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Illegaler Waffenmarkt: Das versteckte Arsenal

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Kalaschnikows, Revolver, Handgranaten - Terroristen können sich offenbar beliebig viele Waffen beschaffen. Woher kommt die Ausrüstung? Die beunruhigende Antwort: Die Lager liegen mitten in Europa.

Polizeikontrollen nach den Anschlägen von Paris
AFP

Polizeikontrollen nach den Anschlägen von Paris

Acht Kalaschnikow-Gewehre mit Munition, zwei Pistolen, ein Revolver, zwei Handgranaten und 200 Gramm TNT - und das alles in einem VW Golf. Am 5. November hielten Fahnder den unauffälligen Wagen auf der A8 nahe Rosenheim an - offenbar war der Fahrer auf dem Weg nach Paris.

Bis zu den Anschlägen in Frankreichs Hauptstadt interessierte diese Nachricht kaum jemanden. Der Waffenschmuggel aus Südost- und Osteuropa gehört seit zweieinhalb Jahrzehnten zur europäischen Realität: Erst sorgte der Kollaps des Ostblocks, dann die Balkankriege für reichlich Ware auf dem Schwarzmarkt.

Wie viel davon heute noch über die Grenze geht, weiß niemand genau. Die Zahl der Waffenfunde brach mit dem Schengen-Abkommen ein - wegen der nun lückenhafteren Kontrollen, sagen Kritiker.

Auch in Kroatien, Bosnien, Montenegro oder Serbien liegt mittlerweile nicht mehr so viel in den Lagern. Die EU erwirkte, dass mehrere Fabriken geschlossen wurden, die Waffen für den illegalen Markt produziert hatten. Und irgendwann gehen auch Altbestände zur Neige.

Im Bericht der von der Uno bestellten Dokumentationsstelle für die Kontrolle von leichten Waffen SEESAC aus dem Jahr 2003 heißt es: Während das exakte Volumen des Waffenschmuggels in der Region nicht bekannt sei, "deuten die erhobenen Daten darauf hin, dass sich eine große Zahl von Waffen nicht mehr in der Region befindet".

Konfiszierte Kalaschnikows: Die Waffen gehörten zwei Brüdern, die 2011 im Raum Augsburg im Rahmen einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschossen. Einer der Täter war ein wegen Polizistenmordes vorbestrafter "Waffennarr" mit einer illegalen Sammlung.

AK-47: Die Kalaschnikow gilt - in ihren diversen Baureihen - mit bis 100 Millionen Stück als meistgebaute und -verbreitete Militärwaffe der Welt. Die äußerst robuste Waffe wird seit 1947 gebaut, die aktuell modernste Version fußt auf einer Weiterentwicklung aus dem Jahr 1974. Die Einführung einer neuen Baureihe in den nächsten Monaten in der Armee Russlands könnte den Schwarzmarkt mit neuem Nachschub an älteren Kalaschnikows versorgen.

Ganz normales Equipment: Dieses M4-Sturmgewehr konfiszierten spanische Fahnder bei der Verhaftung von Drogenschmugglern.

Doch nicht nur Drogenschmuggler sind mit Kriegsgerät bewaffnet. Im Bild: Das konfiszierte Waffenarsenal einer Rockergang - Fundstücke von vier Hausdurchsuchungen im November 2015 im Raum Stuttgart.

"Ich will doch nur sammeln": Auch unter Sportschützen und Waffensammlern gibt es viele, für die illegale Waffen einen großen Reiz besitzen. Die hier fand die Polizei in einem Keller in Burbach, Siegerland.

Weltkriegsware: Ein großer Teil der in Deutschland illegal gehorteten Waffen ist historisch - aber immer noch brauchbar. Im Juli 2015 hoben Fahnder im nordfriesischen Winnert einen Waffensammler aus, der ein Arsenal angesammelt hatte, mit dem man einen Kleinkrieg hätte führen können.

Neben Maschinen- und Sturmgewehren verfügte der Mann auch über Handfeuerwaffen, 90 Kilogramm TNT, eine Landmine und Panzerfäuste.

Bellheim in Rheinland-Pfalz: Hier stießen Fahnder unter einer Garage auf 200 Kilogramm Flak- und Artilleriegranaten sowie diverse Schusswaffen. Der Besitzer wurde wegen Verstoßes gegen das Krigeswaffenkontrollgesetz angeklagt.

In Heikendorf (Schleswig-Holstein) leistete sich ein reicher Sammler eine Weltkriegs-"Ruhmeshalle". Die Fahnder fanden dort unter anderem einen funktionstüchtigen Torpedo sowie ein Flakgeschütz.

Auch einen ebenfalls noch schussfähigen Kampfpanzer vom Typ "Panther" transportierten Polizei und Bundeswehr ab - die Kriegeswaffen blieben konfisziert. Nur eines seiner Schmuckstücke bekam der Sammler zurück: Seine V1-Rakete war wegen fehlenden Leitwerks nicht mehr einsatzfähig.

Der Hauptmarkt für illegales militärisches Equipment ist nicht der Terrorismus: Auch kriminelle Organisationen sind an Transport und Handel beteiligt, darunter "gesetzlose Motorrad-Gangs", wie Europol im SOCTA-Bericht 2013 konstatiert, dem Lagebericht zur Schwerkriminalität in Europa. Dort heißt es aber auch: "Der Markt für Feuerwaffen in der EU bleibt von bescheidener Größe. Schmuggel geschieht auf niedrigem Niveau."

Das deckt sich mit den Erfahrungen des Bundeskriminalamts (BKA). Die Statistik widerspricht der Angst vor der Generalmobilmachung von Terroristen und Kriminellen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es: "Die Anzahl der in Deutschland in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfassten Straftaten gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz und der Straftaten unter Verwendung von Schusswaffen sind sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch in der Langzeitbetrachtung rückläufig."

Straftaten, bei denen Schusswaffen verwendet wurden, machten dabei "lediglich rund 0,2 Prozent aller in der PKS erfassten Fälle aus". Im Jahr 2014 zählte das BKA 443 Waffen, die "an Tatorten im Zusammenhang mit Straftaten (...) sichergestellt wurden". 108 davon waren Kaliber, für die man einen Waffenschein brauchte. Aber: Nur 4,9 Prozent davon "befanden sich im legalen Besitz".

Was versteht man unter illegalen Waffen?
Aus legal wird illegal
Zahlreiche Waffen, die man heute in Deutschland oder der EU als illegal ansieht, waren einmal legal: Änderungen im Waffenrecht können dazu führen, dass die Lizenz zum Halten bestimmter Waffen erlischt. Man geht davon aus, dass ein Großteil der in Deutschland verbreiteten illegalen Waffen bis 1972 als legal galten - und nach einer Änderung des Waffenrechts nicht an die Behörden abgegeben wurden. Dazu zählen zahlreiche Weltkriegswaffen.
Militärische Waffen
Maschinenpistolen, Panzerfäuste, Sprengstoff und Raketen: Es ist unfassbar, für was für Dinge sich so mancher Sammler begeistern kann. Dafür kann man allerdings nicht nur in Deutschland hinter Gittern landen: Das Kriegswaffenkontrollgesetz zieht klare Grenzen, was man privat erwerben, nutzen oder lagern darf und was nicht. Verboten sind unter anderem alle vollautomatischen Waffen und Schnellfeuergewehre.
Legale Waffen, illegale Halter
Zahlreiche Waffen kommen abhanden, werden gestohlen oder illegal verkauft: Die Legalität einer Waffe hängt aber auch vom Halter ab. Der Besitz von Waffen ist in Deutschland nur erlaubt, wenn man die entsprechende Waffenbesitzkarte verfügt, welche die Waffe dem spezifischen Halter zuordnet und rückverfolgbar macht. Wer eine Waffe in der Öffentlichkeit führen will, braucht dafür zusätzlich einen Waffenschein, was in Deutschland aber an strenge Auflagen gebunden ist. Auch eine legal käufliche Waffe ist illegal, wenn sie ohne die entsprechenden Erlaubnisse und Registrierungen gehalten wird.
Veränderte Waffen
Gas- und Signalwaffen lassen sich zu schussfähigen Waffen umbauen, historische Waffen schussfähig restaurieren, technisch limitierte Waffen zu halb- oder vollautomatischen Waffen umarbeiten: Jede bauliche oder technische Veränderung an einer legalen Waffe macht diese jedoch illegal. "Umbauwaffen" stellen tatsächlich einen erheblichen Teil der im Umlauf befindlichen illegalen Feuerwaffen - und sind ein wachsendes Problem.
Anders gesagt: Rund 95 Prozent der 2014 konfiszierten Tatwaffen wurden nicht legal erworben oder gehalten. Sie stammten aus einem versteckten Arsenal: Schätzungen zufolge stehen hierzulande rund 5,6 Millionen legal gehaltenen Waffen 15 bis 20 Millionen illegale gegenüber.

Viele dieser Schätzungen sind wohl überhöht. Trotzdem geht auch die EU-Kommission davon aus, dass rund 79 Prozent der Feuerwaffen nicht legal sind - 67 Millionen Stück. Die Zahl stammt aus einer Studie zur Eindämmung des Waffenschmuggels in Europa.

Aus diesem illegalen Bestand kommt in erheblichem Maße der Nachschub für den Waffenmissbrauch. Das ist auch für die Halter legaler Waffen ein Problem. Sie fürchten wieder Verschärfungen des Waffenrechts. "Reflexhaft", sagt Dirk Schönfeld, Geschäftsführer von VS Medien, dem Herausgeber von zwei populären Waffenmagazinen in Deutschland. Weil man die legalen Halter sehe, die illegalen aber nicht: "Aber legale Waffen sind nicht das Problem!"

Was weiß man vom illegalen Waffenmarkt in Deutschland?

Neben Anfragen bei Behörden und Waffengegnern sprach SPIEGEL ONLINE im Rahmen dieser Recherche auch rund 30 Lobbygruppen und Verbände, Fachverlage, Betreiber von Waffenforen, legale Waffenhändler und Fachjournalisten an, die sich mit dem Thema Waffen in Deutschland befassen. Wir wollten wissen: Was weiß man in den verschiedenen Kreisen und Szenen vom illegalen Markt? Wir erhielten wenige Antworten: Meist wiesen uns die Befragten darauf hin, dass sie mit dem illegalen Markt ja nichts zu tun hätten und darum auch nichts wüssten - und verwiesen uns ans BKA. Einige wagten Einschätzungen.

Wie aufwändig ist es, in Mitteleuropa illegal schnellfeuernde Waffen zu besorgen?

"Für entsprechend vernetzte Tätergruppen aus den Bereichen organisierte Kriminalität oder Terrorismus scheint es ein leichtes, Kriegswaffen inklusive Handgranaten und Maschinengewehre zu beschaffen."

Ein Waffenhändler

Woher kommen solche Waffen?

"Vermutlich aus verschiedenen Quellen innerhalb des ehemaligen Ostblocks oder des Nahen Ostens. Da der Kaufpreis für eine solche Waffe oft ein Mehrfaches des Monatslohns eines Angestellten in einer Waffenfabrik in einem der oben genannten Länder beträgt, finden hier Angebot und Nachfrage leicht und schnell zusammen."

Ein Waffenhändler



"Eine erhebliche Anzahl solcher Waffen soll auch noch aus den Hinterlassenschaften der Armeen des Warschauer Paktes stammen."

Frank Göpper, Geschäftsführer Forum Waffenrecht

Was kosten solche Waffen?

"Je nach Zustand, Zugang und Quelle sind solche Waffen oft schon für wenige hundert Euro erhältlich."

Ein Waffenhändler



"Nach Informationen von Behördenvertretern und auch der einschlägigen Fachliteratur sollen sich die Kosten je nach Zustand auf einige hundert bis ca. 1000 Euro belaufen."

Frank Göpper, Geschäftsführer Forum Waffenrecht

Auf dem Markt gibt es zum "sportlichen Schießen" zugelassene Kalaschnikows. Kann man diese zurückbauen?

"Das sind nur 'look alikes', also Waffen, die so konstruiert wurden, um die gleichen Merkmale zu haben, ohne die Funktion zu bieten. Ein 'Rückbau' wäre im Prinzip also eine Neukonstruktion, die um ein vielfaches teurer wäre als der Kauf auf dem Schwarzmarkt."

Lars Winkelsdorf, Fachjournalist und Waffengutachter



"Zum sportlichen Schießen zugelassene, Kriegsschusswaffen-ähnlich aussehende Langwaffen sind eigens gefertigte (...) Langwaffen, die ein Zulassungszeichen des BKA tragen. Es ist sichergestellt, dass ein Rückbau zu einem Vollautomaten nicht erfolgen kann, ohne dass die Waffe zerstört würde."

Hans Scholzen, Verband für Waffentechnik- und geschichte e.V.

Welche Schlüsse sollte man aus den jüngsten Terrorattacken für den heimischen Waffenmarkt ziehen?

"Selbst bei einem totalen Waffenverbot für Privatpersonen wären die Anschläge nicht zu verhindern gewesen, da keine der verwendeten Waffen überhaupt (...legal...) erwerbbar gewesen wäre. Es wäre vielmehr zu überlegen, ob die Waffengesetze nicht hinsichtlich des Führens von Waffen für entsprechend überprüfte Personen gelockert werden sollten, da diese im Falle eines Terroranschlages sich selbst und andere Unschuldige gegen die Terroristen verteidigen können."

Ein Waffenhändler



"Nach allen uns bisher zugänglichen Informationen wurde das fürchterliche Tatgeschehen in Paris ausschließlich mit illegalen Waffen verübt, die auf dem Schwarzmarkt beschafft wurden. Die im Forum Waffenrecht zusammengeschlossenen Verbände und deren Mitglieder trauern mit den Opfern und deren Angehörigen. Gleichzeitig wehren wir uns aber als rechtstreue Bürger, Jäger, Sportschützen und Sammler sowie Händler und Hersteller legaler Schusswaffen, für derartige kriminelle Handlungen in Mithaftung genommen zu werden."

Frank Göpper, Forum Waffenrecht

"Es bedarf dringend einer Strategie und auch Finanzmittel für Behörden, die illegalen Waffen effektiv bekämpfen zu können. Angesichts von 30 Millionen illegalen Waffen sind 1500 Sicherstellungen im Jahr lediglich ein schlechter Witz."

Lars Winkelsdorf, Fachjournalist und Waffengutachter

Die Waffenlobby ist nervös. Denn unter den Sammlern gibt es schwarze Schafe. Vor allem aber kann man auch in Deutschland ganz legal Waffen erwerben, die schon wegen ihres Aussehens Angst machen. "Doch Waffe", erklärt Schönfeld, "ist nicht gleich Waffe." Die offen verkauften Gewehre seien quasi kastriert: technisch und baulich so verändert, dass sie als Sportwaffen taugten, nicht jedoch als militärische Angriffswaffen.

"Die auf dem deutschen Markt erhältlichen halbautomatischen Langwaffen haben mit dem Original bis auf ihr Aussehen nichts gemeinsam", beteuert auch Manfred Breidbach, Chef des Fördervereins legaler Waffenbesitz e.V., der unter anderem das Forum Waffen-Online betreibt. "Ein Umbau ist mit allgemein gebräuchlichen Werkzeugen und ohne das Fachwissen eines Büchsenmachers nicht möglich." Der Rückbau, bestätigen mehrere Experten, sei teurer als der Kauf einer intakten Kalaschnikow.

Illegaler Umbau

Doch seit vergangenem Jahr, erklärt das BKA, habe man festgestellt, "dass sowohl in Europa als auch in Deutschland der illegale Umbau von im Ausland hergestellten Dekorations- und Salutwaffen zunimmt".

Die Vorschriften, wann eine solche Waffe verkäuflich ist, gingen in Europa "zum Teil erheblich" auseinander, heißt es beim BKA: "Gemäß niedrigeren als den deutschen Standards umgebaute Waffen können mit vergleichsweise geringem Aufwand schussfähig gemacht werden. Ein Erwerb wird auch durch die Möglichkeiten des Onlinehandels begünstigt. Die reaktivierten Schusswaffen gelangen später in den illegalen Kreislauf und haben im Ausland nachweislich bei zum Teil schwersten Straftaten und terroristischen Anschlägen Verwendung gefunden."

So wie die vier Kalaschnikows, vier Pistolen, zehn Rauchgranaten, Sprengstoff und eine Panzerabwehrwaffe, die die französische Polizei im Januar nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" sicherstellte.

Die Waffen stammten teils vom Balkan, doch die Kalaschnikows waren wahrscheinlich zurückgebaute Sportwaffen vom legalen Markt. Gesamtkosten der Terror-Ausrüstung: geschätzt 5000 Euro. Gekauft mitten in Europa.

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

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