Terror-Razzia in Berlin Islamisten wollten sich ins Ausland absetzen

Hausdurchsuchungen in der Hauptstadt: Mit 155 Beamten ging die Polizei gegen eine Gruppe von 15 Islamisten vor. Sie stehen im Verdacht, einen Anschlag in Russland geplant zu haben. Als mehrere Mitglieder der Gruppe sich ins Ausland absetzen wollten, griff die Polizei zu.

Von und Yassin Musharbash


Berlin - Mit einer großangelegten Razzia ist die Berliner Polizei gegen eine Gruppe gewaltbereiter Islamisten in der Hauptstadt vorgegangen. Die Gruppe, die nach Erkenntnissen der Ermittler von drei jungen Arabern aus Nordafrika angeführt wird, soll einen Mordanschlag in Russland geplant haben. Zudem alarmierte die Fahnder in den letzten Wochen, dass sich aus dem etwa 14-köpfigen Umfeld der drei Islamisten zwei Gesinnungsgenossen bereits ins Ausland abgesetzt hatten - vermutlich auf dem Weg in ein Terror-Trainingslager im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet.

Drei weitere Personen versuchten in der vergangenen Woche, über den Flughafen Berlin-Tegel mutmaßlich ebenfalls in Richtung Terror-Camp auszureisen. Da die Männer beobachtet wurden, konnten die Behörden dies verhindern. Gleichwohl verstärkte sich unter den Ermittlern der Eindruck, dass die Gruppe möglicherweise in die konkrete Phase ihrer Vorbereitungen übergeht. Folglich entschied man sich zu der generalstabsmäßig geplanten Durchsuchungsaktion.

Festgenommen wurde niemand bei der Razzia, die im Morgengrauen begann. Vielmehr stellten rund 155 Beamte in 26 Wohnungen, hauptsächlich in den Bezirken Neukölln und Kreuzberg, Computer und andere Datenträger sicher. Ebenso fanden sie Outdoor-Kleidung, die möglicherweise auf die geplanten Aufenthalte in den Terror-Camps hinweist. Anhand der sichergestellten Materialien wollen die Fahnder nun herausfinden, was an den Verdachtsmomenten gegen die Gruppe dran ist. Die drei Beschuldigten, die man in Tegel festgenommen hatte, schwiegen gegenüber der Polizei.

Hinweise aus dem Ausland

Der Verdacht auf das Komplott im Ausland stützt sich auf Hinweise von ausländischen Behörden, wahrscheinlich vom russischen Geheimdienst FSB. Demzufolge plante die Gruppe um die drei Araber einen Anschlag auf einen russischen Politiker. Islamistische Separatisten-Gruppen kämpfen seit Jahren gegen die russischen Truppen, die Tschetschenien an einer Abspaltung von Russland hindern. Der Kampf gegen Moskau wird in den Propaganda-Videos von Islamisten immer wieder verherrlicht.

Solche Propaganda könnte auch bei Exil-Tschetschenen in Deutschland zu einer Radikalisierung führen. Vor allem stehen die Anhänger des sogenannten Islamischen Emirats im Visier, das im Oktober 2007 ähnlich dem Beispiel Afghanistans ausgerufen worden war. Dieser Phantasie-Staat vereint mehrere im Nordkaukasus aktive militant-islamistische Organisationen und kämpft gegen russische Truppen, die lokalen Machthaber der Teilrepubliken und nicht zuletzt gegen die verpönte Regierung von Ramsan Kadyrow für eine Loslösung von Russland. Kadyrow gilt als brutaler Stadthalter Moskaus in Tschetschenien.

Die Anhänger des Emirats sind jedoch nicht nur in der Region selbst aktiv. Laut Zahlen des Berliner Verfassungsschutzes gibt es auch in Berlin rund 50 Sympathisanten der Bewegung. Wie viele von ihnen radikal sind, vermag bei den Terror-Fahndern niemand zu sagen. Ebenso kämpfen tschetschenische Mudschahidin in der jüngsten Vergangenheit immer wieder auch in Afghanistan. Besonders im Grenzgebiet zu Pakistan gelten die ausländischen Kämpfer als große Gefahr.

Gewalt in Tschetschenien reißt nicht ab

Tschetschenien ist schon lange ein Hort islamistischer Militanter, insbesondere nachdem während des ersten Tschetschenienkrieges 1994 bis 1996 ausländische Dschihad-Kämpfer einsickerten und eine radikalere Ideologie mitbrachten. Die jahrelangen brutalen Einsätze der russischen Streitkräfte konnten die Bewegung bis heute nicht zerschlagen, auch wenn Moskau erst im April das Ende seiner "Anti-Terror-Kampagne" erklärte und im Laufe der Zeit viele Dschihad-Führer getötet wurden. Nach Zahlen des Geheimdienst-Fachblattes "Jane's" kam es im Nordkaukasus alleine im laufenden Jahr schon zu über 250 Terroranschlägen, darunter zahlreiche Mordanschläge gegen Politiker und Sicherheitsbehörden.

Ein Zusammenhang mit den in den vergangenen Wochen aufgetauchten Terror-Videos, die Deutschland mit einem Anschlag drohten, wurde von den Ermittlern ausgeschlossen. Vielmehr hätten die Behörden mit der Razzia die verdächtige Gruppe sprengen wollen, hieß es. Nun will man herausfinden, was an den Anschlagsplanungen in Russland dran ist. Vor allem die Ausreiseversuche einiger Gruppenmitglieder scheinen jedoch erneut zu belegen, dass die Ausbildungslager in der Krisenregion für junge Radikale weiterhin Anziehungskraft besitzen.

Die deutschen Sicherheitsbehörden registrieren seit Monaten, dass offenbar immer mehr Mitglieder der militant-islamistischen Szene planen, ins Ausland zu reisen. Oft geht es um harmlose Vorhaben wie Sprachkurse, nicht selten aber auch um einen Aufenthalt bei einer Terrororganisation - sei es, um sich zum Kämpfer ausbilden zu lassen und auf dem Schlachtfeld zu sterben oder um sich der Organisation dauerhaft als Mitglied anzuschließen. Diese Reisen führen dann meistens ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet, nach Waziristan, wo die meisten dieser Organisationen ihre Operationszentralen haben.

Reisebewegungen ins Terror-Camp

Die Standardreiseroute geht über die Türkei in den Iran, von dort mit der Hilfe von Schmugglern über die Grenze nach Pakistan. Wer hier vorher angemeldet wurde oder ein Empfehlungsschreiben bei sich trägt, der erreicht sein Ziel in der Regel. Auf diese Weise haben Dschihadisten aus Deutschland es zu al-Qaida, den Taliban, der Islamischen Dschihad Union und der Islamischen Bewegung Usbekistan geschafft. Alle diese Gruppen werben in Propaganda-Videos eindringlich um Rekruten aus Deutschland und schildern den Aufenthalt dort als religiöse Pflicht.

Wie viele Dschihadisten aus Deutschland genau ausgereist sind, um sich in den Camps in den Bergen schulen zu lassen, weiß niemand, auch nicht die Sicherheitsbehörden. Laut einem internen Lagebericht des Bundeskriminalamtes gibt es Informationen über "rund 180 Personen mit Deutschland-Bezug", die "eine paramilitärische Ausbildung erhalten haben sollen beziehungsweise solche beabsichtigen." Rund 80 seien wieder in Deutschland, 15 derzeit inhaftiert. Aber nicht einmal die Namen aller Heimkehrer sind den Behörden bekannt.

Immer wenn, wie möglicherweise im aktuellen Fall, ein williger Rekrut die Ausreise schafft, rechnen die Behörden damit, ihn demnächst in einem der Werbevideos wiederzusehen. So war es mit den Brüdern Jassin und Mounir Chouka aus Bonn, mit Bekkay Harrach alias Abu Talha und anderen.

Manche Reisende in die Krisenregion treten jedoch öffentlich überhaupt nicht in Erscheinung. Möglich, dass sie mit einem einmaligen Aufenthalt von ein paar Wochen oder Monaten ihre religiöse Pflicht als abgeleistet betrachten, denkbar aber auch, dass sie eine stille Reserve von im schlimmsten Fall zum Anschlag bereiten Terrorwilligen stellen. Das wäre das Horrorszenario - und genau aus diesem Grund ist der möglichst genaue Überblick über die Reisebewegungen in den Augen der Sicherheitsbehörden von zentraler Bedeutung.

Für die Gruppe um die drei Verdächtigen aus Nordafrika ist der Weg in die Trainingslager erstmal versperrt. Neben den drei bereits am Flughafen aufgehaltenen Personen sprach die Polizei auch für die elf weiteren Personen aus dem Umfeld ein Ausreiseverbot aus.



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Seite 1
mzwk 02.07.2009
1.
Gaebs keinen Terrorismus muesste man ihn erfinden. Jaja Schafe, ihr muesst halt taeglich daran erinnert werden dass an jeder Ecke Terroristen lauern und euch jederzeit in die Luft sprengen wollen - dafuer muesst ihr halt eure Freiheit aufgeben. Ich erinnere da an die Szene aus "V wie Vendetta", wo der Grosskanzler ausflippt und zu seinen Untergebenen meint: "Es wird Zeit dass die Leute wieder merken dass sie uns brauchen" - Schnitt - Und man sieht einige Ausschnitte aus Nachrichtensendungen ueber Katastrophen (Airbus abstuerze?), Pandemien (Schweinegrippe?), Terrorismus, Noete, etc. Es gibt aus dem Film sooo viele Parallelen zu heute, unbedingt mal ansehen wenn man ihn noch nicht kennt.
gutmensch666, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Erhöhte Terrorgefahr? Aaaaah, ach so - Wahlen stehen ja an, deswegen; der Michel muss wieder getrimmt werden. Nun - die Terrorgefahr wäre schwuppdiwups weg, wenn wir nicht in Afghanistan sinnlos herumrandalieren würden.
unuomo, 02.07.2009
3.
Woran das wohl liegen mag? Doch nicht etwa daran, das wir am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen? :-)))))
hook123 02.07.2009
4.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Klar warnen "Experten" vor Anschlägen, es geht ja schließlich auf die Bundestagswahlen zu und da kann es nicht schaden, wenn man den von wirtschaftlichen Abstieg und Arbeitslosigkeit, hohen Spritpreisen und Steuererhöhungen bedrohten Souverän mal wieder die schon fast verdrängte Terrorgefahr vor Augen führt und ordentlich Angst schürt, um vom grenzenlosen Versagen der Spaßkanzlerin und ihrer Dilletantenkoalition abzulenken. Dies Ablenkung tut auch not, zumal grade wieder wegen der Geschenke an die Banken, Opel und Quelle ein Nachtragshaushalt von 40 Milliarden (!) Euro fällig wird und bevor da jemand kritisch nachfragt beschäftigt man den Urnenpöbel lieber mit anderen Dingen. Als Sekundärnutzen fällt dann noch dabei ab, dass man sich als harter Antiterrorkämpfer mit immer haarsträubenderen Eingriffen in Bürgerrechte gerieren kann - zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Die Gefahr von Terroranschlägen besteht immer und soll auch nicht verharmlost werden, aber es besteht auch immer die Gefahr vom Laster am Zebrastreifen überfahren zu werden und die düfte in Deutschland größer sein, als die Terrorgefahr - zumindest im Moment. Wie der aktuelle Verfassungsschutzbericht (Stichwort: Wirtschaftsspionage) auch zeigt,haben dieses Land und wahrscheinlich auch die meisten Bürger - Bankvorstände von Landesbanken ausgenommen - derzeit ganz andere Probleme als morgens bei Brötchen holen von einem geistig verwirrten Radikalislamisten in die Luft gejagt zu werden. Ein Blick auf die sogenannten Experten zeigt jedenfalls, dass sie alle ein hohes Interesse an einem ordentlichen und gleichmäßig hohen Angstpegel in der Bevölkerung haben um so tolle Vorschläge wie die Vorratsdatenspeicherung, Einsatz der Bundeswehr im Innern, Luftsicherheitsgesetz, Kronzeugenregelung durch Parlament zu bekommen, frei nach dem Motto, "...wollen Sie etwa, dass sich die Anschläge von 11. September bei uns wiederholen?" Man kann sich jedenfalls schon lebhaft vorstellen, was beim Treffen der ganzen Freiheitsbegrenzer als Ergebnis rauskommen wird. Für den Bürger bleibt nur die Hoffnung, dass Karlsruhe einmal mehr rechtzeitig die Handbremse zieht, um uns vor wirklich schlimmen Dingen und unserem sauberen Bundesinnenminister zu bewahren.
Charles Atane, 02.07.2009
5. Der Trick hat 'nen Bart
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
*Gääähhhn* schon wieder - welches Gesetz oder welche Verfassungsänderung will Schäuble denn diesmal durchsetzen??
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