"Tatort"-Faktencheck Flüchtlinge mit Heroin im Bauch - ist das realistisch?

Die Ermittler in Stuttgart sind entsetzt. In einem Laster liegen 23 erstickte Flüchtlinge, manche als Drogenkuriere missbraucht. Wahrheit oder Fiktion - wie glaubwürdig war der "Tatort"?

Von Kilian Treß

SWR/ Johannes Krieg

Ein grausamer Fund schockiert die Stuttgarter Fahnder. Versteckt auf der Ladefläche eines Kleinlasters entdecken sie 23 Leichen. Flüchtlinge, die qualvoll erstickten, nachdem sie über die deutsche Grenze geschleust wurden. Bei der Obduktion entdeckt die Rechtsmedizin zudem mehrere Päckchen Heroin in den toten Körpern. Die Spur führt zu einem Schleuser.

Die "Tatort"-Folge "Im gelobten Land" ist thematisch aktuell wie kaum eine andere der vergangenen Wochen. Doch sind die geschilderten Szenen im Krimi auch realistisch?

Gibt es Menschenschmuggel per Laster in Deutschland?

In den Medien kommen die Lkw-Schleuser kaum noch vor. Stattdessen: Balkan-Route, gebrochenes Dublin-Abkommen, Grenzkontrollen im Schengenraum. Dabei macht die Branche weiter gute Geschäfte.

Nach Angaben der Bundespolizei wurden in Deutschland zwischen dem 1. Juli 2015 und dem 9. Februar dieses Jahres 64 solcher "Behältnisschleusungen", wie sie in Polizeikreisen genannt werden, festgestellt. Das entspricht etwa acht pro Monat. Die Dunkelziffer ist allerdings nur zu erahnen. Bis heute bekanntester Fall ist der Erstickungstod von 71 Menschen in Österreich Ende August 2015. 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder, zusammengepfercht auf der 13-Quadratmeter-Ladefläche, erstickten damals bei hochsommerlichen Temperaturen im aufgeheizten Lkw an einer Autobahn.

Flüchtlings-"Tatort"
Unmittelbar vor diesem Fund war es deutschen Beamten bei einer Stichprobe gelungen, 81 Menschen aus einer ähnlichen Lage zu befreien. Das grausame Geschäft lohnt sich für die Schleuser: Den Transport von Mailand nach Frankfurt am Main lassen sie sich nach Angaben der Bundespolizei mit 600 bis 800 Euro bezahlen. Die Strecke Mailand-Kopenhagen kostet zwischen 1400 und 2000 Euro, Seewegschleusungen auf Frachtschiffen durch die Ägäis zwischen 4500 und 6500 Euro. Am teuersten ist der Luftweg aus der Türkei, über die Vereinigten Arabischen Emirate und Südamerika nach Deutschland. Kosten: 11.000 Euro.

Werden Flüchtlinge als Dogenkuriere missbraucht?

Im "Tatort" wurden in den Leichen der Flüchtlinge Heroinpäckchen gefunden. Eine überspitzte Darstellung? Nein, auch hier spiegelt der Film die Wirklichkeit wider.

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"Die Schmuggelrouten für Rauschgift überschneiden sich mit den Schleusungsrouten, sodass durchaus beides zusammentreffen kann", sagt die Bundespolizei. "Schleusungskriminalität ist sehr häufig verknüpft mit Menschenhandel und Rauschgiftkriminalität."

Wie funktioniert das Netzwerk der Schleuser?

"Die Bosse der Bosse sitzen in der Türkei, Ägypten, Kalabrien, in der Schweiz. Sie haben überall Büros. Sie sind weltweit vernetzt wie Reiseveranstalter." So fasst Film-Staatsanwältin Emilia Álvarez die Schleuserringe zusammen. Diese Einschätzung stimmt aber nur zum Teil. Richtig ist, dass die Bosse aus der Ferne operieren. "Sie verfügen in der Regel über Residenten in den Ausgangs-, Transit- und Zielstaaten und halten sich selbst überwiegend im Ausland auf", sagt die Bundespolizei.

Doch gibt es in den Schleuserorganisationen oft gar keine klare hierarchische Gliederung - also auch nicht immer "den einen Boss". "Vielmehr existiert innerhalb der Gruppierungen häufig eine funktionale Aufgabenverteilung wie Organisation, Anwerbung, Transport sowie sonstige Unterstützungstätigkeiten."

Was ist die Hawala-Methode?

Das Geld, das die Gruppierungen von den Flüchtlingen eintreiben, verschieben sie über das sogenannte Hawala-System. So wird es im Film geschildert. Das passiert so auch im echten Leben. Bei diesem System wird Geld ohne Banken von Ort zu Ort verschoben, ohne dass Behörden es bemerken.

Hawala ist Arabisch und heißt so viel wie "überweisen". Das System beruht vor allem auf Vertrauen. Geld wird von Person A zu Person B über zwei Zwischenhändler getauscht, die sich an unbekannten Orten treffen. Das macht eine Verfolgung schwierig.

Geht das SEK wirklich so rabiat vor?

Im "Tatort" wird das Flüchtlingsheim von einem Sondereinsatzkommando (SEK) regelrecht gestürmt. Türen werden aufgetreten, Menschen, die zum Großteil aus Bürgerkriegsländern geflüchtet sind, durch die Maschinenpistolen erschreckt. Selbst Kinder befragen die Polizisten mit vorgehaltener Waffe. Muss hier nicht sensibler agiert werden?

Nein. "Im Vordergrund steht immer die Rettung von Menschenleben", heißt es von der Bundespolizei. Dass, wie im "Tatort"-Szenario, Unbeteiligte möglicherweise Polizeibeamte mit Einsatzausstattung sehen, könne nicht ausgeschlossen werden und liege in der Natur der Sache.



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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
haltetdendieb 22.02.2016
1. Ein schöner spannender Tatort
Das hatr man den Beiden eigentlich gar nicht zugetraut! Von der ersten bis zur letzten Minute einfach sehr gut gemacht! Ich kehre langsam wieder zu Tatort zurück. Die werden in letzter Zeit wieder besser. Weiter so! Und Hut ab vor den Autoren, die dieses Thema schon angefasstr haben, als es noch außerhalb des Blickwinkels der meisten Menschen lag.
ClausHofmann 22.02.2016
2. Einfach nur noch gähn...
Wir weigern uns zukünftig Tatort zu sehen. Eigentlich ein sonntägliches Ritual, ist die Qualität und vermeintliche Spannung durchgehend katastrophal. Solch langweiligen und langatmigen Krimi wie gestern habe ich selten gesehen. Man hat das Gefühl, der Tatort als "Volkskrimi" gibt reihum jedem durchschnittlichen deutschen Schauspieler immer wieder mal die Gelegenheit, sich finanziell über Wasser zu halten. Ob talentiert oder talentfrei. Einfach nur zum umschalten. Schade.
Eppelein von Gailingen 22.02.2016
3. Verlieren jetzt auch noch die Krimi Drehbuchautoren die Ideen?
Mit diesen dämlichen Krimisendungen auf sämtlichen Sendern kann man sich den Wust an Schwachsinn nicht mehr weiter antun. Am besten auf Dokumentationen ausweichen. 3Sat, Arte, Phoenix und auch ein SWR, HR, WDR, NDR bieten genügend davon. Dann habe ich wenigstens die Welt gesehen, vom Sofa aus z.B. an die Küste von Amalfi mit dem Engländer Bradley Mayhew. Die konkurrierenden ARD, ZDF, aber auch die Privaten schielen auf irgendwelche Formate und die Einschaltquoten. Ist es vielversprechend wird auf Teufel komm raus nachgemacht und überschwemmt, bis die Zuschauer es nicht mehr sehen können. Hinzu kommt, die Gebühren Kassierer der Öffentlichen haben die Zusatzeinnahmen Werbung entdeckt und langweilen immer mehr mit diesem verlogenen Kram. Nicht genug, die nächste saftige GEZ Erhöhung kommt auch noch. Schließlich will man so US-Schauspieler präsentieren wie der Gottschalk mit seinen Phantasieklamotten und -gagen.
Mini Maus 22.02.2016
4. Sehr realistisch
Einer der Besten Tatorte die ich je gesehen habe. Man konnte alles sehr gut nachvollziehen und ich bin davon überzeugt, dass Schleuser vor nichts zurückschrecken. Auch nicht vor dem schmuggeln mit Heroin. Es ist eine traurige Wahrheit, die leider viel zu wenig verfolgt wird. Dieser Tatort war meines Erachtens aber sehr nah an der Realität des hier und jetzt....
Benjowi 22.02.2016
5. Unterscheidung ist nicht die Stärke der Bundespolizei!
Naja, was das Vorgehen der Bundespolizei angeht, gibt es ja aktuell durchaus ein Video im Netz, in dem sich ein extrem unsensibles Vorgehen -vorsichtig ausgedrückt- darstellt. Dass das in einem sehr problematischen Teil dieser Republik passiert, macht die Sache nicht besser! Offensichtlich fällt dieser Truppe die Untescheidung schwer. Wo rabiates Vorgehen angebracht wäre (Köln!) passiert nix. Wo offensichtlich Wehrlose und Verängstigte betroffen sind (Sachsen!), wird die Sau rausgelassen!
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