Terror in Paris Selbstmordattentäter nutzte erbeuteten Pass

Wie kamen die Selbstmordbomber nach Paris? Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war einer mit einem in Syrien gestohlenen Blanko-Pass unterwegs. Der Ausweis eines anderen Terroristen könnte einem getöteten Soldaten gehört haben.

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Ausweis des Attentäters auf den Namen Almahmod: Vom IS erbeutet
DPA/ Französisches Ministerium

Ausweis des Attentäters auf den Namen Almahmod: Vom IS erbeutet


Er nannte sich Mohammad Almahmod und sprengte sich vor dem Stade de France in Paris in die Luft. Doch wer war der Mann, dessen Ausweis am Tatort gefunden werden konnte? Und wie kam er nach Paris?

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gehört der entdeckte syrische Pass mit der Nummer 007773937 zu einer Charge von Blanko-Dokumenten, die der "Islamische Staat" (IS) in Syrien erbeuten konnte. Davon gehen die französischen Sicherheitsbehörden derzeit aus.

Das Referat 12 des Bundespolizeipräsidiums hatte in einem internen Warnhinweis bereits im Frühjahr darauf hingewiesen, dass die Terrormiliz entsprechende Dokumente stehlen konnte. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zählt der Pass von Almahmod demnach zu den 1452 Ausweisen, die der IS aus der Passbehörde der nordsyrischen Stadt Rakka entwendete. Den griechischen Behörden lagen schon im vergangenen Jahr Hinweise darauf vor, dass der IS einige Dokumente für jeweils 2500 US-Dollar an andere Extremisten verkauft haben könnte.

In Deutschland stellte die Bundespolizei in der ersten Jahreshälfte 2015 insgesamt 133 gefälschte Reisepässe und Personalausweise sicher - mehr als doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2014. Zum Teil werden syrische Pässe auch per Post in die Bundesrepublik geschickt. Der Zoll beschlagnahmte zuletzt ein Paket mit syrischen Pässen, darunter echte und gefälschte.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler reiste der Attentäter Almahmod gemeinsam mit mindestens einem Komplizen, der sich Ahmad Almohammad nannte, und fast 200 anderen Syrern am 3. Oktober über die griechische Insel Leros in die Europäische Union (EU) ein.

Reiste ein Angreiferteam über die Flüchtlingsroute in die EU?

Auch Almohammad sprengte sich am 13. November vor dem Stade des France in Luft, auch von ihm fand sich dort danach ein syrischer Pass mit der Nummer 007981404. Die Fingerabdrücke seiner Leiche stimmten zudem mit denen überein, die in Leros registriert worden waren. Der Pass aber soll einem getöteten Soldaten des Assad-Regimes gehört haben, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. Er sei gezielt zur Einschleusung eines Attentäters verwendet worden.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gelangte am 3. Oktober womöglich auch noch ein dritter Attentäter als Flüchtling getarnt nach Leros. Bislang ist unklar, um wen es sich dabei handelte. Die neuen Erkenntnisse legen aber den Verdacht nahe, dass ein ganzes Angreiferteam über die Flüchtlingsroute in die EU eingesickert ist. Für die Sicherheitsbehörden scheint sich damit ein Szenario zu erfüllen, das sie bislang für unwahrscheinlich gehalten haben. Dagegen schienen alle Erkenntnisse und die Logik zu sprechen.

Doch noch gibt es Ungereimtheiten: Warum trugen die Attentäter die Ausweise zum Zeitpunkt der Tat bei sich? Wollte der IS, der sich zu dem Terror von Paris bekannt hat, dass die Dokumente gefunden werden? Den Terroristen spielte das gleich doppelt in die Hände: Man säte noch mehr Angst und Schrecken im Westen - und die Flüchtlinge würden insgesamt diskreditiert. Für die Terrormiliz sind Flüchtlinge Verräter, weil sie das Land verlassen und nicht mit dem IS für die Errichtung eines Kalifats kämpfen wollen.

Griechische Zeitungen berichteten, die beiden vermeintlichen Syrer Almahmod und Almohammad seien am 5. Oktober mit der Fähre "Diagoras" von Kalymnos nach Piräus gereist. Das gehe aus den Passagierdaten hervor, hieß es. Am 7. Oktober dann tauchte der Pass des Almohammad in einer Flüchtlingsunterkunft im südserbischen Presevo auf. Seine Fingerabdrücke allerdings nahmen die örtlichen Behörden dort aus Kapazitätsgründen nicht ab. Weiter ging die Reise des Duos offenbar über Kroatien und Ungarn. Berichte, der angeblich im September 1990 im syrischen Idlib geborene Almohammad sei auch im bayerischen Feldkirchen erfasst worden, bestätigten sich hingegen nicht.

Neben A. und A. sprengten sich in Paris noch der Belgier Bilal Hafdi, 20, und der Franzose Brahim Abdeslam, 21, in die Luft. Hafdi soll zuvor in Syrien gewesen und dort verletzt worden sein. Schon in der Vergangenheit hatte der IS europäische Dschihadisten, gerade wenn sie verwundet worden waren, als Selbstmordattentäter eingesetzt. Bislang allerdings ausschließlich in Syrien und dem Irak.

Der nun erkennbare Strategiewechsel bereitet den deutschen Sicherheitsbehörden große Sorgen. "Das hat eine ganz neue und besondere Qualität",sagte ein Staatsschützer zu SPIEGEL ONLINE. "Zum einen, weil man eine ungeheure Entschlossenheit und Radikalität dafür braucht. Zum anderen, weil solche Anschläge eigentlich nicht mehr zu verhindern sind, wenn die Attentäter erst einmal auf der Straße sind."

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
ge1234 25.11.2015
1. Nun...
... da die Wahrscheinlichkeit, dass der Pass bei der Einreise nach Deustchland kontrolliert und vor allem registriert wird, eher gering ist, kann man sich den ganzen Fälschungsaufwand eigentlich auch sparen.
zweifler001 25.11.2015
2. Unlogisch? Das war zu erwarten!
"Die neuen Erkenntnisse legen aber den Verdacht nahe, dass ein ganzes Angreiferteam über die Flüchtlingsroute in die EU eingesickert ist. Für die Sicherheitsbehörden scheint sich damit ein Szenario zu erfüllen, das sie bislang für unwahrscheinlich gehalten haben. Dagegen schienen alle Erkenntnisse und die Logik zu sprechen." Das muß mir jemand erstmal erklären. Das ist doch wohl nur auf das wirklichkeitsferne Wunschdenken unserer unfehlbaren Kanzlerin zurückzuführen.
deglaboy 25.11.2015
3. Nach Merkels Einladung an die Welt...
sind in Nordmarokko ca. 15-20 000 junge Männer vorwiegend in die Türkei geflogen. Dort kaufen sie sich syrische Pässe, werfen ihre marokkanischen Weg und wollen als Neusyrer nach Deutschland. Sage mir keiner das sind Flüchtlinge. In der Region herrscht Kopf schütteln darüber, was los getreten wurde. Aber diese Dinge gehen im Rauschen unter.
leweda 25.11.2015
4. Überraschung
Ich bin immer wieder überrascht von der Überraschung bei Politik, Behörden und Medien, wenn die Djihadisten genau das umsetzen, was sie seit Jahr und Tag ankündigen und wozu sie spätestens seit ihrem (überraschenden ?) Vormarsch in Nordafrika erkennbar mehr als genug Kämpfer, militärische Ressourcen zur Verfügung haben. Die grausige Ideologie hinter IS ist ohnehin kein Geheimnis. Wenn ein LKW mit 50 tragisch verstorbenen Flüchtlingen quer durch Europa fahren konnte, bevor er in Österreich abgestellt wurde, dann ist es sicher auch keine Überraschung, dass den Djihadisten in Europa mittlerweile umfangreiche Waffenbestände zur Verfügung stehen. Jedenfalls nicht für mich. Ein LKW mit Kalaschnikows fällt noch weniger auf. Leider hat der 3. Weltkrieg begonnen, auch wenn sich deutsche Politik und Medien der Realität verweigern. Das ist nicht neu.
issesdas 25.11.2015
5. Nicht zu verhindern, wenn sie auf der Strasse sind
Eine funktionierende Regierung würde aus dieser Aussage eine Schlussfolgerung ziehen, nämlich die, daß man das mit Grenzsicherung verhindern muss, daß die auf der Strasse sind. Und was macht Deutschland...?
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