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Terrorgefahr: Wovor uns ein handwerklicher Fehler bewahrte

Von Henryk M. Broder

Die geplanten Anschläge auf zwei Regionalzüge sind gescheitert, ein Verdächtiger ist gefasst. Wir sind noch einmal davongekommen. Aber was wäre passiert, wenn die Bombenbauer geschickter gewesen wären? Zwei Szenarien eines veränderten Landes.

Die Amerikaner haben ihre Terrortaufe hinter sich, auch die Briten, die Türken, die Spanier, die Australier, die Indonesier, die Jordanier, die Ägypter und die Inder. Die Israelis sowieso. Und wir – wir sind eben mit dem Schrecken davon gekommen. Nicht, weil ER diesmal göttliche Gnade walten ließ, sondern weil die Bombenbauer "handwerkliche Fehler" begangen hatten.

Terrorverdächtiger E.: Professionelle Nachdenker in Sorge
DPA

Terrorverdächtiger E.: Professionelle Nachdenker in Sorge

Wären die Bomben, wie geplant, vor der Einfahrt der Züge in die Bahnhöfe Dortmund und Koblenz explodiert, hätte es Tote und Verletzte in ungeahnter Zahl gegeben, und Deutschland, die "mittlere Friedensmacht Deutschland" (Gerhard Schröder), hätte sich innerhalb von Sekunden in einen Kriegsschauplatz verwandelt, eine weitere Location in einem "asymmetrischen Krieg", der am 11. September 2001 begann und dessen Ende nicht abzusehen ist.

Und nun sind die professionellen Nachdenker und Vorsorger an der Reihe. "Mich macht dieser Anschlag äußerst besorgt", sagt der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz und spricht sich dafür aus, die Video-Überwachung im öffentlichen Raum zu verstärken. "Wir dürfen jetzt nicht locker lassen in unserem Bemühen, uns optimal aufzustellen." Sein Alter ego von der CDU, Wolfgang Bosbach, sagt, es müsse untersucht werden, was diese Menschen am Terrorismus fasziniere – als wären die Bombenleger Fans und Groupies einer Heavy-Metal-Band, die unter dem Einfluss der Musik außer sich geraten und die Säle demolieren.

Die Experten sind "besorgt", sie lassen "nicht locker", stellen sich "optimal" auf, und wenn sie wild entschlossen zur Tat schreiten, hört sich das so an: "Wir dürfen die Freiheit nicht zu Tode schützen" (Kurt Beck). "Wir dürfen uns nicht unsere freiheitliche Kultur wegbomben lassen von Terroristen" (Dieter Wiefelspütz). Da kann es einem ganz schwindelig werden bei der Vorstellung, die Sicherheit der Bundesrepublik und das Leben ihrer Bürger würden von der Arbeit von Motivforschern und einer Antwort auf die Frage abhängen, was denn "diese Menschen" am Terrorismus fasziniere.

Also stellen wir die Frage anders: Was wäre, wenn der Anschlag geglückt wäre?

Option Eins: Beschwichtigung

Wie schon nach den Anschlägen vom 11. September fordern Eugen Drewermann, Horst-Eberhard Richter und Günter Grass innezuhalten und darüber nachzudenken, "warum sie uns so hassen". Sprecher der Friedensbewegung, darunter der Theologe Friedrich Schorlemmer, schlagen als Alternative zur "Eskalation der Gewalt" einen "Dialog der Kulturen auf gleicher Augenhöhe" vor, dazu mehr Entwicklungshilfe für die Staaten der Dritten Welt und bessere Integration von "Jugendlichen mit Migrationshintergrund".

Christian Ströbele besucht eine Moschee in Neukölln und warnt davor, "alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen". Zugleich wiederholt er seinen Vorschlag, einen christlichen Feiertag abzuschaffen und an seiner Stelle einen muslimischen Feiertag zu etablieren. Oskar Lafontaine bietet sich als "Vermittler" an, man könne, sagt er, den Terrorismus nicht bekämpfen, ohne die Ursachen des Terrors beim Namen zu nennen: die Macht des Kapitals und die Ohnmacht der Ausgebeuteten. amnesty international, Human Rights Watch und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte sorgen sich um einen "weiteren Abbau der Grundrechte", Heidemarie Wieczorek-Zeul fordert, der Staat müsse auch in Krisensituationen "angemessen reagieren".

Ein solches Szenario basiert auf Erfahrungswerten, ist aber eher unwahrscheinlich. Denn die Gelassenheit im Umgang mit dem Terror hängt von der Entfernung zum Ort des Geschehens ab. Nach dem 11. September wurden die Amerikaner belehrt, sich nicht so hysterisch anzustellen, es handle sich doch nur um einen "Kleinzwischenfall der Geschichte" (Sloterdijk), der auf die hinteren Seiten der Zeitungen gehöre. Wenn aber ein Hobbypilot ein Sportflugzeug kapert und damit über Frankfurt kreist, bricht auf der "Fressgass" die Panik aus und der Bundestag beschließt Hals über Kopf ein Gesetz, das den Abschuss von entführten Passagiermaschinen erlauben soll.

Option Zwei: Alarmismus

Deswegen ist die Option Nr. Zwei viel wahrscheinlicher: Nach den Anschlägen ruft die Regierung den "nationalen Notstand" aus. Grundlage sind die Notstandsgesetze aus dem Jahr 1968. Zwar liegt kein Angriff auf die Bundesrepublik vor, aber die innere Sicherheit ist "massiv bedroht". Die laufende Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren hört schlagartig auf. Alle Bahnhöfe, Flughäfen, Radio- und TV-Stationen, Sendeanlagen, Regierungsgebäude und Parlamente werden von Einheiten der Bundeswehr umstellt und bewacht. Die Polizei ist dazu schon deswegen nicht in der Lage, weil sie flächendeckend den Verkehr auf den Autobahnen kontrolliert.

Fahrer, die sich auffällig verhalten, werden angehalten und überprüft. Und auffällig ist, wer "südländisch" aussieht, und wenn es eine Familie aus Sizilien ist. Auch die Reisenden in den Zügen werden systematisch kontrolliert. Wie auf den Flughäfen kommen auch auf Bahnhöfen Schleusen und Metalldetektoren zum Einsatz, jedes Gepäckstück wird durchleuchtet oder aufgemacht, jeder Reisende abgetastet. Kein Zug fährt mehr nach Plan, im Berufsverkehr bleiben Millionen Pendler unterwegs stecken. Bei der Polizei rufen Dutzende "Trittbrettfahrer" an, die Bomben in Kirchen und Museen deponiert haben wollen.

Alle Konzerte, Sport- und Massenveranstaltungen werden abgesagt, Bundesligaspiele fallen aus, auch die Tournee von Robbie Williams muss verschoben werden. Die Supermärkte und Kaufhäuser sind leer, in den Cafés und Restaurants bleiben die Gäste aus. Der wirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden, zugleich steigen die Ausgaben für Sicherheit ins Unendliche. Alle Flüge nach Mallorca, die Kapverden und Seychellen sind ausgebucht. Private Wachdienste haben Hochkonjunktur, eine israelische Firma bietet schusssichere Westen an, die man unter der normalen Kleidung tragen kann.

Die Bischöfe der beiden Kirchen rufen zu "Besonnenheit und Wachsamkeit" auf, in Essen kommt es zu einer Panik, als eine defekte Gasleitung explodiert und daraufhin ein unbewohntes Haus einstürzt, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Man habe, versichert jeden Tag der Sprecher der Bundesregierung in der "Tagesschau", die "Situation unter Kontrolle", für eine Entwarnung sei es freilich "noch zu früh".

Das Fernsehen und die Zeitungen üben freiwillige Selbstkontrolle und verzichten auf detaillierte Angaben über das Vorgehen der staatlichen Organe, um den unbekannten Tätern keine Hinweise zu geben. Das alles ist uns erspart geblieben, weil die Bombenbauer einen "handwerklichen Fehler" begingen. Wir sind noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Dem Herrn sei Dank.

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