Terror-Gefahr Schäuble erwartet Anschlag mit schmutziger Bombe

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat vor Terroranschlägen mit sogenannten schmutzigen Bomben gewarnt. Nach Erkenntnissen der Geheimdienste sei der Bau solcher Bomben eine realistische Option, sagte er.


Die terroristische Bedrohung Deutschlands bekommt eine neue Dimension: Nach Erkenntnissen der Geheimdienste ist der Bau von "schmutzigen Bomben" eine realistische Option, wie Schäuble der "Welt am Sonntag" sagte.

Minister Schäuble: "Die Frage ist nicht ob, sondern wann"
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Minister Schäuble: "Die Frage ist nicht ob, sondern wann"

"Tatsächlich lässt die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder schmutzigem Material die Gefahr wachsen, dass wir mit solchen Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus rechnen müssen", sagte Schäuble der Zeitung. "Die Frage ist wohl nicht mehr, ob es einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe geben wird, sondern die Frage ist, wann und wo es ihn geben wird."

Auf die Frage, ob es entsprechende Hinweise auch in Deutschland gebe, sagte der CDU-Politiker dem Blatt: "Dass in Kreisen terroristischer Aggressoren - das weiß man aus vielem, was man im Internet und sonstwo abfangen kann - solche mehr oder weniger perversen Überlegungen angestellt werden, ist leider nicht von der Hand zu weisen."

Bei sogenannten schmutzigen Bomben handelt es sich um einen konventionellen Sprengsätze, denen radioaktive Stoffe beigemischt sind. Der konventionelle Sprengstoff soll die radioaktiven Materialien möglichst großräumig verteilen. Ziel der Bombe ist nicht, Menschen direkt zu töten, sondern ganze Regionen zu kontaminieren. Eingesetzt wurden schmutzigen Bomben bislang noch nicht.

"Keine konkreten Erkenntnisse"

Konkrete Beschaffungsaktivitäten seien den Sicherheitsbehörden bislang nicht bekannt, sagte Schäuble. Sein bayrischer Kollege Günther Beckstein (CSU) bestätigte dies im Gespräch mit dem Deutschlandfunk: "Gott sei Dank" lägen zwar derzeit "keinerlei konkreten Hinweise" vor, dass so ein Anschlag in Deutschland geplant sei, sagte der bayerische Innenminister. Allerdings gebe es "immer wieder Hinweise, dass Terroristen aus dem Bereich von al-Qaida sich an Abfälle aus dem Bereich der Nuklearmedizin in Asien herangemacht haben". Damit entstehe eine "ganz besondere Bedrohung", warnte Beckstein.

Schäuble erklärte, die Ereignisse in Iran gäben Anlass zu größter Sorge. "Was dort passiert, kann sich nicht nur auf die Energiepreise auswirken, sondern eben auch auf die äußere und innere Sicherheit", sagte der Innenminister.

Zwar gebe es "keine konkreten Erkenntnisse" darüber, dass Iran Nuklearmaterial an Terrorgruppen weitergeben wolle. "Andererseits haben wir Äußerungen aus der iranischen Staatsführung gehört, von denen man annahm, dass es unvorstellbar sei, dass sich das Staatsoberhaupt eines zivilisierten Landes so äußern würde", sagte Schäuble. Der Ausgang der Wahl in den Palästinensergebieten könne die Situation im Nahen und Mittleren Osten zusätzlich destabilisieren.

Deutsche Behörden bereiten sich offenbar bereits auf mögliche Anschläge mit schmutzigen Bomben vor. Die Feuerwehr wird laut Beckstein derzeit entsprechend geschult. Die Polizei sei dafür hingegen "nicht gut vorbereitet", so Beckstein. Dafür verfüge die Bundeswehr über die weltweit besten ABC-Abwehrkräfte.

Strahlenschützer halten Gefahr für gering

Wie gefährliche schmutzige Bomben tatsächlich sind, ist unter Sicherheitsexperten durchaus umstritten. Das Bundesamt für Strahlenschutz kam beispielsweise zur Einschätzung, dass derartige Bomben selbst in unmittelbarer Nähe zum Freisetzungsort aus radiologischer Sicht keine Gesundheitsgefährdung für Menschen hervorrufen könnten.

Bei den meisten in Frage kommenden Radionukliden sei die Strahlung zu gering. Nur bei  Plutonium-239, das eine wesentlich höhere Radiotoxizität aufweise, wären in der näheren Umgebung bis zu wenigen Kilometern Entfernung vom Freisetzungsort Maßnahmen des Notfallschutzes erforderlich.  

Die Hauptgefahr schmutziger Bomben bilden nach Meinung der Behörde Überreaktionen in der Bevölkerung - "aus Unkenntnis über die tatsächlichen Gefahren".



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