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Terror-Propaganda: Bin Ladens Lautsprecher sind wieder online

Von Yassin Musharbash

Das neue Video von Osama Bin Laden ist bereits verlinkt, dazu eine Erklärung, dass niemand sie stoppen kann: Obwohl letzte Woche die mutmaßlichen Anführer der "Globalen Islamischen Medienfront" in Wien verhaftet wurden, sind Bin Ladens ehrenamtliche Lautsprecher wieder online.

Berlin - Die Wiener Propaganda-Zelle, die letzte Woche ausgehoben wurde, hat offenbar noch mehr aktive Mitglieder als das inhaftierte Ehepaar. Seit Mittwoch gibt es jedenfalls eine neue Dependance der "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF).

Dabei handelt es sich um jene deutschsprachige Gruppe von Internet-Dschihadisten, die im März dieses Jahres ein Droh-Video gegen Österreich und Deutschland veröffentlichte und vor Anschlägen warnte, falls die beiden Länder nicht ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen - und außerdem täglich Bekennerschreiben und sonstige Terrorpropaganda von al-Qaida und verwandten Organisationen auf deutsch zugänglich machte.

SPIEGEL ONLINE ist die neue Internetadresse der deutschen Filiale der "Globalen islamischen Medienfront" bekannt. Die Seite hat dasselbe Design wie ihre Vorgänger. In der Nacht zum Freitag wurden dort bereits Links zu den aktuellen, am Donnerstag veröffentlichten Videos von Qaida-Chef Osama Bin Laden und seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri angezeigt.

Außerdem publizierte die GIMF eine Erklärung mit Blick auf die Festnahmen in Wien. "Ihr könnt machen was ihr wollt, macht so viele Festnahmen wie ihr wollt, löscht unseren Blog so oft ihr wollt, löscht das Forum so oft ihr wollt, ihr werdet euer Ziel nie erreichen, wir werden immer weitermachen bis wir den Sieg erlangen oder das Märtyrertum", heißt es darin unter anderem.

Keine heiße Spur nach Deutschland

Die deutschsprachige GIMF ist ein Netzwerk von ehrenamtlichen Unterstützern von al-Qaida & Co, das ab Herbst 2005 zwei Webseiten betrieb. Die Idee bestand darin, nach dem Vorbild der arabischsprachigen Ur-GIMF und ihrem englischsprachigen Ableger, Terrorpropaganda auch auf Deutsch zu verbreiten.

In der vergangenen Woche nahm die Wiener Polizei nach monatelangen Ermittlungen drei Personen fest; ein Mann musste allerdings wieder frei gelassen werden. Die beiden Übrigen sind ein junges Ehepaar, beide sind österreichische Bürger und Kinder ägyptischer Eltern. Der Mann, Mohamed M., gilt als der mutmaßliche Kopf der deutschen GIMF und als Mitproduzent des Droh-Videos, das im März auf der GIMF-Seite veröffentlicht wurde. Ein anonymes GIMF-Mitglied hatte damals gegenüber SPIEGEL ONLINE zugegeben, dass die deutsche GIMF an der Herstellung des Bandes beteiligt war.

Die Verhaftungen von Wien galten als ernsthafter Schlag gegen das Propaganda-Netzwerk; die neu errichtete GIMF-Seite zeigt nun, dass das Netzwerk noch nicht zerschlagen ist: Offenbar sind weitere Mitglieder willens und in der Lage, das Werk fortzuführen.

In der Erklärung heißt es ganz eindeutig: "Wir unterstützen den Dschihad und die Mudschahidin mit allem was wir können, wie z.B. mit unserer Meinung. Wir verbreiten die Botschaften der großen Führer des Dschihad Scheich Osama und Scheich al-Sawahiri. Wir zeigen, was wirklich in den Plätzen des Dschihad passiert, ohne Verdrehungen und Lügen."

Ermittler waren bereits frühzeitig davon ausgegangen, dass die GIMF aus mehr als nur ein paar Leuten bestehen muss; zu umfangreich war das Material, das die Gruppe tagtäglich übersetzte. Noch im August hatte die deutsche GIMF auf ihrer Website zudem Übersetzer gesucht, um der Fülle der Propaganda Herr zu werden.

Noch haben allerdings zumindest deutsche Behörden keine Hinweise darauf, wer hinter dem Relaunch der GIMF-Seite stehen könnte. Dem Hauptverdächtigen Mohamed M. werden zwar mindestens ein dutzend einschlägiger E-Mail-Kontakte bis in den Irak und nach Saudi-Arabien zur Last gelegt, darunter offenbar Qaida-Kontaktpersonen - aber nach Deutschland führt keine heiße Spur.

Kanadischer GIMF-Helfer soll Anschläge geplant haben

Nahezu zeitgleich mit den Verdächtigen in Wien war unterdessen auch in Kanada ein Islamist festgenommen worden. Said N. wird ebenfalls vorgeworfen, Mitglied der GIMF zu sein, allerdings der englischsprachigen Sektion. Der parallele Zugriff war kein Zufall: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte S. den deutschsprachigen GIMFlern geholfen, ihre Website zu etablieren. Mohamed M. hatte ihn zu diesem Zweck kontaktiert, heißt es in Sicherheitskreisen.

Die kanadische Zeitung "National Post" berichtete gestern erste Details über den aus Marokko stammenden Mann. Der 34-Jährige soll unter seinem Internet-Nickname Ashraf hunderte Pro-Qaida-Statements verbreitet haben. Kanadische und österreichische Behörden hätten fünf Monate lange gemeinsam ermittelt.

Said N. wird vorgeworfen, Anschläge außerhalb Kanadas geplant zu haben. Das Washingtoner Terrorforschungsinstitut SITE, so die "National Post", sein in Besitz einer Liste möglicher Ziele, die die österreichisch-kanadische Connection diskutiert habe. Unter anderem, heißt es in dem Bericht, habe man über einen Selbstmordanschlag während der für 2008 geplanten Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz diskutiert.

Von offizieller Seite wurden diese Informationen bislang nicht bestätigt, weder in Kanada noch in Österreich. Deutsche Terrorermittler gehen aber davon aus, dass es sich bei der deutschen GIMF um reine "Sessel-Dschihadisten" handelte, die keine Anschläge in der realen Welt planten. Die Bedeutung ihrer Seite wird trotzdem als potenziell gefährlich eingeschätzt: "Da kann man Radikalisierung in Echtzeit beobachten", sagte ein deutscher Verfassungsschützer bereits vor Monaten zu SPIEGEL ONLINE.

Die beiden ursprünglichen Websites der GIMF sind bereits seit zwei Monaten offline, von einem wenige Tage währenden Relaunch kurz vor der Verhaftung abgesehen. Der Grund dafür sind aber nach Informationen von SPIEGEL ONLINE nicht die Ermittlungen, sondern eine gegen Terror-Websites gerichtete Initiative von Internetaktivisten in den USA.

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Terrorpropaganda auf deutsch: Bin Ladens Lautsprecher

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