Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Flüchtlinge in Bayerns Idylle: Tegernsee hell, Tegernsee dunkel

Von

Flüchtlinge in Bayerns Idylle: Welcome to Tegernsee Fotos
SPIEGEL ONLINE

Die CSU wettert gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung - Bayern habe die Belastungsgrenze erreicht. Stimmt das? Ein Besuch.

Eines will der Bürgermeister schnell aus der Welt räumen, die alte Sache mit dem "Lago di Bonzo". Man sei überhaupt kein Ort der Bonzen. "Die Leute arbeiten nur viel und haben deshalb auch ein bisschen mehr", sagt er. Und wenn ihm wie neulich ein paar Unternehmer 3500 Euro spenden, und dann noch einmal einer 2000, dann sei das doch ein Segen für die Flüchtlinge.

Willkommen am Tegernsee. Klarstes Wasser, in dem sich die steilen Hänge der Voralpen spiegeln - hier sieht Bayern aus, wie Bayern aussehen soll. Hoeneß wohnt hier, Lahm auch, Touristen kommen aus München wie aus Dubai. Nur ist nun auch hier in der bayerischen Postkartenidylle die Turnhalle voll mit Asylbewerbern.

Die CSU hat in der Flüchtlingskrise auf Konfrontation geschaltet, Ministerpräsident Horst Seehofer sieht seinen Freistaat, wo in den letzten Wochen Zigtausende Flüchtlinge aufliefen, an der Belastungsgrenze. Weil der freundliche Bürgermeister Johannes Hagn zum einen gleich zur Begrüßung sagt, dass man sehr gut mit den Flüchtlingen zurechtkomme, und er zum anderen natürlich von der CSU ist, kann man sich im Städtchen Tegernsee am Tegernsee sehr schön anschauen, wie es um die bayerische Willkommenskultur bestellt ist.

Hagn, der seine 3600 Bürger jetzt um 200 Asylbewerber aufstockt, lobt im blau-weiß karierten Hemd pflichtgemäß die Worte seines Parteichefs Seehofer. Er zeigt aber im CSU-Stammland auf der untersten Verwaltungsebene der Flüchtlingskrise einen eigenen Pragmatismus.

Jachtclub, Bräustüberl, Asylunterkunft

Der Landkreis sollte 2015 447 Flüchtlinge bekommen, mittlerweile ist von 1330 Menschen die Rede. Und so hat der Kreis Hagn ("Wir sind schlichtweg überrannt worden.") nun eine große Unterkunft ins Städtchen gelegt. Erst war die kleine Turnhalle des Gymnasiums belegt, seit August ist es die große Dreifachturnhalle des Landkreises gleich nebenan. Schon jetzt leben 140 Menschen dort.

Keine 50 Meter entfernt liegt der Jachtclub, direkt gegenüber das herrschaftliche Gymnasium. Dort, auf dem alten königlichen Anwesen steht auch das Bräustüberl. Serviert wird Tegernseer Hell und Tegernseer Dunkel. Hier also, mitten im schönsten Tegernsee sitzen nun Männer mit dunklen Bärten auf dem Bürgersteig und rauchen. Männer ohne Bart hocken versunken auf Bänken, Frauen - die es nach Auskunft des Landkreises in der Turnhalle gar nicht gibt - legen Wäsche zum Trocknen auf Hecken. Das kannte man im heilklimatischen Kurort bislang nicht.

Es gibt die üblichen Reaktionen. Hier die Rentnerinnen, die nachmittags Deutschunterricht geben und versuchen, den Flüchtlingen Praktika zu vermitteln. Dort die Verkäuferin, der als erstes einfällt, dass beim Sohn der Sportunterricht ausgefallen ist, weil die Flüchtlinge in der Turnhalle sind. Man könne hier nun wirklich nicht die Armen der ganzen Welt aufnehmen. Tegernsee hell, Tegernsee dunkel.

Der verschwundene Tuberkulose-Kranke

Irgendwo dazwischen: Bürgermeister Hagn. Die Turnhalle steht unter Verwaltung des Landkreises, doch der 49-jährige Gemeindechef musste immer wieder eingreifen. Ist ja auch schon einiges passiert. Ein Senegalese ging mit einer Eisenstange auf einen anderen los, ein Flüchtling legte sich auf die Straße, ein weiterer biss einen Polizisten. Manche betrinken sich derart, dass sie sich beim Sturz das Kinn aufschlagen. Die Flüchtlingsgegner erfinden dazu noch düsterere Geschichten.

Dann war noch ein Tuberkulose-Kranker einige Tage in der Halle - jetzt ist er für die Behörden unauffindbar. "War letztlich aber die harmlose Tuberkulose", sagt der Bürgermeister. Dem Landratsamt Miesbach war allerdings zum Zeitpunkt der Unterbringung noch nicht bekannt, dass der Flüchtling Tuberkulose hat.

Hagn, der vor der Lokalpolitikkarriere beim Zoll am Flughafen München und auf der Autobahn gearbeitet hat, ließ den Flüchtlingen schnell WLAN in die Halle bauen. So können sie dortbleiben und belagern nicht die Hotspots, die sein Städtchen für die Touristen eingerichtet hat. Hagn lässt für die Flüchtlinge den Sportplatz neben der Halle 24 Stunden offen - mahnt nur zur Rücksichtnahme auf die Nachbarn.

Er sagt, wegen der Urlauber aus der arabischen Welt "sind wir schon daran gewöhnt, dass hier nicht jeder mit Lederhose rumläuft". Dann sagt er aber auch, die Asylbewerber dürften niemanden verschrecken im "touristisch geprägten Ort". Bei Flüchtlingen mache "die Menge das Gift". Klingt so Willkommenskultur?

Das Märchen von Tegernsee

Es gibt in Tegernsee jetzt auch eines dieser Märchen, nach denen sich ein Teil der Öffentlichkeit in der Flüchtlingskrise sehnt. Ein Nigerianer ist zwei mal zum Männerchor Tegernsee gegangen und hat mit der Gruppe gesungen - dem Vernehmen nach ein bayerisches Lied. Der Artikel der Lokalzeitung geht durchs Netz, die Bayern lieben solche Geschichten.

Der Nigerianer heißt Emmason Amaraihi, ist 28 Jahre alt und sitzt an diesem Nachmittag beim Deutschunterricht. Er ist schnell und kann sich in einfachen Sätzen unterhalten. Zum Auftritt beim Chor zuckt er mit den Schultern und sagt: "Sie singen gut."

Wichtiger als der Männerchor ist ihm allerdings, endlich einen Job zu bekommen. Heute lernt er von der Rentnerin Isotte Herb Sätze zur Arbeitswelt: "Ich möchte als Elektriker arbeiten." Die pensionierte Dolmetscherin versucht, Amaraihi an eine Firma zu vermitteln. Sie hat eine Bekannte bei Bosch, einen Nachbarn, der Elektroingenieur ist.

Gibt es für die jungen Männer ein Leben nach der Turnhalle in Tegernsee, sofern ihr Asylantrag überhaupt angenommen wird? Die Hotels und Restaurants haben bereits ihre günstigen Hilfsarbeiter aus Osteuropa. Fragt man den Bürgermeister nach den Perspektiven der Asylbewerber, für deren Betreuung er sich so einsetzt, klingt er skeptisch. Der Tourismussektor sei abgedeckt, und zum Wohnen sei es in seiner Premiumlage ohnehin zu teuer.

Er drückt es in einem Ton aus, der wohl diejenigen beruhigen soll, die die Flüchtlinge am liebsten nicht im Ort haben wollen: "Überfremdung braucht hier niemand fürchten, weil die allermeisten hier gar nicht leben können."

Er sagt damit allerdings auch: Tegernsees Flüchtlinge passen am Ende nicht nach Tegernsee.

Hinweis: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, ein an Tuberkulose erkrankter Flüchtling sei wochenlang in der Dreifachturnhalle in Tegernsee gewesen. Das Landratsamt Miesbach weist daraufhin, dass der 23-jährige Flüchtling aus Eritrea vom 10. bis voraussichtlich 17. August 2015 dort untergebracht war und das Amt in diesem Zeitraum nicht wusste, dass die Person an TBC erkrankt ist. Nachdem der Flüchtling verschwunden sei, habe erst das Ergebnis einer dritten gesundheitlichen Untersuchung vorgelegen, so das Amt. Der erkrankte Flüchtling, der zur Fahndung ausgeschrieben wurde, habe bislang nicht aufgegriffen werden können.     

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: