Unionsfraktionschef Brinkhaus Ostdeutsche wurden "nicht fair behandelt"

Bei der Wiedervereinigung seien Fehler begangen worden, kritisiert Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus. Es fehle an Respekt vor den Leistungen Ostdeutscher. Ein "Wunder" sei die Einheit trotzdem.

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus
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Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus


Der neue Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) hat sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wiedervereinigung ausgesprochen. "Dies kann helfen, emotionale Wunden zu heilen", sagte er zum Tag der Einheit. Viele Ostdeutsche seien nach 1990 nicht fair behandelt worden - dies sei lange nicht genügend beachtet worden.

Bei der Wiedervereinigung seien Fehler begangen worden. Deswegen müsse es heute eine gesamtstaatliche Verpflichtung sein, die Entwicklung im Osten besonders zu unterstützen, sagte Brinkhaus.

Es sei zu wenig gesehen worden, dass die Menschen in Ostdeutschland von Grund auf neu hätten beginnen müssen, sagte er. Zu wenig sei gewürdigt worden, dass die Wiedervereinigung für viele Bürger im Osten trotz der Freude über die Einheit eine Stunde null gewesen sei. "Die Biografie vieler Menschen war von einem Tag auf den anderen scheinbar nichts mehr wert. Es fehlte an Respekt vor Lebensleistungen", sagte Brinkhaus.

Dank des Mutes, der Tatkraft und des Fleißes der Ostdeutschen und einer nationalen Kraftanstrengung sei seit 1990 jedoch viel erreicht worden. Die Wirtschaftsleistung der ostdeutschen Länder habe sich seit der Wiedervereinigung verdoppelt, die Einkommen seien gestiegen und die Arbeitslosigkeit liege auf niedrigem Niveau. Die Deutsche Einheit bleibe "ein Glücksfall unserer Geschichte", sagte Brinkhaus. "Es ist immer noch ein Wunder."

Ähnliches Lob kam von Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU): "Die Deutsche Einheit ist die größte patriotische Leistung des Landes", sagte er der "Rheinischen Post". "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut."

Nie sei es den Menschen in den neuen Ländern besser gegangen. "Nie stand uns die Welt so offen wie heute. Die Diskussion hat aber eine Schlagseite ins Negative bekommen. Das müssen wir wieder geraderücken. Wir müssen die Freude zurückgewinnen." Der Ministerpräsident fügte hinzu: "Miesepetern sage ich: Es ist das beste Deutschland, das wir je hatten."

Ostdeutsche sehen Einheit kritischer

Derweil zeigt eine aktuelle Umfrage, dass die Ostdeutschen den Zustand der inneren Einheit des Landes viel kritischer einschätzen als die Westdeutschen.

Laut der in der "Bild am Sonntag" veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid hat sich für 38 Prozent der Ostdeutschen das Verhältnis zwischen den Menschen in den beiden Landesteilen seit der Wiedervereinigung nicht verbessert; 22 Prozent sagen, es habe sich sogar verschlechtert. Nur 33 Prozent der Ostdeutschen finden, dass sich die Menschen aus West und Ost nähergekommen sind.

Bei den Westdeutschen ist das Stimmungsbild der Umfrage zufolge genau umgekehrt: 60 Prozent finden, dass sich Ost und West nähergekommen sind. Lediglich zehn Prozent finden, dass sich die Bevölkerungsgruppen fremder wurden, 22 Prozent sehen keine Veränderung seit der Wiedervereinigung.

Eine Mehrheit der Ostdeutschen (56 Prozent) wirft den Westdeutschen zudem Arroganz vor. Für die Umfrage wurden am 27. September 505 repräsentativ ausgewählte Personen befragt.

jpz/dpa/AFP



insgesamt 133 Beiträge
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clausde 03.10.2018
1. Treuhandgesellschaft
Irgendwann wird es eine historische Aufarbeitung der Arbeit der Treuhandgesellschaft geben. Wenn es dann überhaupt noch Unterlagen gibt. Aus Sicht eines Wessies hat die Treuhand, zugunsten westdeutscher Glücksritter, den Osten platt gemacht. Das war die erste staatliche Demütigung des Westens gegen den Osten. Und da hat die Brinkhaussche CDU einen nicht unerheblichen Anteil gehabt. Der Osten war marode, es drängte die Zeit, dennoch hätte es andere intelligentere Lösungen geben können. Lösungen die es vermieden hätten, das die Diskussion über die Gräben zwischen Ost und West nach bald dreißig Jahren nicht mehr geführt werden müssten. Das Wunder der friedlichen Wiedervereinigung hat in der Folge, leider einen bitteren Beigeschmack.
aku12 03.10.2018
2. Stimmt, aber eben nicht ganz
Michael Kretschmer (CDU): "Die Deutsche Einheit ist die größte patriotische Leistung des Landes", sagte er der "Rheinischen Post". "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut." (SPON) Ja, viele Menschenn im Westen haben auf Wohlstandszuwachs verzichtet, aber leider nicht alle --- im Gegenteil: die allerreichsten Westdeutschen haben sich an der Wiedervereinigung - und dies mit tatkräftiger Hilfe der Politik) eine goldene Nase verdient.
der_bulldozer 03.10.2018
3. Sehr nett
Ist alles sehr nett was da gesagt wird. Diese Einsicht kommt aber 29 Jahre zu spät. Im Osten ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, trotz aller Erfolge und Anstrengungen. Ich komme aus dem Osten und weiß wovon ich rede.
Lion 03.10.2018
4. Nicht anbiedern, Herr Brinkhaus, handeln!
Dem notorischen Selbstmitleid vieler Ostdeutscher sollten Sie nicht falsches Verständnis entgegenbringen. Solange ein Teil im Osten nicht kapiert, dass gerade auch Migranten am wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes mitbeteiligt waren, so lange verdienen sie kein Verständnis. Es gibt keinen Grund für kollektives Selbstmitleid und den ewigen Opferstatus so mancher Ostdeutscher. Es gibt auch keine Entschuldigung für die Liebe zu rechtsradikslen Parteien. Wer die Diktatur herbeisehnt ist nicht das Volk. Eine sozialere Politik könnte helfen, Herr Brinkhaus aber kein anbiederndes Gerede.
OhMyGosh 03.10.2018
5. Artikel 23: Kein Anschluß unter dieser Nummer
Im November 1989 legte der damalige BK Helmut Kohl einen Stufenplan ( "Zehn-Punkte-Programm" ) zur Vereinigung Deutschlands und Europas vor, der inzwischen als Wegbereiter für die Wiedervereinigung angesehen wird. In Teilen der DDR-Bürgerbewegung dagegen herrschte Skepsis gegen Kohls Plan vor. Deren Vorbehalte sind im Nachhinein mehr als verständlich, denn in bester Kolonialisierungsmanier übernahmen CDU-Altlasten wie Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel Regierungsämter im Osten der Republik. Insofern ist Herrn Brinkhaus durchaus beizupflichten. Unter den Publikationen, die sich mit dem mehr oder minder erzwungenen Anschluss der DDR an die BRD befassen, fällt das Buch des renommierten Historikers Horst Schneider "Artikel 23: Kein Anschluß unter dieser Nummer" durch das Aufdecken vieler unbekannter Hintergründe und analytische Sorgfalt auf. Der Autor belegt augenfällig die zahlreichen Rechtsbrüche, die mit diesem Ereignis verbunden waren und sind.
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