Terror-Gefahr in Deutschland: Beckstein will Übertritte zum Islam kontrollieren

Die Angst vor heimischen Islamisten wächst - zwei der drei verhafteten mutmaßlichen Terroristen waren zum Islam übergetretene Deutsche. Bayerns Innenminister Beckstein will jetzt den Religionswechsel kontrollieren und Menschen überwachen, die Muslime werden.

Berlin - Konvertiten neigen nach Auffassung von Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) "eindeutig dazu, sich durch besonderen Fanatismus der neuen Religion als würdig erweisen zu wollen". Es gebe zwar "kein Konvertitenregister". Wenn aber "die Sicherheitsbehörden von einem Übertritt erfahren, sollten sie feststellen, ob es sich um eine liberale und humane Richtung des Islam handelt oder um eine islamistische", sagte der designierte bayerische Ministerpräsident im "Handelsblatt" nach den Festnahmen von drei Terrorverdächtigen.

Muslim vor Moschee in Berlin: Konvertiten sind Politikern verdächtig
DDP

Muslim vor Moschee in Berlin: Konvertiten sind Politikern verdächtig

Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte in der "Bild"-Zeitung vor einer Gefahr durch radikale Konvertiten zum Islam. "Man denkt, wer hier aufwächst und die großen Vorteile unserer freien Gesellschaft genießt, ist immun. Aber einige sind für Radikalisierung empfänglich", wird der CDU-Politiker zitiert. Dies seien gefährliche und fanatische Leute mit hoher krimineller Energie, erklärte Schäuble. "Das besorgt mich sehr."

Um den sogenannten "homegrown terrorism" in Deutschland zu bekämpfen, müsse man stärker in die Milieus vordringen, in denen diese jungen Menschen aufwüchsen, sagte BKA-Chef Jörg Ziercke. Dazu bedürfe es des Dialogs mit den islamischen Gemeinden.

Dass es einen Zusammenhang zwischen erhöhter Gewaltbereitschaft und dem Übertritt zum Islam gibt, bestreitet indes der Leiter des Zentralinstituts Islam-Archiv in Soest, Salim Abdullah. Untersuchungen seines Forschungsinstituts hätten zwar gezeigt, dass neu zum Islam Gekommene dazu neigten, alles richtig machen zu wollen, sagte Abdullah der "Berliner Zeitung". Sie hätten ein besonders enges Verhältnis zur neuen Religion. Dieses "Konvertiten-Syndrom" aber gebe es auch in anderen Religionen, sagte Abdullah.

Nach Angaben des Islam-Archivs ist die Zahl der deutschen Konvertiten im vergangenen Jahr stark angestiegen. Waren es 2005 noch etwa 1000 Deutsche, die sich für den Übertritt zum Islam entschieden, so erhöhte sich die Zahl 2006 auf etwa 4000, wie Abdullah sagte. Von den derzeit knapp 3,3 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen sind laut Islam-Archiv 18.000 deutschstämmig.

Salim Abdullah führt den starken Zulauf von Deutschen zum Islam auf die stärker werdende allgemeine Islamophobie zurück. "Immer wenn der Islam unter Generalverdacht steht, solidarisieren sich viele Menschen mit dieser Religion", sagte Abdullah. Dieser "Solidarisierungseffekt" sei schon seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu beobachten. Bis dahin seien im Schnitt jährlich nur 250 bis 300 Deutsche übergetreten. Dabei handele es sich zumeist um Frauen, die mit einem Muslim verheiratet waren.

Nach den Festnahmen von drei Terrorverdächtigen am Dienstag im Sauerland ist die politische Debatte um neue Mittel im Kampf gegen Extremismus und neue Strafbestände neu angeheizt worden. Mehrere Unionspolitiker forderten, den Besuch von Terror-Camps unter Strafe zu stellen. Auch die drei Festgenommenen haben sich nach Informationen der Ermittler in pakistanischen Lagern ausbilden lassen, um in Deutschland Anschläge zu verüben.

Innenminister Schäuble hatte seine Forderung nach der umstrittenen Online-Durchsuchung bekräftigt. SPD-Politiker warnten vor Schnellschüssen und verwiesen darauf, dass die Festnahmen auch mit den bisherigen Fahndungsmitteln gelungen seien. "Ich bin der Auffassung, die Situation hat sich überhaupt nicht verändert", sagte SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz im WDR. Die Sicherheitsbehörden hätten bei ihrem Fahndungserfolg mit herkömmlichen Mitteln erstklassige Arbeit geleistet. "Ich halte es für ganz falsch, dass dieser wichtige Erfolg mit anderen tagesaktuellen Debatten verknüpft wird, etwa mit dem Stichwort 'Online-Durchsuchung'." Die Frage müsse in Ruhe geklärt werden. Es bleibe dabei, dass man zunächst die anstehende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts dazu abwarten wolle, so Wiefelspütz.

Unterdessen ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen weitere Verdächtige. Sie halten sich den Angaben zufolge im In- und Ausland auf.

anr/AP/AFP/dpa/ddp

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