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Anschläge in Paris: Mit Kindern über Terror reden

Ein Debattenbeitrag von

Mutter gedenkt in Dänemark mit ihrer Tochter der Opfer von Paris Zur Großansicht
REUTERS

Mutter gedenkt in Dänemark mit ihrer Tochter der Opfer von Paris

Wie können wir mit unseren Kindern über die Anschläge von Paris sprechen? Fest steht: Ganz fernhalten können wir die Gewalttaten nicht, auch wenn es uns das Herz bricht.

Wir haben an diesem Samstag das Radio ausgelassen - und auch den Fernseher nicht angestellt. Ins Internet ist vor unseren Kindern ebenfalls keiner gegangen. Wir haben einen Laternenumzug gemacht und unseren Freunden, die dabei waren, eingebläut: kein Wort zum Terror von Paris. Wir als Eltern waren selbst so erschüttert, dass wir uns nicht in der Lage sahen, unserem siebenjährigen Sohn die Angst zu nehmen.

Aber ich weiß auch: So etwas geht nur für kurze Zeit gut. Mein Sohn kann lesen. Er sieht im Laden Zeitungen, selbst wenn wir sie zu Hause verstecken. In der Schule wird er über die Ereignisse in Paris von anderen Kindern hören, deren Eltern mit ihnen darüber gesprochen haben. Und er wird dann Fragen stellen. Es bricht mir das Herz, dass er erfahren wird, dass Menschen, wie die Terroristen in Paris, etwas so Entsetzliches tun.

Ich erinnere mich gut an meine Kindheit in den Achtzigerjahren. An die Katastrophe von Tschernobyl. Bei uns in der Nähe gab es ein Atomkraftwerk. Ich selbst bin in Schleswig-Holstein zur Schule gegangen, mein Bruder in Hamburg und in Hamburg haben auch meine Eltern gearbeitet. Es gab immer das Gerücht, dass, wenn im AKW etwas passiert, Hamburg abgeriegelt wird. Ich habe schreckliche Ängste ausgestanden: Dass ich von meiner Familie getrennt bin. Ich war lieber bei Freunden, die weiter weg vom AKW wohnten, als bei meiner Oma, von der es nur zehn Kilometer zum AKW waren. Es war die Angst meiner Kindheit.

In der Schule war die Gefahr durch Atomkraft ein großes Thema. Wir haben grausame Bücher darüber gelesen. Im Nachhinein finde ich: Uns Kindern wurden damals zu viel zugemutet.

Der Terror, wie jetzt in Paris, hat noch eine andere grausame Qualität: Er löst nicht nur Angst um das eigene Leben aus, sondern auch die Angst vor dem Bösen und die Erschütterung des Vertrauens in andere Menschen.

Ich bin mir darüber bewusst, dass wir in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten in einer ungewöhnlich heilen Welt gelebt haben. Für Millionen andere Eltern, die in Kriegs- und Konfliktgebieten leben, ist die Sorge, wie Kinder Gewalt und Krieg verarbeiten können, Alltag. Für unsere Urgroßeltern und Großeltern war sie es auch.

Aber für uns, die wir jetzt Eltern sind, ist das Thema neu: Wie sollen wir Erwachsenen mit unseren Kindern darüber sprechen, dass Menschen, wie die Attentäter, so etwas tun, ohne dass sie ihren Glauben an das Gute auf der Welt und im Menschen verlieren?

Ich habe keine abschließende Antwort. Wichtig erscheint mir: Ganz fernhalten können wir unsere Kinder auf Dauer nicht, aber wir können dafür sorgen, dass sie zuerst etwas von uns, die wir sie lieben, erfahren - und nicht die ganze Härte abbekommen. Dass wir ihnen einen positiven Ausblick geben: Dass die Erwachsenen dem Bösen etwas entgegensetzen, dass es viel Gutes gibt, Hilfsbereitschaft und Empathie unter Menschen.

Ich glaube aber auch: Vor allem mit Bildern - zum Beispiel von bewaffneten Attentätern, von toten Opfern müssen wir extrem vorsichtig sein und unsere Kinder schützen. Bilder können sich im Gehirn einbrennen.

Über allem steht für mich die Frage: Darf man in der Not lügen?

Meine eigenen Eltern haben mir, wenn ich vor einer Reise Flugangst hatte, oft versprochen, dass ich nicht abstürze. Natürlich hätten sie mir so etwas nicht versprechen können. Mir hat es trotzdem geholfen.

Ich werde meinem Sohn sagen, dass uns nichts passiert und dass alles dafür getan wird, dass so etwas wie in Paris in Deutschland nicht geschieht. Dass es viel Polizei und gute Politiker gibt, die einen Terroranschlag zu verhindern versuchen.

Ich hoffe inständig, dass mein Sohn niemals erleben muss, dass ich ihn angelogen habe.



Zur Autorin
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1. Wie gehen die Eltern mit der Angst um?
noalk 15.11.2015
Kinder bekommen dann Angst, wenn sie merken, dass die Eltern Angst haben. So, wie die Autorin schreibt, scheint sie selbst Angst zu haben. Die Angst ihrer Kindheit resultiert wahrscheinlich aus der Angst ihrer Eltern. Wenn Eltern versuchen, aus Angst Schreckliches vor ihren Kindern zu verbergen, erreichen sie genau das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen. Angst ist Bestandteil des Lebens, wie der Tod. Man kann Kindern mehr zumuten, als die Autorin denkt. Hilfreich dabei ist, den Anlass für die Angst zu entmystifizieren. Dazu ist allerdings ein Mindestmaß an Wissen nötig, das einigen Eltern fehlt.
2.
upalatus 15.11.2015
Mit Schrecken mag man daran denken, wie viele Kinderköpfe derzeit von Bezugspersonen mit völlig undifferenzierten "Die da, der/die/das Fremde, die warns!"-Fingerzeigens geimpft werden. Dafür langt der bequeme Satz zwischen Tür und Angel.
3. gemeinsam geweinte Tränen verbinden
Rosenblüte1 15.11.2015
Dem würde ich gerne meine eigenen Erfahrungen entgegensetzen: Als ich ungefähr fünf war, begann eine meiner Großtanten, einen Verfolgungswahn zu entwickeln, der sich in der Folgezeit immer weiter verschlimmerte, und auch heute, 30 Jahre später, noch immer unbehandelt ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich dann bei Oma aus dem Wohnzimmer ausgesperrt wurde, als die Erwachsenen darüber reden wollten. Erst als ich 14 war, habe ich Antworten auf meine Frage bekommen, was mit der Tante nun eigentlich ist. Es ist ein Irrglaube, dass man Kinder mit solchen Strategien vor Ängsten bewahren kann. Eher stehen sie noch größere Ängste durch, weil sie wissen, dass es niemanden gibt, der mit ihnen darüber reden will. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, für alles Kindern gegenüber eine Erklärung zu haben. Man kann auch einfach die eigene Sprachlosigkeit und Trauer und Wut teilen. Es gibt da ja den klassischen Spruch, dass geteiltes Leid halbes Leid ist. Gemeinsam geweinte Tränen verbinden, ebenso wie gemeinsam für die Opfer angezündete Kerzen. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass ich als Kind oft von Erwachsenen den Spruch zu hören bekam, du hast doch noch gar keine richtigen Probleme; oder dass ich als junge Erwachsene mir bekannte Eltern dies über ihre Kinder sagen hörte. Solche Arroganz liegt dann nahe, wenn wir unsere Kinder von allen Problemen dieser Welt abzuschirmen versuchen. Wir verkennen aber, dass Kinder damit auch Probleme haben und so keinesfalls zu selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen, die dem Terror etwas entgegenzusetzen haben.
4. Damals...
lluke 15.11.2015
Damals bei 9/11 war ich in der Grundschule und wir haben auch alle mitbekommen was passiert ist. Das wurde ganz offen kommuniziert und hat uns auch keine Angst bereitet. Zwar wussten wir als Kinder das was wirklich schlimmes passiert ist, aber Angst? Nein. Was ist das denn für ein Umgang wenn man jedes Medium vor Kindern versteckt, was die Wahrheit zeigt? Haben dann Eltern nicht eher Angst davor, dass ihre kleinen süßen Kinder zu früh merken was Leben ist, was der Mensch ist? Beraten sich kurdische Eltern auch darüber wie sie ihren Kindern erklären, dass sie vom starken Westen alleine gelassen werden? Warum die Peschmerga für uns am Boden die Köpfe hinhalten während wir mit den Saudis Handel treiben?
5. Liebe Frau Reimann...
windpillow 15.11.2015
Was ist den das für eine Augenwischerei von ihnen, Kindern die schon lesen können zu erzählen, daß in Deutschland alles getan wird, damit sowas hier nicht passiert. Daß es hier viel Polizei und -gute- Politiker gibt, die einen Terroranschlag zu verhindern versuchen. -Alles völliger Humbug -Es gibt keine 100% Sicherheit -das ist die Wahrheit und das verstehen auch Kinder, wenn man es ihnen richtig erklärt.
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