Tag der Deutschen Einheit: Feier im Schatten der Euro-Krise

Es ist die Party zum Jahrestag der deutschen Einheit, doch beim Festakt in München war auch die Krise in Europa ein großes Thema. Bundestagspräsident Lammert warnt mit deutlichen Worten vor einem Zerfall der Gemeinschaft.

3. Oktober: Festlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit Fotos
REUTERS

München - Am 3. Oktober feiert Deutschland die Wiedervereinigung. Doch in diesem Jahr stand der Festtag unter dem Eindruck der schwelenden Euro-Krise. Und so floss bei vielen Rednern Sorge vor dem drohenden Zerfall Europas in die Grußworte ein.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) warnte beim zentralen Festakt in München eindringlich: Wenn der Integrationsprozess Europas nicht weiter vorankomme, "dann hätte Europa seine Zukunft hinter sich". Die "Erfolgsgeschichte" des deutschen Zusammenwachsens und das "zusammen Wachsen" seien eine Botschaft für Europa.

Dass diese "Erfolgsgeschichte" noch immer auf wackligen Beinen steht, erwähnte Lammert dabei nicht. Laut dem aktuellen "Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit" besteht noch immer eine wirtschaftliche Kluft zwischen Ost und West - und diese ist im Vergleich zum Vorjahr wieder größer geworden.

An der zentralen Einheitsfeier in der bayerischen Landeshauptstadt nahm die gesamte politische Spitze Deutschlands teil, allen voran Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Hunderttausende Menschen strömten bei schönstem Spätsommerwetter zu einem Bürgerfest in die Münchner Innenstadt. Bis zum frühen Nachmittag wurden bereits rund 200.000 Besucher gezählt.

Der bayerische Landeschef und Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) sagte als Gastgeber, Deutschland sei ein wunderbares Land. "Gemeinsam mit unseren europäischen Freunden haben wir alle Chancen auf eine blühende Zukunft." Zugleich würdigte der CSU-Vorsitzende die Leistung der Menschen in Ostdeutschland, die nach der Wiedervereinigung "harte Brüche, Anpassungsprozesse und Reformen gemeistert" hätten. Dafür gebühre ihnen Respekt.

Ode an Europa

Zuvor hatten bei einem ökumenischen Festgottesdienst auch Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm die besondere Verpflichtung Deutschlands für die Zukunft Europas hervorgehoben. Beide warnten in der Kirche St. Michael vor deutschen Alleingängen oder deutscher Überheblichkeit.

Auch musikalisch bestimmte die europäische Idee den eineinhalbstündigen Festakt. Das Bayerische Staatsorchester und der Chor der Bayerischen Staatsoper präsentieren unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano das Ende von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie mit der "Ode an die Freude" - die Europahymne - mit dem Ausruf: "Alle Menschen werden Brüder."

In Berlin nutzte Außenminister Guido Westerwelle seinerseits den Festtag, um Werbung für die Euro-Politik der Bundesregierung zu machen. Der FDP-Politiker mahnte, die aktuelle Krise dürfe die europäische Integration nicht in Frage stellen. Die richtige Lehre sei mehr Europa. "Es wird Deutschland auf Dauer nicht gutgehen, wenn es Europa auf Dauer schlechtgeht", erklärte Westerwellle.

Anders war die Stimmung im Osten der Republik. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) appellierte an die Deutschen, Ungleichheiten zu überwinden. 22 Jahre nach der Wiedervereinigung mögen die noch verbliebenen Aufgaben der deutschen Einheit größtenteils Sisyphusarbeiten sein, "aber auch sie müssen abgearbeitet werden", erklärte Lieberknecht in Erfurt.

dkr/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Wider die Vernunft
proklus 03.10.2012
Trotz aller Beteuerungen, es wird nicht gehen mit Europa. Man hat die letzten Jahre ganz einfach verpennt und jetzt will man hektisch und unter schwierigsten Umständen, am Volk vorbei, die Einigung. Ich kenne, bis auf die Polit-Beteuerungen, niemanden, der das will.
2. Ich kenne seine europäischen Freunde nicht ...
biwak 03.10.2012
""Gemeinsam mit unseren europäischen Freunden haben wir alle Chancen auf eine blühende Zukunft." H. Seehofer .... aber wenn weiter Politik gegen das eigene Volk gemacht wird, wirds mit der blühenden Zukunft von "WIR" nichts.
3. Lammert warnt,aber diese Regierung hat vor langer
Kernseife 03.10.2012
Zeit vergessen das eigene Volk mitzunehmen,jetzt Warnungen auszusprechen sind sinnlos,anstatt schnellstens ein Referendum um den Verbleib Deutschland in den Euro voranzutreiben! Egal in welchen Medien man sich durchliest, die Menschen die da schreiben sind so verschiedner Meinungen,dass man nicht erkennen kann,dass da ein Großteil überhaupt nicht weiß was Sache mit dem Euro und Europa ist.Mir persönlich macht Angst,dass ausgrechnet der Süden, unser über jahrzehntelanges beliebtes FerienZiel in Ungnaden gefallen sind. Die Politik hat alles vermasselt und uns Bürger wird jetzt auch noch davor gewarnt, Europa zu lieben,um es nicht zu verlieren. Hat man da noch Töne.Wo ist eigentlich diese Frau aus dem Osten die sogut für die Banken managen kann,aber immer noch nicht weis,dass wir das Volk sind!
4.
Schleswig 03.10.2012
Zitat von sysopDPAEs ist die Party zum Jahrestag der deutschen Einheit, doch beim Festakt in München war auch die Krise in Europa ein großes Thema. Bundestagspräsident Lammert warnt mit deutlichen Worten vor einem Zerfall der Gemeinschaft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tag-der-deutschen-einheit-europa-ist-das-zentrale-thema-a-859341.html
Fand dieser "Festakt" nicht in der Staatsoper statt? Wenn ja. Welch passender Ort.
5.
Tolotos 03.10.2012
Zitat von sysopDPAEs ist die Party zum Jahrestag der deutschen Einheit, doch beim Festakt in München war auch die Krise in Europa ein großes Thema. Bundestagspräsident Lammert warnt mit deutlichen Worten vor einem Zerfall der Gemeinschaft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tag-der-deutschen-einheit-europa-ist-das-zentrale-thema-a-859341.html
Das Problem mit Europa ist, dass Tatsachen immer mehr durch Werbebotschaften ersetzt werden müssen. Schon die Wiedervereinigung war ein Problem, dass Deutschland an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit geführt hat. Beim Euro drängt sich mir aber inzwischen der Verdacht auf, dass sich Deutschland mit den Lasten überhebt, und dass die deutsche Politik dabei eher dem Vorbild des Flughafen Berlin Brandenburg (http://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Berlin_Brandenburg) folgt. Grundsätzlich sind ja sowohl Euro als auch Flughafen sinnvolle Projekte, aber beide leiden daran, dass sie von Politikern geführt werden, die den Umstand, dass sie sich für die Folgen ihres Handelns nicht verantworten müssen, zur Selbstverwirklichung und /oder -bereicherung auf Kosten ihrer Wähler nutzen. PS: Die Wiedervereinigung wurde von Altkanzler Kohl im Übrigen per Solidaritätszuschlag auch über Steuererhöhungen finanziert, die auch die Besserverdienenden erheblich an den Lasten beteiligt haben. Die Struktur des Euro hingegen sorgt dafür, dass die Lasten dafür im Wesentlichen systematisch auf wirtschaftliche Mittel- und Unterschicht der Bevölkerungen abgewälzt werden.
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