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Tatort Wismar: Die Neonazi-Gang vom Werwolfladen

Von Sonja Pohlmann

Eigentlich war es eine normale Demo gegen Rechts - bis die Lage in Wismar eskalierte. Einer der Protestler filmte die Szene und stellte sie ins Internet. Die Hauptdarsteller: 150 Demonstranten, fünf Neonazis mit Baseballschlägern und ein paar hilflose Polizisten.

Wismar - Eigentlich kennt sich Wolfgang Schleese in Wismar gut aus. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Heute arbeitet er im Ordnungsamt der Stadt, ist für Sprengstoff, Waffen und Versammlungen zuständig. Wer in Wismar demonstrieren möchte, muss sich bei ihm melden. Schleese prüft dann, ob er mit der gewünschten Strecke einverstanden ist.

Am Freitag, 11. August, klingelt um 17 Uhr sein Telefon. Die Polizei ist dran. 150 Mitglieder der Kampagne "Keine Stimme den Nazis" wollen am nächsten Tag nach Wismar kommen, um gegen die NPD zu demonstrieren, melden die Beamten. Die Polizei beschreibt ihm die voraussichtliche Strecke. Schleese geht sie in Gedanken durch, einen Stadtplan braucht er nicht, schließlich kennt er jeden Winkel. Keine Bedenken, entscheidet er.

Um 11.30 Uhr am folgenden Tag geht's los. 150 Menschen treffen sich vorm Hauptbahnhof in Wismar, sie sind Mitglieder in Vereinen, Gruppen und Bands und haben sich zur Kampagne "Keine Stimmen den Nazis" zusammengeschlossen. Wolfgang Schleese, braune Haare, rotes T-Shirt und dunkle Hose, ist auch dabei. Er läuft bei Demonstrationen oft mit, um aufzupassen, dass die Gruppen nicht vom Weg abkommen. Doch das, was er an dem Tag erlebt, wird er nie vergessen. Die Bilder dieser Demo werden um die Welt gehen - auf der Online-Videoplattform Youtube. Es ist ein knapp vier Minuten langer Film, der zeigt, wie überlegen sich Neonazis fühlen, selbst gegenüber der Polizei.

Fünf Rechtsextremisten gegen 150 Demonstranten

Am Anfang des Films wirkt noch alles wie ein ganz normaler Protestzug gegen Rechts. Ziel der Demonstranten ist der Werwolfshop, ein Treffpunkt der rechtsextremen Szene in Wismar. Behördenmann Schleese kennt den Laden nicht - sonst hätte er die Route geändert, versichert er. Als die Demonstranten eintreffen, wartet schon eine Clique offensichtlich gewaltbereiter Neonazis. Sie haben Baseballschläger hinter der Tür bereitgestellt und holen diese wie auf Kommando hervor, als die Demonstranten direkt vor dem Laden stehen. Fünf Rechtsextremisten gegen 150 Demonstranten. Die Polizisten scheinen von der Eskalation überrascht. Sie zücken ihre Waffen, laden sie durch, zielen auf die Rechtsextremisten.

Einer der Neonazis hat keinen Baseballschläger in der Hand, nur eine Bierflasche. Er lässt sich nicht einschüchtern, geht auf einen Demonstranten los. Die Polizisten packen ihn, ziehen ihn weg. Der Angreifer wehrt sich, schlägt zurück, schleudert seine Bierflasche in die Menge - knapp am Kopf von Schleese vorbei. Die Polizisten können den Angreifer kaum bändigen. Erst zu dritt bekommen sie ihn in den Griff und führen ihn ab. Die restlichen Neonazis werden ins Haus zurückgedrängt.

Diese Szenen werden von einem Demonstranten gefilmt. Wenige Tage später stellt er sie ins Internet. Jeder kann mitansehen, dass die Handvoll Rechtsextremisten aus Wismar keine Skrupel haben, es mit 150 Demonstranten aufzunehmen. Die Polizei scheint hilflos. Weder die zuständigen Beamten aus Wismar noch das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern wollen sich zu diesem Einsatz äußern.

Die Stadt selbst scheint mittlerweile wachgerüttelt - immerhin dieses Ziel hat die Kampagne erreicht. "Dass eine Handvoll Rechtsextremisten unser Image beschädigt, ist zum Kotzen", sagt Frank Junge, Sprecher der Stadtverwaltung. Er kann sich das Selbstbewusstsein der Rechtsextremisten nicht erklären. "Wir spüren jedoch eine latente Gefahr", sagt er.

"Wieso habt ihr euch so filmen lassen?"

Wie in vielen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns gibt es auch hier in Wismar eine rechtsextremistische Szene. Bereits im Mai wurde ein Inder von Neonazis unter lautem Gegröle verprügelt. Das Mobile Beratungsteam für demokratische Kultur sagt, dass in der Stadt mehrere Cliquen aktiv sind. 30 rechte Skinheads gebe es insgesamt, schätzt das Innenministerium. Als Treffpunkte dienen ihnen und ihren Sympathisanten nicht nur der Werwolfshop, sondern auch ein Tätowierungsladen und eine Baracke, die von einer Holzfirma vermietet wird.

Auch wenn Wismar nun aufmerksamer ist - gegenüber der rechtsextremistischen NPD und ihren gewaltbereiten Sympathisanten fühle sich die Stadt machtlos, sagt Junge. Derzeit prüft das Ordnungsamt lediglich, ob der Werwolfshop eine gültige Gewerbegenehmigung besitzt. Mehr Mittel habe die Stadt gegen den Szene-Treffpunkt nicht - ein Grund, warum sich die Neonazis hier so sicher fühlen.

Im "Hatecoreforum" diskutieren Mitglieder der rechtsextremistischen Szene den Vorfall - allerdings mit geteilten Meinungen. "Geil, dass man erst von den Polizisten mit einer Knarre gestoppt werden muss", kommentiert "H8" im Forum. "Respekt", schreibt "Sascha". "Rebel-Records" ist dagegen sauer. Er findet es nicht besonders clever, vor laufender Kamera zu Baseballschlägern zu greifen. "Wieso habt ihr euch so filmen lassen?", stimmt "Undying Loyality" zu. "Mein Gesicht ist kein Geheimnis", antwortet ein "Harry Andersen" großmäulig und ohne Reue. Ist er einer der Beteiligten?

T-Shirts mit volksverhetzenden Parolen beschlagnahmt

Der filmreife Auftritt seiner gewaltbereiten Clique hat jedoch Konsequenzen. Der Mann, der die Polizisten angreift, wird vorübergehend festgenommen. Nun läuft bei der Staatsanwaltschaft Schwerin ein Verfahren gegen ihn - wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungspersonen. Der Werwolfshop wird drei Tage nach der Demonstration von der Staatsanwaltschaft Schwerin durchsucht. Sie stellt T-Shirts mit volksverhetzenden Parolen sicher. Der Ladenbesitzer, Philip S., ist deshalb ebenfalls im Visier der Staatsanwaltschaft. Zudem will der Verfassungsschutz die rechtsextremistische Szene nun stärker beobachten.

Auch Wolfgang Schleese vom Ordnungsamt ist jetzt vorgewarnt. Er will es künftig nicht mehr genehmigen, dass Demonstrationen durch die Neustadt ziehen - ein wirksames Mittel gegen die rechtsextremistische Szene in Wismar ist das allerdings nicht.


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