Volksentscheid zum Tempelhofer Feld Wowereit vor der Bruchlandung

Mit der Teilbebauung des Tempelhofer Felds will Klaus Wowereit die Wohnungsnot in der Hauptstadt bekämpfen. Doch viele Berliner trauen dem Regierenden nicht mehr - sie wollen den Volksentscheid nutzen, um ihm einen Denkzettel zu verpassen.

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Berlin - Es ist ein ruhiger Vormittag auf dem Tempelhofer Feld, dem Gelände des ehemaligen Flughafens im Herzen Berlins. Eine Inlineskaterin zieht ihre Bahnen auf der rissig gewordenen Landepiste, am Rand umringen Schüler ihren Lehrer, der von den Rosinenbombern während der Berlin-Blockade erzählt. Auf einer Wiese genießt ein junger Mann den Blick zum Himmel, an dem sein bunter Drachen im Wind pendelt. Die Schnur hat er an einen Pflock gebunden. Langweilig? Nein, nein, sagt er, er schaue lieber zum Horizont. Die uferlose Weite fasziniere ihn, der Blick ins Nichts mitten in der Großstadt.

Die Mitglieder der "Demokratischen Initiative 100% Tempelhofer Feld" möchten dieses Nichts so erhalten, wie es ist. Sie haben einen Volksentscheid erzwungen, der den Berliner Senat daran hindern soll, an den Rändern des gut 350 Hektar großen Areals Wohnungen und Gewerberäume zu bauen. Die regierenden Parteien SPD und CDU wollen sich dagegen mit einem eigenen Gesetzentwurf das Plazet für eine, wie sie sagen, "behutsame Entwicklung für Wohnen, Wirtschaft sowie Erholung, Freizeit und Sport" holen. Am 25. Mai, dem Tag der Europawahl, soll die Entscheidung fallen.

Sie könnte zum Fanal werden. Denn die Berliner begegnen ihrem Regierenden Bürgermeister inzwischen mit ausgeprägtem Misstrauen - und alle Umfragen deuten darauf hin, dass sie die Entscheidung über die Zukunft des Tempelhofer Felds nutzen werden, um ihrem Ärger Luft zu machen. Nach der jüngsten Erhebung von Infratest dimap im Auftrag der rbb-Abendschau und der "Berliner Morgenpost" sprechen sich 54 Prozent der Befragten dafür aus, dass überhaupt nichts gebaut wird auf dem Feld - und das sind fünf Prozentpunkte mehr als bei der letzten Umfrage.

Missratene Bauprojekte

Grund genug für einen Denkzettel bieten schon die missratenen Bauprojekte, die in Wowereits Amtszeit fallen: Ob Hauptstadtflughafen, Staatsoper oder Kanzler-U-Bahn - jedes Mal liefen die Kosten aus dem Ruder. Die politische Verantwortung dafür sehen die meisten Berliner bei Wowereit. Auch am Tempelhofer Feld ist ein Grundstück für ein Bauwerk reserviert, das nach Überzeugung vieler nur dazu dient, seinem Initiator ein Denkmal zu setzen. Die neue Landesbibliothek soll dort entstehen und endlich genug Platz bieten, wie Wowereit immer wieder betont. Auch in diesem Fall sind die Kostenpläne bereits wieder Makulatur.

Das Votum über das Tempelhofer Feld betrachten viele Berliner daher nun als Abstimmung über ihren Regierenden. Eine Schlappe würde seine ohnehin angekratzte Autorität weiter schwächen und die schwelende Nachfolgediskussion befeuern.

Wowereit gibt sich ungerührt. Es gehe am Sonntag um die Frage, ob sich die Stadt ein knappes Angebot von Wohnungen leisten könne, das am Ende die Armen an den Stadtrand zwinge, sagt er. Es gehe nicht um die Koalition - und um ihn persönlich schon gar nicht. Ein Votum gegen den Ausbau des Tempelhofer Felds sei purer Egoismus.

230 Hektar sollen geschützt bleiben

Die 4700 angedachten Wohnungen, die Hälfte davon mit einem Mietpreisdeckel bei sechs bis acht Euro pro Quadratmeter, würden den Mangel an bezahlbarem Wohnraum spürbar lindern und sich auch stadtweit preisdämpfend auswirken. Zwar gibt es in Berlin noch anderswo Bauflächen, sogar für insgesamt 220.000 Wohnungen. Doch die sind zum größten Teil in Privatbesitz und damit dem direkten Einfluss der Politik entzogen.

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230 Hektar des Feldes, so verspricht es der Senat, sollen gesetzlich als Freifläche geschützt werden. Genug, um seltenen Vogelarten wie Neuntötern, Feldlerchen oder Brachpiepern das Überleben zu sichern.

Doch solche Zusicherungen sind nach Überzeugung der Ausbau-Gegner nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Sie fürchten, dass die aktuellen Pläne nur eine erste Etappe darstellen. Und dass der Senat weniger an den Kampf gegen die Wohnungsnot denkt als an die Aufwertung der umliegenden Wohngebiete. "Da entstehen Luxusquartiere, die dann die Mieten in den umliegenden Stadtteilen nach oben treiben", sagt eine Frau, die am Rand des Feldes Broschüren der Initiative verteilt.

Das gilt besonders für die Straßenzüge rund um die Schillerpromenade im Norden Neuköllns, die direkt an das Flugfeld am Ende der Startbahn grenzen. Der Senat will in dieser Ecke des Tempelhofer Felds rund 1600 Wohnungen schaffen, die besonders Interessenten aus der Mittelschicht reizen dürften.

"Früher waren die Mieten in dieser Ecke wegen des Lärms der startenden und landenden Flugzeuge so niedrig, dass auch Leute mit niedrigem Einkommen die Möglichkeit hatten, in Zentrumsnähe zu wohnen", erklärt die Aktivistin. "Die Bebauung des Tempelhofer Felds würde zum Turbo der Gentrifizierung."

Allerdings zieht der Schillerkiez schon seit der Stilllegung des Flugbetriebs im Jahr 2008 Studenten und junge Akademiker an. Die wenigen Wohnungen, die frei werden, gehen kaum noch unter neun Euro pro Quadratmeter weg. Die Verdrängung der Altmieter ist also längst im Gange.



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Overseasreader 23.05.2014
1. Wie ist es denn moeglich
dass die Berliner Herrn Wowereit erst jetzt mistrauen. Haben sie den neuen Flughafen verschlafen mit ihm an der Spitze? War denn in den vergangenen Jahren alles in Ordnung? Mich wundert nur, dass Herr Wowereit sich so lange an der Spitze seiner Partei halten konnte und immer noch kann. Das ist doch schon erstaunlich. Hoffentlich hat der Volksentscheid die richtige Antwort fuer ihn.
slava grof 23.05.2014
2. wohnraum schaffen, oder lieber verkaufen?
gerade eben hat die stadt berlin wieder mehr kommunale wohnungen an private investoren VERKAUFT, als auf dem tempelhofer feld entstehen würden. wer denen noch glaubt, dem ist echt nicht zu helfen
zikky 23.05.2014
3. Ich spreche,
auch klar gegen eine Bebauung aus, zumal dort Wohnraum entstehen soll den sich sowieso nur Besserverdiener leisten können. Was uns hier fehlt ist bezahlbarer Sozialwohnungsbau, keine Luxuskaschemmen, davon haben wir genug. Und Wowereit kann doch seine Landesbibliothek auf dem seinem Flughafen unterbringen. Bis der fertig ist sind die Bücher eh verrottet.
DerRuferimWald 23.05.2014
4. Wenn Wowereit baut...
...weiss man ja, was dabei rauskommt. Und wenn Politiker bauen wollen und sagen, für bezahlbaren Wohnraum und Freizeitraum für die Bürger, wird es Industrie und teuerer Oberklassenwohnraum. Und wenn einer wie Wowereit guten Morgen sagt, schaut man am besten erst mal zum Fenster raus - um ihn rum ist meist ziemlich dunkel.
retterdernation 23.05.2014
5. 230 Hektar Freifläche reichen voll...
in Berlin herrscht mittlerweile Wohnungsnot. Und wenn ein Teil der Wohnungen dort "gesetzlich preisgedeckelt" und gleichzeitig die Freifläche auch geschützt wird, wäre das ein guter Kompromiss. Denn Berlin will und wird weiter wachsen. Mittlerweile verhält sich die Bildungsschicht, die diesen Bebauungsplan ablehnt, aber genauso, wie Atomkraftgegner, die gegen neue und benötigte Stromleitungen klagen.
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