Terror-Ermittlungen Die Mär von den Schläfern

Seit dem 11. September hat der Begriff der so genannten Schläfer in Deutschland Hochkonjunktur. Hunderte von diesen verdeckt lebenden Terroristen soll es noch geben. Doch keiner der mutmaßlichen Terror-Piloten war tatsächlich ein solcher Schläfer. Beunruhigende Bilanz der Ermittlungen: Auch das von Otto Schily durchgepeitschte Sicherheitspaket wird gegen Täter wie Atta und Co. nicht greifen.

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Marwan al-Shehhi hatte korrekte Papiere, als er 1996 nach Deutschland kam
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Marwan al-Shehhi hatte korrekte Papiere, als er 1996 nach Deutschland kam

Berlin - Das normale Leben des Piloten war mit dem Abheben des Telefons vorbei. Am anderen Ende der Leitung las eine langsame Stimme ein kurzes Gedicht vor, danach ließ der Angerufene den Hörer fallen. Mit roboterartigen Schritten verließ der Mann das Haus und belud sein Wasserflugzeug mit reichlich Sprengstoff. Dann hob er rasch ab und raste wenig später zielgenau mit dem Propellerjet in eine Militäreinrichtung. Der Auftraggeber hatte sein Ziel erreicht. Der Schläfer führte den tödlichen Plan perfekt aus.

Was sich wie eine Erzählung über die Terrorpiloten vom 11. September anhört, ist ein Phantasiegebilde aus den siebziger Jahren - der US-Spielfilm "Telefon" mit dem Hauptdarsteller Charles Bronson von 1977. In dem "explosivsten Film des Jahres" (Filmwerbung) waren die ausgemachten Feinde allerdings noch die Russen. Die hatten überall in Amerika mit Psychofolter trainierte Schläfer postiert, die durch lediglich einen Telefonanruf aus ihrem scheinbar normalen Leben geweckt werden konnten, um zu töten.

Der Begriff Schläfer in aller Munde

Nach dem 11. September haben die Schläfer indes nicht nur im Film ihren Platz. Seit bekannt ist, dass drei der mutmaßlichen Terror-Piloten vor den Attacken unauffällig in Deutschland lebten, gehört das Wort Schläfer zwischen Flensburg und München zur Alltagssprache. Fast jeder weiß: Ein Schläfer ist ein islamischer Terrorist, er lebt unauffällig in Deutschland, bis ihn sein Auftraggeber in den Tod schickt. Nordrhein-Westfalens Innenminister Fritz Behrens unkte schon kurz nach den Anschlägen, dass es bundesweit rund hundert solcher schlafenden Zeitbomben gebe. Woher er die Zahlen hatte, mochte Behrens nicht sagen, doch sie suggerierten die Möglichkeit, dass Anschläge wie in Amerika auch hier jederzeit und überall möglich sind.

Der NRW Innenminister Fritz Behrens und Otto Schily sind sich einig: Noch immer gibt es Schläfer in Deutschland
FABRIZIO BENSCH/REUTERS

Der NRW Innenminister Fritz Behrens und Otto Schily sind sich einig: Noch immer gibt es Schläfer in Deutschland

Auch Innenminister Otto Schily wird beim Argumentieren für sein Sicherheitspaket nicht müde, die Existenz der unauffälligen - weil schlafenden - Gefahrenpotenziale anzuprangern. Doch je mehr das Bundeskriminalamt (BKA) und die Bundesanwaltschaft über die Karriere der drei Studenten Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah ermittelt, umso deutlicher wird, dass keiner von ihnen die Kriterien eines so genannten Schläfers erfüllt. Doch nicht der falsche Begriff für die Art von Terroristen wie Atta und seine Komplizen sorgt so manchen Sicherheitsexperten. Viel schlimmer sei, dass der von Innenminister Schily vorgelegte Entwurf eines Sicherheitspakets gegen den Terror Täter wie die Hamburger Studentenclique nicht mit den richtigen Mitteln angehen, monieren Schilys Kritiker. In der hitzig geführten Diskussion um die Einschränkung von Bürger- und Freiheitsrechten bedarf die Wirksamkeit der von Schily geforderten Methoden offenbar der näheren Überprüfung.

Relikt aus dem Kalten Krieg

Dabei geht es nicht nur um den Begriff Schläfer. Er ist ein Relikt aus der Geheimdienstsprache des kalten Kriegs. Damals schickten die verfeindeten Ost- und West-Staaten Agenten mit falschen Identitäten und einem erfundenen Lebenslauf gezielt ins Feindland, wo sie zunächst einer unauffälligen und auch für die Auftraggeber uninteressanten Tätigkeit nachgingen. Doch die Agenten wussten immer, dass sie irgendwann aktiviert werden, auch wenn sie die genaue Mission noch nicht kannten. Teilweise warteten sie jahrelang auf ihren Einsatz und lebten ein normales Leben, ohne Berichte nach Moskau oder Ost-Berlin abzusetzen. Durch dieses unauffällige Leben gelang es den heimischen Geheimdiensten fast nie, die Agenten zu enttarnen.

Mohammed Atta reiste ebenfalls mit korrekten Papieren ein
AP

Mohammed Atta reiste ebenfalls mit korrekten Papieren ein

Ein ähnliches Bild ergab sich für die Fahnder beim BKA zu Beginn der Ermittlung auch für die Karriere der drei mutmaßlichen Terrorpiloten. Das Studentenleben erschien als bloße Tarnung, um in Deutschland die Anschläge zu planen. Diese Auffassung ist überholt. Vermutlich ist keiner der drei Männer mit der Absicht nach Deutschland gekommen, einen Terroranschlag zu verüben, glauben die Fahnder. Keiner der drei benutzte eine falsche Identität bei der Einreise, und alle nahmen das deutsche Studium zunächst ernst. Und bei allen verdächtigen Männern können die Fahnder nach den dreimonatigen Ermittlungen einen deutlichen Wendepunkt in ihrem Leben ausmachen. Bei allen Tätern gab es einen Zeitpunkt, von dem an aus den regulär in Deutschland studierenden Männern Terroristen wurden.



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