an einem Strang zu ziehen."

Dieses Gerede von der neuen Trennungslinie, zwischen Global und National, verhindert eine solche Koalition. Das ist auch sein Zweck.

Im Video: Armut in Halle-Neustadt

SPIEGEL TV
Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


insgesamt 436 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bs2509 26.02.2018
1. Bei aller Polemik
aber wer frequentiert denn die Tafeln in Deutschland. . . .? Zu Beginn war die berechtigte Klientel vor Ort, später gefolgt von Hartz-IV, den es mehr oder minder fiananziell nicht gut geht. Das änderte sich dann aber schlagartig und als fortwährende Gäste reihten sich Polen, Rumänen,Bulgaren und last not least, die Flüchtlinge. Und hier wieder vor allem Männer. Essen und Trinken für Leute, die es sich trotz Hartz-IV leisten können, normal einzukaufen. Diejenigen, die auf der Strecke bleiben, sind wie immer ältere Leute. Alleinstehende Frauen und Männer. Die Krux aber ist, die Gesellschaft bzw. die Engagierten der Tafeln müssen das ausbaden, was die SPD eingeführt hat und in "Tateinheit" mit der CDU/CSU munter fortführt. Ebenso die Aktion " Bürgerbus" . . . Deutschland wird mobil gehalten. Aber nicht von denen, die dafür verantwortlich seien sollten.
derhey 26.02.2018
2. Falsch
die Tafel hat die richtige Entscheidung getroffen. denn n ur dadurch gelangt dieser Mißstand an die Öffentlichkeit. Mit Apellen oder Gefasel wäre nichts dabei rumgekommen. Allerdings zieht auch Herr Augstein die falschen Schlüsse. Sehe ich bei uns die Schlange vor der Tafel (jede Woche) rennen Kleinkinder /(z.Z. wegen der Kälte weniger) zwischen den Füßen der Alten herum, schuppsen, schreien und es traut sich niemand, die Eltern zu rügen - als Beispiel. Es gibt auch andere, und zwar die die von den Essener angesprochen wurden.
grabenkaempfer 26.02.2018
3.
"Der Verantwortliche der Essener Tafel hat eine falsche Entscheidung getroffen." Nein hat er nicht! Die Essener Tafel ist ein Verein und hat nach Vereinsrecht die Möglichkeit jedem die Mitgliedschaft zu verweigern, genaugenommen auch ohne Angabe von Gründen. Wenn es sich herausstellt das eine bestimmte Gruppe nicht in der Lage ist, sich mit anderen zu arrangieren dann hat diese Gruppe eben keine Möglichkeit mehr Mitglied dieses Vereines zu werden. Wieso kann eigentlich von Flüchtlingen nicht erwartet werden sich halbwegs gesittet zu benehmen?
helmipeters 26.02.2018
4. tja, Herr Augstein
wenn Sie meinen die Tafel in Essen hätte eine falsche Entscheidung getroffen dann stellen sie sich doch ehrenamtlich hinter den Ausgabetresen. Statt sich mit dem Problem zu beschäftigen, das alleinstehende Mütter und ältere Frauen sich nicht mehr zur Tafel trauen wird auf den Leiter rumgehackt- das ist mehr als billig !
Duggi 26.02.2018
5. Widerwärtig.
Die Parteien, die in den letzten 30 Jahren Regierungsverantwortung getragen haben, sollten gezwungen werden, einmal darüber nachzudenken, wie groß ihre Schuld an der Notwendigkeit zur massenhaften Armenspeisung (die dann wie zum Hohn auch noch die Bezeichnung "Tafel" trägt) in Deutschland ist. Aber nein, stattdessen prügeln diese Verantwortlichen aus allen Richtungen auch noch auf die Ehrenamtlichen ein, die versuchen, die Hilfe in der Not so gut wie möglich zu verwalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.