Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Terror im Internet: Al-Qaidas deutsche Lautsprecher

Von Yassin Musharbash

Um Bekennerschreiben und Terrorvideos der irakischen Qaida zu lesen, muss man jetzt nicht einmal mehr Arabisch verstehen. Sympathisanten des Netzwerks übersetzen die Dokumente seit einem Vierteljahr fast täglich ins Deutsche - in einem Blog.

Berlin - "Willst du die letzten Videos, Stellungnahmen und Nachrichten der Mudschahidin auf deutsch sehen?" Mindestens seit dem 10. Mai wird in deutschsprachigen islamistischen Internetforen mit solchen Worten Werbung für die "Globale islamische Medienfront" gemacht. Ein Klick auf den mitgeposteten Link, und das Versprechen wird wahr gemacht: Fast alle Nachrichten, die die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida aussendet, lassen sich hier mit nur wenigen Tagen Verzögerung nachlesen - in deutscher Übersetzung.

Screenshot der Web-Depandance der selbsternannten deutschen "GIMF".

Screenshot der Web-Depandance der selbsternannten deutschen "GIMF".

Die aktuellste Übersetzung ist auf den 22. August datiert: "Tötung von 2 Kreuzdienern und Verletzung von 2 weiteren, durch das Zum-Detonieren-Bringen eines Sprengsatzes bei ihrem Hummer-Fahrzeug im Saylo Gebiet, nahe Baqubah, aller Lob und Dank gebührt Allah", heißt es darin. Dass sie wirklich aus Originalquellen stammt, lässt sich nachprüfen: Auf einer auf arabischsprachige Bekennerschreiben aus dem Irak spezialisierten Website findet sich eine entsprechende Eintragung des "Ratgebergremiums der Mudschahidin" in der Tat, jenes Dachverbandes, den Sarkawi gründete und in dem die irakische al-Qaida aufging. Die Übersetzung ist sogar so gut wie wörtlich und stammt offensichtlich nicht von einem Computerprogramm.

Insgesamt sind es Hunderte solcher Bekennernotizen, die hier untereinander aufgelistet werden, unterbrochen nur durch eingestreute Fotomontagen zur Verherrlichung des getöteten Irak-Chefs Abu Musab al-Sarkawi und anderer Qaida-Führer. Außerdem haben die Macher der Seite gleich dutzendweise Links hinterlegt, die zu Mitschnitten von Selbstmordattentaten und ähnlichem Material führen. Auch dieses Verfahren haben sie von den arabischen Original-Seiten der Qaida-Anhänger übernommen, die Links vermutlich ebenfalls.

Nachfolger von Qaidas Nachrichtenagentur

Die Seite der "Globalen Islamischen Medienfront" ist die erste ihrer Art auf Deutsch. Zwar gibt es längst auch dschihadistische Internetforen im deutschsprachigen Raum. Und ideologisches ebenso wie waffenkundliches Schulungsmaterial aus Qaida-nahen Quellen, das ins Deutsche übersetzt wurde, hat die Polizei auch schon mehrfach beschlagnahmt. Aber eine Webadresse, die sich selbst als Sprachrohr der irakischen al-Qaida präsentiert: Das ist neu. Die Hilfe beim Nehmen der Sprachhürde, unter der auch viele Dschihadisten leiden, dürfte in den einschlägigen Kreisen sicher goutiert werden.

An der Ausrichtung der Betreiber kann dabei kein Zweifel bestehen. Denn die Selbstbezeichnung als "Globale Islamische Medienfront" (GIMF) ist ganz gewiss kein Zufall: Eine gleichnamige Organisation gibt es seit Jahren unter ihrer arabischen beziehungsweise englischen Bezeichnung. Bis vor etwa zwei Jahren war die GIMF so etwas wie eine Nachrichtenagentur al-Qaidas. Bin Ladens Leute versicherten mehrfach, nur Material aus dieser Quelle sei authentisch. Zumeist tummelte sich diese inoffizielle Medienabteilung auf Servern des Anbieters Yahoo.

Screenshot einer der Websites, auf denen arabische Bekennerschreiben einlaufen.

Screenshot einer der Websites, auf denen arabische Bekennerschreiben einlaufen.

Seit einiger Zeit lässt sich derweil beobachten, dass die GIMF immer mehr in die Hände von Sympathisanten al-Qaidas übergeht, die möglicherweise überhaupt keine direkte Beziehung zu den Terroristen mehr haben. "Die GIMF ist eine islamische Medienbasis im Internet. Sie ist die Botschafterin der Mudschahidin. Wenn die Amerikaner meinen, sie könnten das Internet als ihr Eigentum betrachten und es beherrschen, dann werden wir den Zauber gegen den Zauberer wenden. Die GIMF gehört niemandem. Sie ist das Eigentum aller Muslime", verkündete ihre arabische Führung vor fast genau einem Jahr. Mittlerweile zähle die GIMF eher zu den "Produzenten", die Terrormaterial "reformatieren und ummodeln, um es attraktiver zu machen", sagt der norwegische Experte Brynjar Lia in einem aktuellen Artikel im Sicherheits- und Geheimdienstmagazin "Jane's". Allerdings diene dies eben auch dem Gewinnen neuer Rekruten.

Mehr als Sympathisanten?

Angesichts dieser Zwischenstellung der GIMF zwischen Sympathisantenszene und kämpfenden Terroristen bleibt unklar, als was man die Macher der deutschen GIMF-Seite bezeichnen kann. "Die Seite ist ein Beweis für die Präsenz eines Kreises von Sympathisanten der al-Qaida im Irak hier in Deutschland (oder im deutschsprachigen Raum)", sagt Guido Steinberg, Terrorexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Bedenkt man, wie wichtig die Medienarbeit für die Organisation seit 2004 ist, könnte man die Betreiber der Seite auch als aktive Angehörige der Organisation und nicht mehr nur als Sympathisanten kategorisieren."

Mehr als ihren Namen geben die Qaida-Lautsprecher ihren Lesern jedenfalls nicht an die Hand, um ihre Beziehung zu Bin Ladens Netzwerk zu beschreiben. Das Material, das sie verbreiten, ist ziemlich unverändert den arabisch-dschihadistischen Websites entnommen und kommentarlos übersetzt worden. Das deutet keineswegs auf einen exklusiven Zugang zur irakischen al-Qaida hin.

Man kann darüber hinaus freilich auch nicht mit Sicherheit sagen, dass die Seite überhaupt vom deutschsprachigen Raum aus betrieben wird. Technisch gesehen ist sie ein Blog, das auf den Kapazitäten des Anbieters "blogger" eingerichtet wurde. Das Unternehmen schreibt in seiner Selbstdarstellung, es konzentriere sich darauf "Nutzern eine eigene Stimme im Web zu verschaffen" - genau dazu haben die Terrorsympathisanten das Format dann auch genutzt, natürlich ohne Wissen der Firma. Denn ein Blog auf "Blogger" kann jeder in Minutenschnelle einrichten. "Wie üblich bei solchen Services ist der Anmeldeprozess sehr einfach gehalten. In der Regel werden die Angaben der Nutzer nicht überprüft", sagt Stefan Keuchel, Sprecher von "Google Deutschland", zu dessen Diensten "Blogger" zählt. Er verweist allerdings auf die vom User bejahten Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Hasspropaganda und ähnliches untersagen.

Behörden kennen die Seite

"Blogger" ist freilich nicht das erste Unternehmen, das von Terroranhängern für Propaganda missbraucht wird. Yahoo, Geocities und andere können ein Lied davon singen. Stefan Keuchel weiß allerdings für "Google Deutschland" von keinem vergleichbaren Fall zu berichten.

Mindestens drei Sicherheitsbehörden ist die deutsche "GIMF"-Seite übrigens bekannt: "Wir schauen von Anfang an mit drauf", sagt ein Beamter. Sie halten es schon wegen des Umfangs des Materials für nicht unwahrscheinlich, dass die Betreiber mehr als eine Person sind. Mehr als beobachten können sie sie aber nicht.

Googles erste Reaktion: Rund 12 Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels reagierte die US-Firma mit einer Warnung vor den Inhalten von GIMF

Googles erste Reaktion: Rund 12 Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels reagierte die US-Firma mit einer Warnung vor den Inhalten von GIMF

"Wir werden uns die Seite nun sehr genau anschauen", kündigte "Google Deutschland"-Sprecher Keuchel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE an. "Man muss gucken, ob die Inhalte gegen unsere Nutzungsbedingungen und deutsches Recht verstoßen, damit wir sehen, ob wir eine Handhabe haben, die Seite zu löschen."

Etliche Experten bezweifeln allerdings, dass ein Sperren von Pro-Dschihad-Seiten Erfolg verspricht - mittlerweile gibt es Tausende von ihnen, und für jede gelöschte entstehen zwei neue. "Man könnte vielleicht ein paar Leute erwischen", sagt etwa Thomas Hegghammer, ein anerkannter Experte für al-Qaidas Aktivitäten im Internet. "Aber man wird nie in der Lage sein, den gesamten Fluss radikaler islamischer Propaganda einzudämmen."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: