Teilzeitstellen und Verrentung: Das Jobwunder, das keines ist

Mehr Schein als Sein: Die jüngsten Arbeitsmarktzahlen sind nicht etwa Anzeichen eines Trends zu mehr Beschäftigung, sondern basieren offenbar vor allem auf demografischen Effekten, der Zunahme von Minijobs und Teilzeitstellen. Der Einfluss von Politik und Wirtschaft hält sich in Grenzen.

Bundesagentur für Arbeit: Weniger Arbeit für mehr Menschen Zur Großansicht
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Bundesagentur für Arbeit: Weniger Arbeit für mehr Menschen

Frankfurt am Main - Es gibt immer weniger Arbeit - aber immer mehr Arbeitnehmer. Das ist kurz gesagt, die Erkenntnis aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linkspartei. Der jüngste Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt basiert demnach offenbar vor allem auf demografischen Effekten und dem Wachstum der atypischen Beschäftigung.

Laut "Frankfurter Rundschau" nahm die Beschäftigung zwischen 1992 und 2010 sogar deutlich ab, wenn man die geleisteten Arbeitsstunden zugrunde legt und sie in Vollzeitstellen umrechnet. Dann ergebe sich in diesem Zeitraum ein Rückgang um 1,8 Millionen Arbeitsplätze, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen um etwa 2,6 Millionen zugenommen habe.

Entlastet habe auch die Alterung der Bevölkerung. Allein zwischen 2005 und 2010 seien nach den Angaben des Ministeriums 800.000 mehr Ältere aus dem Berufsleben ausgeschieden als Jüngere nachrückten. Dieser demografische Effekt zeige sich am deutlichsten im Osten, wo eine geringe Geburtenzahl und eine starke Abwanderung zusammenträfen. Entsprechend beruhe die gesamtdeutsche Abnahme von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung den offiziellen Zahlen zufolge seit 1992 auf dem demografiebedingten Rückgang in den neuen Ländern. Im Westen sei die Zahl der Arbeitslosen dagegen gewachsen.

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linkspartei, Sabine Zimmermann, sagte der Zeitung: "Die Arbeitsmarkterfolge sind nicht das Ergebnis neuer Jobs, sondern der Aufsplittung von Arbeitsplätzen in kleine Teilzeit- und Minijobs". Ohne "einen Handschlag von Politik und Wirtschaft" habe zudem der demografische Faktor geholfen. Von einem Jobwunder könne daher keine Rede sein.

Die Bundesagentur für Arbeit meldet seit geraumer Zeit Rekorde: So war die Erwerbslosenzahl im Oktober zum ersten Mal seit rund zwei Jahren unter die Marke von drei Millionen gesunken. Zugleich erreichte die Zahl der Beschäftigten im Oktober einen neuen Rekordstand. Insgesamt wurden rund 40,9 Millionen Erwerbstätige gezählt - 405.000 mehr als im Vorjahresmonat. Das sei der höchste Stand seit der Wiedervereinigung, teilte das Statistische Bundesamt mit. Der alte Rekord im Oktober 2008 mit 40,77 Millionen Beschäftigten wurde damit gebrochen.

Allerdings boomen vor allem geringfügige und unsichere Formen der Beschäftigung. Es gibt rund fünf Millionen Deutsche, die zum Beispiel einen 400-Euro-Job haben. Mehr als 2,2 Millionen verdienen sich mit einem Mini-Job etwas dazu. Und wer eine vermeintlich feste Anstellung findet, landet immer öfter bei einer Zeitarbeitsfirma. Die Branche feiert derzeit einen Rekord nach dem anderen. 900.000 Deutsche arbeiten trotz der wirtschaftlichen Erholung nur dann, wenn sie gerade gebraucht werden.

ler/dapd/ddp

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insgesamt 27 Beiträge
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1. war doch immer klar
immigrantin 09.12.2010
Na, klare Sache: Wir brauchen dringend Zuwanderung in den Arbeitsmarkt! Lol.
2. .
fleisch111 09.12.2010
das finde ich jetzt doch ein bisschen überraschend! hab kaum noch arbeitslose freunde ! sind alle in zeitarbeit und über die hälfte bekommt hartz 4 aufstockung...hab zwar in der schule nich immer aufgepasst..auch schon 10 jahre her, aber meine alte lehrerin behauptete wer arbeitet braucht keine sozialleistungen !
3. Nix Neues
Dunedin, 09.12.2010
Zitat von sysopMehr Schein als Sein: Die jüngsten Arbeitsmarktzahlen sind nicht etwa Anzeichen eines Trends zu mehr Beschäftigung, sondern basiert offenbar vor allem auf demografischen Effekten, der Zunahme von Minijobs und Teilzeitstellen. Der Einfluss von Politik und Wirtschaft hält sich in Grenzen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,733701,00.html
Hätte der Autor nur einmal beim Spiegel vor kurzem in die Forumskommentare reingeschaut, als es da hieß, es gehe aufwärts am Arbeitsmarkt ,hätte er sich den gesamten Artikel sparen können . Die Wirtschaft sucht im übrigen auch keine Fachkräfte, so dringend, sondern billige Lohnsklaven. Außer Lügen, nix neues also auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
4. Nichts Neues
abfallverwertung 09.12.2010
Weiß doch jedes wahlberechtigte Kind, dass die Zahlen stets schöngerechnet werden. Warum hätte es diesmal auch anders sein sollen?
5. ...
Eva B, 09.12.2010
Zitat von sysopMehr Schein als Sein: Die jüngsten Arbeitsmarktzahlen sind nicht etwa Anzeichen eines Trends zu mehr Beschäftigung, sondern basiert offenbar vor allem auf demografischen Effekten, der Zunahme von Minijobs und Teilzeitstellen. Der Einfluss von Politik und Wirtschaft hält sich in Grenzen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,733701,00.html
Das wissen wir doch alle schon. Nur traut sich bei den einschlägigen Talkrunden keiner, das der zuständigen Ministerin zu sagen, weil sie immer gleich hysterisch wird ;-)
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Quelle: Statistisches Bundesamt / ILO
Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.