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Tanklaster-Affäre Jung mit dem Rücken zur Wand

Ex-Verteidigungsminister: Jung in der Defensive
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DDP

Es geht um sein Amt: Selbst die eigenen Leute rücken von Ex-Verteidigungsminister Jung ab, weil der CDU-Politiker nach dem Luftangriff auf Tanklaster bei Kunduz Informationen zurückgehalten haben soll. Die Opposition fordert seinen Rücktritt. Hält Kanzlerin Merkel zum jetzigen Arbeitsminister?

Berlin - Dass das ein schwieriger Tag wird für den Arbeitsminister, wird ihm an diesem Morgen spätestens um kurz nach neun Uhr klar. Im Plenum des Bundestags hat gerade die Afghanistan-Debatte begonnen, als Franz Josef Jung sich von seinem Sitz erhebt. Der CDU-Mann schreitet die Regierungsbank entlang, sucht das Gespräch mit der Kanzlerin. Doch seine Parteifreundin Angela Merkel wimmelt ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.

Jung tritt verdutzt den Rückweg an und kommt an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorbei. Der würdigt seinen Vorgänger keines Blickes. Jung nimmt wieder Platz auf seinem Ministersessel.

Es könnte das letzte Mal gewesen sein.

An diesem Donnerstag trifft den Hessen seine eigene Vergangenheit mit voller Wucht. Eine Vergangenheit, die er längst abgeschüttelt zu haben glaubte: die glücklose Zeit als Verteidigungsminister. An diesem Donnerstag geht es wieder um den verheerenden Luftschlag auf zwei Tanklaster Anfang September in Afghanistan - mit Dutzenden Toten.

Der Vorwurf, den die "Bild"-Zeitung jetzt publik machte: Jungs Ministerium habe damals Informationen über zivile Opfer verheimlicht. "Bild" zufolge war schon frühzeitig klar, dass nicht ausschließlich radikal-islamische Taliban getroffen worden seien. Das belegten "geheime Berichte" der Bundeswehr. Schon am Abend jenes 4. September habe demnach das Einsatzführungskommando in Potsdam einen Bericht erhalten, wonach im Krankenhaus von Kunduz "sechs Patienten im Alter von zehn bis 20 Jahren" lägen. Also auch Kinder. Von zwei Teenager-Leichen sei ebenfalls die Rede gewesen. Jung dagegen sagte damals stets, er habe keine deutschen Erkenntnisse über zivile Opfer. Stattdessen berief er sich auf afghanische Angaben.

Außenminister Westerwelle setzt sich von Jung ab

Die Verschleierungs-Vorwürfe kommen ausgerechnet an dem Tag, an dem der Bundestag über die Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes am Hindukusch debattiert. Und der ist ohnehin umstritten, nicht nur in der Opposition. Auch in den Regierungsfraktionen von Schwarz-Gelb wächst die Skepsis am Engagement, weil die Lage in Afghanistan verfahren ist wie nie. Wenn da nicht mit offenen Karten gespielt wird, macht das das Werben für eine Fortsetzung des Einsatzes nicht einfacher.

Das weiß auch Guido Westerwelle, der Bundesaußenminister. Deshalb äußert er gleich zu Beginn der Debatte einen Satz, den die meisten im Saal als versteckte Kritik an der Informationspolitik des ehemaligen Verteidigungsministers verstehen dürften: "Offenheit und Transparenz und Ehrlichkeit schafft die Grundlage für Vertrauen. Das ist auch die Regierung dem Parlament schuldig." Es gibt lauten Applaus. Die anschließende Debatte wird emotional, selten hat man den Alt-Grünen Christian Ströbele so oft mit der "Bild"-Zeitung wedeln sehen.

Für die Opposition ist klar: Falls Jung das Parlament und die Öffentlichkeit getäuscht haben sollte, ist er für SPD, Grüne und Linke nicht mehr tragbar. Sollte der Ex-Verteidigungsminister einen Rücktritt verweigern, muss ein Untersuchungsausschuss her - dazu könnte nach der Geschäftsordnung des Bundestags der Verteidigungsausschuss umgewandelt werden. Die SPD will das auf jeden Fall. "Die jüngsten Enthüllungen werfen ein neues Licht auf die Ereignisse in Kunduz", sagt SPD-Oppositionschef Frank-Walter Steinmeier. Offenbar seien Öffentlichkeit und Parlament Informationen "systematisch vorenthalten worden".

Ähnlich scharf äußern sich die Grünen: "Der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages muss sich als Untersuchungsausschuss konstituieren und die Hintergründe der Tanklaster-Bombardierung sowie die Informationspolitik der Bundesregierung untersuchen", sagt Fraktionschef Jürgen Trittin SPIEGEL ONLINE. Dort müsse sich Jung in jedem Fall erklären. "Wenn Jung die Öffentlichkeit belogen hat, ist er als Minister auch in seiner heutigen Funktion nicht weiter tragbar."

Dass der Minister von sich aus Konsequenzen ziehen wird, danach sieht es allerdings auch nach der Debatte an diesem Morgen nicht aus. Denn Jung nimmt zwar schließlich doch Stellung vor den Abgeordneten, obwohl der entsprechende Geschäftsordnungs-Antrag der SPD von der schwarz-gelben Mehrheit abgelehnt wurde. Aber was der CDU-Politiker sehr schmallippig sagt, ist lediglich folgendes: "Für mich gilt Offenheit und Ehrlichkeit." Und: Er wolle die Chance haben, die Unterlagen zu überprüfen, um sich vor dem Parlament konkret dazu äußern zu können. Entsprechende Akten soll Jung bereits in sein neues Ministerium geordert haben, noch am Donnerstag ist eine weitere Stellungnahme geplant.

Irritation auch in der Unionsfraktion

Das Problem: Auch das schwarz-gelbe Lager rückt zunehmend von dem glücklosen Hessen ab. Jedenfalls klingt es nicht gerade nach Rückendeckung, was Unions-Fraktionschef Volker Kauder dem Fernsehsender N24 am Rande des Plenums sagte: "Natürlich wird jetzt ganz klar von Minister Jung die Frage zu beantworten sein, ob er das gewusst hat oder nicht." Er erwarte "jetzt eine klare Äußerung dazu". Aus der FDP-Bundestagsfraktion war am Donnerstagmorgen zur Zukunft Jungs zu hören: "Er kann nicht bleiben. Das bringt nichts. Denn dann haben wir bis Mai Mist an den Beinen", hieß es gegenüber SPIEGEL ONLINE. Im Frühjahr steht in NRW die schwarz-gelbe Koalition zur Wiederwahl.

Unions-Fraktionschef Kauder sagte allerdings auch: "Ich gehe mal davon aus, wenn man es dem Herrn zu Guttenberg nicht vorgelegt hat, obwohl der sich bei Dienstantritt zu diesen Vorgängen ja geäußert hat, dass es dem Herrn Jung auch nicht vorlag." Und dann folgte ein Satz, der durchaus als Spitze gegen CSU-Mann Guttenberg zu verstehen ist. "Und dann muss im Hause des Verteidigungsministers aber richtig mal neu organisiert werden, damit solche Dinge nicht passieren können."

Guttenberg hatte unmittelbar nach seinem Antritt als Verteidigungsminister die Vorgehensweise seines Vorgängers in der Kunduz-Sache verteidigt. Am Donnerstagmorgen zog er dann - für viele überraschend - rasche Konsequenzen. Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert hätten die Verantwortung für die Vorgänge übernommen, teilte Guttenberg zu Beginn der Bundestagsdebatte mit - eine indirekte Bestätigung der Vorwürfe. Guttenberg will den Luftschlag, den er vor wenigen Wochen als angemessen bezeichnete, sogar neu bewerten. Er selbst habe am Mittwoch zum ersten Mal Berichte und Meldungen gesehen, die "in der letzten Legislaturperiode", also vor der Bundestagswahl, zurückgehalten worden seien.

Guttenberg will offenbar möglichst ungeschoren aus der Sache kommen. Für seinen Vorgänger wird das nach diesem Eingeständnis dafür umso schwerer.

Mitarbeit: Severin Weiland

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insgesamt 5467 Beiträge
SaT 08.11.2009
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger [...]
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der [...]
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche [...]
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden „Sie “ diesen Krieg auch gewinnen, „wir “ Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton 08.11.2009
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen [...]
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77 08.11.2009
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für [...]
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
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Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftschlag bei Kunduz (Angaben in Ortszeit)Zur Großansicht
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Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftschlag bei Kunduz (Angaben in Ortszeit)

Chronologie der Bombennacht
Klicken Sie auf die Zeiten für Details der Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009...

Was nach dem Luftangriff geschah
AP
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigt den Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklaster. Den Angriff, bei dem auch Zivilisten sterben, hat der deutsche Oberst Georg Klein angefordert. Die Taliban hätten gedroht, "auch und gerade vor den Bundestagswahlen Anschläge auf die Bundeswehr" zu verüben, erklärt Jung. "Deshalb war es eine sehr konkrete Gefahrenlage, wenn die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastwagen gekommen sind, die hier erhebliche Gefahr für unsere Soldaten bedeutet haben." An den folgenden Tagen bezeichnet Jung den Luftangriff wiederholt als "geboten".

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