Terrorprozess: Der Opec-Anschlag in Wien

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Der Überfall auf die Opec-Konferenz gilt als einer der spektakulärsten Terror-Anschläge der Geschichte. Jetzt wird der Fall vor dem Frankfurter Landgericht neu aufgerollt. Doch was genau an diesem 21. Dezember 1975 geschah, wird auch nach 25 Jahren vermutlich nicht geklärt.

Verletzt wird der Terrorist Hans-Joachim Klein aus der Opec-Zentrale geführt
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Verletzt wird der Terrorist Hans-Joachim Klein aus der Opec-Zentrale geführt

Frankfurt - Die Geburtstagsparty um Mitternacht fiel an diesem vierten Advent 1975 eher bescheiden aus. Um Punkt zwölf wurde in einer kleinen Wiener Wohnung eine Flasche Whisky "geknackt", erinnert sich Hans-Joachim Klein in seinen selbst verfassten Memoiren. Es war der 28. Geburtstag von "Klein-Klein", wie ihn seine Freunde in Frankfurt nannten. Schon nach zwei schnellen Gläsern legte sich der Revoluzzer ins Bett.

Gegessen hatte er seit einem Tag nicht mehr, denn wenige Stunden später stand ein wichtiger Kampfeinsatz auf dem Programm. Kleins erster überhaupt: Der Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien. Als "Arm der arabischen Revolution" wollten Klein und seine Komplizen für die unterdrückten Palästinenser Stärke zeigen und die 13 Vertreter der Ölnationen kidnappen.

Der Überfall gilt auch 25 Jahre später als einer der spektakulärsten Terror-Aktionen überhaupt. Drei Menschen kamen bei der Entführung der Ölminister ums Leben. Jahrelang waren die Hintermänner des Anschlags untergetaucht. Jetzt, ein viertel Jahrhundert nach der Tat, steht Hans-Joachim Klein vor Gericht. Doch ob man ihm den Mord an einem irakischen Leibwächter beweisen kann, ist ungewiss. Keine Zeugen, wenig Spuren - die Staatsanwaltschaft steckt in der Klemme. Trotzdem wurde die Verhandlung am 17. Oktober eröffnet.

Geburtstagstoast unter Terroristen

Deckname: Carlos. Der Berufsterrorist sitzt mitterlweile auch hinter Gittern
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Deckname: Carlos. Der Berufsterrorist sitzt mitterlweile auch hinter Gittern

Alle Beteiligten der Opec-Aktion waren beim Geburtstagstoast für Klein mit von der Partie. Der venezolanische Top-Terrorist Ilich Ramirez Sanchez, genannt "Carlos", führte das Team an. Seine Gehilfen: Hans-Joachim Klein alias "Angie", der von den Revolutionären Zellen (RZ) in Frankfurt angeworben wurde, Gabriele Tiedemann-Kröcher alias "Nada" und drei arabische Terroristen. Alle handelten im Auftrag von Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi, wie sich später herausstellen sollte.

Das Ziel der Gewalt-Aktion zeugte vom Größenwahn der Akteure: Die Minister der Erdöl-Konferenz sollten als Geiseln genommen werden, um mit ihnen auf eine Propaganda-Weltreise zu gehen. Jeden Einzelnen wollten sie in seinem Heimatland abliefern und dort zum Verlesen einer pro-palästinensischen Erklärung zwingen. Die beiden ärgsten "Feinde", den saudi-arabischen Ölminister Ahmed Saki al-Jamani und den Innenminister Irans, Dschamschid Amusegar, wollte "Carlos" am liebsten gleich erschießen. Die Terror-Truppe war gut bewaffnet für den Coup: Zwei Maschinenpistolen, acht Pistolen, einen Revolver, acht Handgranaten und fast 20 Kilo Sprengstoff hatten Verbindungsleute, nach Kleins Meinung ebenfalls aus Libyen, bereits zuvor nach Wien gebracht.

Schon seit Wochen liefen in Wien die Vorbereitungen. Hans-Joachim Klein spionierte mehrmals den Tagungsort, das Texaco-Hauptquartier im Dr.-Karl-Lueger-Ring 10, aus. Mit Fotos hatte man einen Schlachtplan erstellt. Am Morgen des 21. Dezember sollte die Aktion losgehen.

Sprengstoff in "Adidas"-Taschen

In der Hauptstadt Österreichs schneite es an diesem Tag. Gegen 11 Uhr kamen die Terroristen mit der Straßenbahn an der Haltestelle Schottentor an, nur wenige Schritte vom Tatort entfernt. Jeder war schwer bepackt mit Waffen und Sprengstoff in "Adidas"-Taschen. Am Eingang grüßte Klein einen Polizisten noch mit höflichem "Grüß Gott!". Freundlich nickend ließ dieser die Terroristen hinein.

Nach der wilden Schießerei bietet die Opec-Zentrale ein Bild der Verwüstung
DPA

Nach der wilden Schießerei bietet die Opec-Zentrale ein Bild der Verwüstung

Doch schon in der Halle der Opec-Zentrale machten sie aus ihren Zielen keinen Hehl. Als Erster zog "Carlos" sein Maschinengewehr. Am Lift zum ersten Stock, wo die Ölminister tagten, wollte ihn der Polizist Anton Tichler aufhalten und entriss ihm die MP. Die Gruppe drängte ihn in den Lift, "Nada" schoss dem Mann ins Genick. Die Gruppe stieg zu der Leiche in den Lift.

Mit dem Aufzug im ersten Stock angekommen, stürmte "Carlos" in den Konferenzraum und schoss mit der MP wild um sich. Die arabischen Männer befestigten den Sprengstoff an den Türen. Ein unbewaffnetes libysches Delegationsmitglied starb durch Kugeln von "Carlos". Ein weiterer Mann, der irakische Leibwächter Ala Saced Al-Khafazi, wird ebenfalls getroffen. Wer ihn erschossen hat, weiß man bis heute nicht. Um den Tod des Mannes dreht sich der Prozess in Frankfurt. "Carlos" beschuldigt Klein. Der glaubt zu wissen, dass "Nada" den Mann erschossen habe.

Schussgefecht im Vorzimmer

Klein selbst war laut Plan für die Sicherung des Vorzimmers abgestellt. Panisch habe er auf die Telefonanlage vor einer Sekretärin geschossen, weil diese offenbar mit der Polizei sprach. Plötzlich kam es zu weiteren Schüssen. Mehrere Polizisten feuerten. Ein Querschläger traf Klein. Die Kugel blieb im Bauch stecken, Klein alias "Angie" sackte benommen zusammen. Doch "Carlos" und seine Gehilfen hatten die Situation unter Kontrolle und drohten mit der Sprengung des Gebäudes.

Ein angeschossener Polizist wird aus dem Gebäude getragen
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Ein angeschossener Polizist wird aus dem Gebäude getragen

"Angie" wurde schwer verletzt in ein Wiener Krankenhaus gebracht. Dort behandelten ihn die Ärzte, gaben ihm aber wenig Überlebenschancen. Ein Fotograf hielt fest, wie Klein aus dem Gebäude gebracht wurde. Anhand dieser Fotos wurde der Frankfurter Sponti zwar wenig später identifiziert, Klein wurde aber wegen der Geiseln in der Opec-Zentrale nicht festgenommen.

Seine Komplizen hatten sich bereits im Konferenzraum mit ihren Geiseln verschanzt und verhandelten mit der Polizei. Kurz darauf übergab eine Geisel die Forderungen der Terroristen: Alle zwei Stunden eine Erklärung im Radio und ein vollgetanktes Flugzeug für die Flucht. Außerdem sollte der "Kämpfer Angie" in einer Klinik versorgt und dann zum Flugzeug gebracht werden. Die Wiener Behörden waren hilflos und willigten nach wenigen Stunden ein.

Klein flog schwer verletzt mit

Am kommenden Morgen fuhr die Polizei Entführer und 33 Geiseln, darunter elf Ölminister, wie gefordert in einem mit Gardinen verhängten Bus zum Flughafen in Wien. Dort wartete startbereit ein DC-9-Jet der Austrian Airlines. Wie vorher besprochen, wurde Klein aus der Klinik ans Rollfeld gefahren und flog schwer verletzt mit.

Schwer verletzt nehmen Kleins Komplizen ihn mit nach Algier
AFP

Schwer verletzt nehmen Kleins Komplizen ihn mit nach Algier

Das erste Ziel war Algier. Hier ließen die Kidnapper Klein in einer Klinik behandeln und alle nichtarabischen Geiseln frei. "Carlos" jettete zuerst weiter nach Libyen, kehrte dann aber mit allen Geiseln nach Algier zurück, wo sie freigelassen wurden. Die Aktion galt in seinen Augen als gescheitert, trotzdem erhielten die Kidnapper ein horrendes Lösegeld, mit dem sie ihre Flucht durch den Nahen Osten organisieren konnten.

Mit Hilfe der Libyer konnten "Carlos" und seine Komplizen untertauchen. Zuerst versteckten sie sich in diversen Camps von Terroristen und planten auch noch weitere Anschläge. Klein stieg schon wenig später aus dem Terrorismus aus, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen aus Wien. Über den SPIEGEL kündigte er Ende der siebziger Jahre sogar noch zwei geplante Aktionen an, um weitere Tote zu vermeiden. Seiner Meinung nach war das Töten von Menschen "unnötig", so schreibt er in seinem 1979 erschienenen Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" aus dem Exil.

Die Terroristen tauchten unter

Jahrelang galten Klein und "Carlos" als verschwunden. Klein setzte sich nach mehreren Verstecken endgültig in die Normandie ab und lebte dort mit dem Decknamen "Dirk Clausen" unter der Tarnung, er sei deutscher Journalist. Über mehrere alte Freunde, darunter auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, pflegte er Kontakt zu Deutschland. In Frankreich lernte er eine Frau kennen, mit der er zwei Kinder bekam.

Ende einer fast lebenslangen Flucht: Klein nach der Verhaftung auf dem Frankfurter Flughafen
DPA

Ende einer fast lebenslangen Flucht: Klein nach der Verhaftung auf dem Frankfurter Flughafen

Als er jedoch 1998 den Entschluss fasste, sich zu stellen, und dies über eine ebenfalls befreundete Redakteurin im Hamburger Magazin "Stern" ankündigen wollte, hörte das BKA am privaten Telefonanschluss der Redakteurin Edith Kohn mit. Am 8. September 1998 schließlich sprachen ihn die Zielfahnder in seiner Stammkneipe in Sainte-Honorine-la-Guillaume an. "Sind Sie Hans Joachim Klein?" Klein nickte. Es war das Ende einer fast 23-jährigen Flucht. Auch "Carlos" wurde nach jahrelangen Ermittlungen bereits am 15. August 1994 in der sudanesischen Hauptstadt Khartum von französischen Geheimdienstlern festgenommen. Er ist mittlerweile in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Seit dem 17. Oktober 2000 steht Klein jetzt vor Gericht wegen des Anschlags auf die Opec-Konferenz. Die Anklage lautet auf dreifachen gemeinschaftlichen Mord. Nur so konnte die Staatsanwaltschaft den mittlerweile 53-jährigen Klein anklagen, die bloße Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ist längst verjährt. Der Mord an drei Menschen nicht, doch die Beweislage ist dünn. Klein hat zugegeben, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein. Jedoch streitet er ab, jemanden getötet zu haben.

Carlos belastet Klein, Klein belastet "Nada"

"Carlos" hingegen hat ihn belastet. In seiner showreifen Vernehmung vor wenigen Wochen in Paris sagte er aus, Klein habe den irakischen Leibwächter Ala Saced Al-Khafazi erschossen. Sehr glaubwürdig ist diese Aussage jedoch nicht, da Klein nach seinem Ausstieg aus der Terrorszene bei "Carlos" als Verbrecher und damit als Feind gilt.

"Nada", alias Gabriele Kröcher-Tiedemann, ist 1995 an Krebs gestorben. Von einem Gericht in Köln war sie bereits einmal im Opec-Fall freigesprochen worden, da sich die Beteiligung an dem Opec-Überfall nicht beweisen ließ. Andere Zeugen gibt es nicht mehr, die Spurenlage ist ebenfalls sehr mager. Noch nicht mal das Projektil, mit dem der Polizist im Lift erschossen wurde, findet sich in der Beweissammlung.

So symbolisch der Prozess gegen Hans-Joachim Klein mit seinem Zeugen aus Geheimdienst-, Polit- und Terrorkreisen auch sein mag, mit der jetzigen Beweislage wird ein Mord schwer zu beweisen sein.

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