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23. November 2015, 12:18 Uhr

Illegaler Waffenmarkt

Das versteckte Arsenal

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Kalaschnikows, Revolver, Handgranaten - Terroristen können sich offenbar beliebig viele Waffen beschaffen. Woher kommt die Ausrüstung? Die beunruhigende Antwort: Die Lager liegen mitten in Europa.

Acht Kalaschnikow-Gewehre mit Munition, zwei Pistolen, ein Revolver, zwei Handgranaten und 200 Gramm TNT - und das alles in einem VW Golf. Am 5. November hielten Fahnder den unauffälligen Wagen auf der A8 nahe Rosenheim an - offenbar war der Fahrer auf dem Weg nach Paris.

Bis zu den Anschlägen in Frankreichs Hauptstadt interessierte diese Nachricht kaum jemanden. Der Waffenschmuggel aus Südost- und Osteuropa gehört seit zweieinhalb Jahrzehnten zur europäischen Realität: Erst sorgte der Kollaps des Ostblocks, dann die Balkankriege für reichlich Ware auf dem Schwarzmarkt.

Wie viel davon heute noch über die Grenze geht, weiß niemand genau. Die Zahl der Waffenfunde brach mit dem Schengen-Abkommen ein - wegen der nun lückenhafteren Kontrollen, sagen Kritiker.

Auch in Kroatien, Bosnien, Montenegro oder Serbien liegt mittlerweile nicht mehr so viel in den Lagern. Die EU erwirkte, dass mehrere Fabriken geschlossen wurden, die Waffen für den illegalen Markt produziert hatten. Und irgendwann gehen auch Altbestände zur Neige.

Im Bericht der von der Uno bestellten Dokumentationsstelle für die Kontrolle von leichten Waffen SEESAC aus dem Jahr 2003 heißt es: Während das exakte Volumen des Waffenschmuggels in der Region nicht bekannt sei, "deuten die erhobenen Daten darauf hin, dass sich eine große Zahl von Waffen nicht mehr in der Region befindet".

Der Hauptmarkt für illegales militärisches Equipment ist nicht der Terrorismus: Auch kriminelle Organisationen sind an Transport und Handel beteiligt, darunter "gesetzlose Motorrad-Gangs", wie Europol im SOCTA-Bericht 2013 konstatiert, dem Lagebericht zur Schwerkriminalität in Europa. Dort heißt es aber auch: "Der Markt für Feuerwaffen in der EU bleibt von bescheidener Größe. Schmuggel geschieht auf niedrigem Niveau."

Das deckt sich mit den Erfahrungen des Bundeskriminalamts (BKA). Die Statistik widerspricht der Angst vor der Generalmobilmachung von Terroristen und Kriminellen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es: "Die Anzahl der in Deutschland in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfassten Straftaten gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz und der Straftaten unter Verwendung von Schusswaffen sind sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch in der Langzeitbetrachtung rückläufig."

Straftaten, bei denen Schusswaffen verwendet wurden, machten dabei "lediglich rund 0,2 Prozent aller in der PKS erfassten Fälle aus". Im Jahr 2014 zählte das BKA 443 Waffen, die "an Tatorten im Zusammenhang mit Straftaten (...) sichergestellt wurden". 108 davon waren Kaliber, für die man einen Waffenschein brauchte. Aber: Nur 4,9 Prozent davon "befanden sich im legalen Besitz".

Anders gesagt: Rund 95 Prozent der 2014 konfiszierten Tatwaffen wurden nicht legal erworben oder gehalten. Sie stammten aus einem versteckten Arsenal: Schätzungen zufolge stehen hierzulande rund 5,6 Millionen legal gehaltenen Waffen 15 bis 20 Millionen illegale gegenüber.

Viele dieser Schätzungen sind wohl überhöht. Trotzdem geht auch die EU-Kommission davon aus, dass rund 79 Prozent der Feuerwaffen nicht legal sind - 67 Millionen Stück. Die Zahl stammt aus einer Studie zur Eindämmung des Waffenschmuggels in Europa.

Aus diesem illegalen Bestand kommt in erheblichem Maße der Nachschub für den Waffenmissbrauch. Das ist auch für die Halter legaler Waffen ein Problem. Sie fürchten wieder Verschärfungen des Waffenrechts. "Reflexhaft", sagt Dirk Schönfeld, Geschäftsführer von VS Medien, dem Herausgeber von zwei populären Waffenmagazinen in Deutschland. Weil man die legalen Halter sehe, die illegalen aber nicht: "Aber legale Waffen sind nicht das Problem!"

Was weiß man vom illegalen Waffenmarkt in Deutschland?

Neben Anfragen bei Behörden und Waffengegnern sprach SPIEGEL ONLINE im Rahmen dieser Recherche auch rund 30 Lobbygruppen und Verbände, Fachverlage, Betreiber von Waffenforen, legale Waffenhändler und Fachjournalisten an, die sich mit dem Thema Waffen in Deutschland befassen. Wir wollten wissen: Was weiß man in den verschiedenen Kreisen und Szenen vom illegalen Markt? Wir erhielten wenige Antworten: Meist wiesen uns die Befragten darauf hin, dass sie mit dem illegalen Markt ja nichts zu tun hätten und darum auch nichts wüssten - und verwiesen uns ans BKA. Einige wagten Einschätzungen.

Die Waffenlobby ist nervös. Denn unter den Sammlern gibt es schwarze Schafe. Vor allem aber kann man auch in Deutschland ganz legal Waffen erwerben, die schon wegen ihres Aussehens Angst machen. "Doch Waffe", erklärt Schönfeld, "ist nicht gleich Waffe." Die offen verkauften Gewehre seien quasi kastriert: technisch und baulich so verändert, dass sie als Sportwaffen taugten, nicht jedoch als militärische Angriffswaffen.

"Die auf dem deutschen Markt erhältlichen halbautomatischen Langwaffen haben mit dem Original bis auf ihr Aussehen nichts gemeinsam", beteuert auch Manfred Breidbach, Chef des Fördervereins legaler Waffenbesitz e.V., der unter anderem das Forum Waffen-Online betreibt. "Ein Umbau ist mit allgemein gebräuchlichen Werkzeugen und ohne das Fachwissen eines Büchsenmachers nicht möglich." Der Rückbau, bestätigen mehrere Experten, sei teurer als der Kauf einer intakten Kalaschnikow.

Illegaler Umbau

Doch seit vergangenem Jahr, erklärt das BKA, habe man festgestellt, "dass sowohl in Europa als auch in Deutschland der illegale Umbau von im Ausland hergestellten Dekorations- und Salutwaffen zunimmt".

Die Vorschriften, wann eine solche Waffe verkäuflich ist, gingen in Europa "zum Teil erheblich" auseinander, heißt es beim BKA: "Gemäß niedrigeren als den deutschen Standards umgebaute Waffen können mit vergleichsweise geringem Aufwand schussfähig gemacht werden. Ein Erwerb wird auch durch die Möglichkeiten des Onlinehandels begünstigt. Die reaktivierten Schusswaffen gelangen später in den illegalen Kreislauf und haben im Ausland nachweislich bei zum Teil schwersten Straftaten und terroristischen Anschlägen Verwendung gefunden."

So wie die vier Kalaschnikows, vier Pistolen, zehn Rauchgranaten, Sprengstoff und eine Panzerabwehrwaffe, die die französische Polizei im Januar nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" sicherstellte.

Die Waffen stammten teils vom Balkan, doch die Kalaschnikows waren wahrscheinlich zurückgebaute Sportwaffen vom legalen Markt. Gesamtkosten der Terror-Ausrüstung: geschätzt 5000 Euro. Gekauft mitten in Europa.

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