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"Tatort"-Faktencheck: Werden Terroristen über deutsche Flughäfen eingeschleust?

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"Tatort" über Syrien-Heimkehrer: Dschihad in Braunschweig Fotos
NDR/ Marion von der Mehden

Gibt es eine "Braunschweiger Brigade"? Können islamistische Terroristen über Schmuggler an Flughäfen nach Deutschland gelangen? Wie glaubwürdig war der "Tatort"?

Bis zum ersten Fehler braucht der "Tatort" nicht einmal eine Minute. Der Film startet mit einer Kriegsszene aus einem syrischen Krankenhaus, die Kamera fängt ein Schild ein, auf dem steht der englische Begriff "Emergency Room". Die arabische Übersetzung ist völlig falsch geschrieben. Da stehen zwar die richtigen Buchstaben, aber sie sind nicht miteinander verbunden. Diese Blockschrift gibt es im Arabischen aber nicht.

Es blieb der einzige größere Lapsus im Tatort "Zorn Gottes". Hier der Faktencheck zu den wichtigsten Punkten:

Gibt es eine "Braunschweiger Brigade"?

Die "Tatort"-Autoren haben sich offenbar von den Ereignissen in einer anderen niedersächsischen Stadt inspirieren lassen. Seit 2014 sind rund 20 junge Männer aus Wolfsburg nach Syrien und in den Irak gezogen und haben sich dort der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen. Yassin O., ein radikaler Prediger, hatte sie an der Ditib-Moschee am Hauptbahnhof für den Dschihad angeworben.

Mindestens sieben Mitglieder dieser Wolfsburger Brigade sind inzwischen im Kampf getötet worden oder haben sich als Selbstmordattentäter für den IS in die Luft gesprengt. Zwei junge Wolfsburger kehrten tatsächlich nach wenigen Monaten desillusioniert zurück. Sie kooperierten mit dem Landeskriminalamt Niedersachsen. Verurteilt wurden sie im Dezember 2015 trotzdem: Ayoub B. muss für vier Jahre und drei Monate, Ebrahim H. B. für drei Jahre ins Gefängnis.

Werden Terroristen über deutsche Flughäfen eingeschleust?

Mitglieder der Terrorzelle, die bei der Anschlagserie am 13. November 2015 130 Menschen in Paris töteten, reisten tatsächlich mehrfach über deutsche Flughäfen - aber nur auf dem Hinweg ins Kriegsgebiet. Der Chefplaner der Attentate, Abdelhamid Abaaoud, flog am 20. Januar 2014 von Köln/Bonn aus nach Istanbul, ein anderer Todesschütze vom Bataclan war einen Monat zuvor von Frankfurt aus ins türkische Antalya gereist. Allerdings taten sie das ganz legal, mit ihren echten Dokumenten.

Bislang ist es keinem islamistischen Terroristen gelungen, mit gefälschten Dokumenten oder mit Hilfe von Schleusern per Flugzeug direkt nach Deutschland zu gelangen. Das ist auch gar nicht nötig. Der Landweg aus dem Nahen Osten ist deutlich einfacher. Mehrere Paris-Attentäter gelangten mit gefälschten syrischen Pässen nach Europa. Sie hatten sich entlang der Balkanroute gleich mehrfach als Flüchtlinge registrieren lassen, deshalb ließ sich ihr Weg nachverfolgen.

Planen Terroristen Anschläge auf Krankenhäuser?

Islamistische Terrororganisationen nehmen bevorzugt sogenannte weiche Ziele ins Visier. Orte, an denen sich viele Menschen aufhalten, die aber nicht besonders gut gesichert sind. Tschetschenische Terroristen überfielen im Juni 1995 das Krankenhaus Budjonnowsk. Tagelang hielten sie dort Hunderte Menschen als Geiseln. Während der Geiselnahme und bei der Erstürmung des Hospitals durch russische Spezialkräfte wurden mindestens 140 Menschen getötet. Später überfielen militante Islamisten aus Tschetschenien Schulen und Theater. Terrorkommandos der Organisation al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) haben nach dem gleichen Kalkül in den vergangenen Monaten mehrere Hotels und Restaurants in Nordwestafrika überfallen. In ein ähnliches Muster fallen die IS-Anschläge von Paris.

Den Terroristen geht es immer darum, die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb wählen sie auch ihre Ziele in Metropolen wie Madrid, Paris, London oder Istanbul aus. Daher wäre ein Terroranschlag ausgerechnet in Braunschweig wohl eher unwahrscheinlich.

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