Terrorprozess Sauerland-Anführer verspottet Verfassungsschützer

Der Hauptangeklagte der Sauerland-Gruppe hat ein detailliertes Geständnis abgelegt. Hauptziel der Terrorgruppe waren laut Fritz Gelowicz in Deutschland stationierte US-Soldaten. Im Gerichtssaal verspottete der Rädelsführer die Fahnder - die Observation sei "viel zu auffällig" gewesen.


Düsseldorf - Bei der Schilderung der Anschlagsvorbereitungen in Deutschland hat sich der Rädelsführer der Sauerland-Gruppe, Fritz Gelowicz, über den Verfassungschutz in Deutschland lustig gemacht. Sein Komplize Atilla Selek habe "schnell" bemerkt, dass er observiert werde: "Die Observation war so auffällig, dass man das nicht übersehen konnte", sagte Gelowicz im Saal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts.

Auch er selbst habe entdeckt, dass er beobachtet wurde. Er habe daher Selek beauftragt, einem der betreffenden Autos den Reifen zu zerstechen - die Ermittler seien darauf mit ihren rund zehn Fahrzeugen abgezogen: "Die Straße war menschenleer danach", berichtete Gelowicz unter dem Gelächter der Zuschauer im gutgefüllten Gerichtssaal. "Ich habe da keine logische Herangehensweise gesehen", legte Gelowicz nach.

Er habe sogar zeitweise den Verdacht gehabt, die Beobachter wollten gesehen werden und ihn und die anderen so einschüchtern: "Aber der Verfassungsschutz war nicht einschüchternd."

Gelowicz und seine Komplizen Atilla Selek und Adem Yilmaz sollen eine deutsche Zelle der Islamischen Dschihad-Union (IJU) gegründet und Anschläge mit Autobomben in Deutschland geplant haben. Die Anklage gegen sie lautet unter anderem auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags.

Die Terrorverdächtigen wollten nach Angaben ihres Anführers in Deutschland möglichst viele US-Soldaten töten. "Wir wollten Ziele auswählen, wo hauptsächlich US-Soldaten sind", sagte Gelowicz weiter. Der amerikanische Fliegerhorst Ramstein in der Pfalz und US-Konsulate seien als Ziele im Gespräch gewesen.

Schließlich habe man sich aber auf Discotheken und Pubs verständigt, in denen zahlreiche US-Soldaten verkehrten. Zudem hätten sie ein Zeichen für die deutsche Bevölkerung setzen wollen, "als allerletzte Warnung, ihre Truppen aus Afghanistan und Usbekistan abzuziehen".

Laut Anklage hatten die Männer genug Chemikalien gehortet, um 550 Kilogramm Sprengstoff herzustellen. Sie waren nach monatelanger Überwachung im Herbst 2007 in einem Ferienhaus im Sauerland festgenommen worden.

Gelowicz begann seine Aussage in dem Mammutprozess wegen des großen Besucherandrangs bei scharfen Sicherheitsvorkehrungen mit einstündiger Verspätung. In verwaschenen Jeans, schwarzem Sommerhemd, Turnschuhen und mit Vollbart schilderte der zum Islam konvertierte Ex-Student flüssig, wie er nach einer Pilgerreise nach Mekka versuchte, als Kämpfer in den "Dschihad" im Irak oder in Tschetschenien zu gelangen.

Nach einer Odyssee durch Syrien, die Türkei und Iran landete Gelowicz schließlich nach eigenen Worten mit dem ebenfalls angeklagten Adem Yilmaz zur dreimonatigen Ausbildung in einem Lager der usbekischen Extremistengruppe Islamische Dschihad-Union (IJU) im pakistanischen Grenzgebiet.

Die Hintermänner seien ihnen egal gewesen: "Die Leute wollen sich nicht einer Gruppe anschließen, die wollen Dschihad machen." Im Lager sei schnell klargeworden, dass die Organisation ihre Schüler für geeigneter hielt, in Europa Anschläge zu verüben als etwa in Afghanistan.

Die Dschihadisten könnten nur mit sehr großem Aufwand in Afghanistan US-Soldaten töten - "nur eine von zehn Operationen gelingt" - doch in Europa könne "mit geringem Aufwand größerer Schaden" verursacht werden. "Sie mussten mich nicht sehr überzeugen", sagte Gelowicz, "meine Bedenken waren wohl nur: Können wir das?" Yilmaz und er hätten ihre Zweifel aber überwunden: "Adem und ich erklärten uns bereit, es zu machen."

Er selbst sei zum Anführer bestimmt worden. In dem Lager seien Techniken der Geheimhaltung und der Umgang mit Waffen wie Kalaschnikows, Sprengstoff und Zündern gelehrt worden. Auch "kleinere Sprengübungen" habe es gegeben. Der Unterricht sei aber "nicht sehr professionell" gewesen.

Yilmaz und er hätten sich schnell für einen Sprengstoff auf Wasserstoffperoxidbasis entschieden - wegen der großen Sprengkraft, und weil die Chemikalie leicht zu bekommen sei. Die Beschaffung habe in Deutschland dann auch kein Problem dargestellt: "Das hat alles wunderbar geklappt".

Sauerland-Terrorprozess
Die Gruppe
Vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf mussten sich vier Mitglieder der terroristischen Sauerland-Gruppe verantworten. Es handelt sich um den zum Islam konvertierten Deutschen Fritz Gelowicz, den Neunkirchener Daniel Schneider, den Deutsch-Türken Attila Selek und den türkischen Staatsbürger Adem Yilmaz. Gelowicz und Schneider erhielten eine Haftstrafe von jeweils zwölf Jahren, der türkische Staatsbürger Yilmaz wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Als Helfer des Trios muss der Deutsch-Türke Selek fünf Jahre hinter Gitter.

Die Angeklagten hatten vor Gericht zugegeben, im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) in Deutschland Anschläge geplant zu haben. Die IJU unterhält auch Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida.

Der Plan
Von der Gruppe sei eine "ungeheure Bedrohung" ausgegangen, sagte der Richter in Düsseldorf. Gelowicz und Yilmaz wurden unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Verabredung zum Mord verurteilt, Schneider zusätzlich wegen versuchten Mordes. Bei Selek sah das Gericht den Vorwurf der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung als bewiesen an.

Nach Ansicht der Richter wollten die vier Islamisten aus religiöser Verblendung in der Bundesrepublik ein Blutbad anrichten. Ihnen wurde vorgeworfen, im Jahr 2007 Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren deutschen Großstädten geplant zu haben. Als mögliche Ziele galten Gaststätten, Pubs, Discotheken und Flughäfen. Ermittlern zufolge hätte es einer der blutigsten Anschläge der Nachkriegsgeschichte werden können, schlimmer als die Anschläge von London und Madrid.

Die Festnahme
Eine großangelegte Polizeiaktion führte am 4. September 2007 zur Verhaftung von Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz. Dutzende zivil gekleidete BKA-Beamte und Mitglieder der Eliteeinheit GSG 9 stürmten ein Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn. In der Wohnung fanden sie unter anderem militärische Sprengzünder aus Syrien und 60 Liter Wasserstoffperoxid. Die Bestandteile waren offenbar für drei Autobomben gedacht. Später wurde noch Attila Selek festgenommen - er soll die Zünder für die Bomben besorgt haben.

amz/dpa/AP/AFP

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mzwk 02.07.2009
1.
Gaebs keinen Terrorismus muesste man ihn erfinden. Jaja Schafe, ihr muesst halt taeglich daran erinnert werden dass an jeder Ecke Terroristen lauern und euch jederzeit in die Luft sprengen wollen - dafuer muesst ihr halt eure Freiheit aufgeben. Ich erinnere da an die Szene aus "V wie Vendetta", wo der Grosskanzler ausflippt und zu seinen Untergebenen meint: "Es wird Zeit dass die Leute wieder merken dass sie uns brauchen" - Schnitt - Und man sieht einige Ausschnitte aus Nachrichtensendungen ueber Katastrophen (Airbus abstuerze?), Pandemien (Schweinegrippe?), Terrorismus, Noete, etc. Es gibt aus dem Film sooo viele Parallelen zu heute, unbedingt mal ansehen wenn man ihn noch nicht kennt.
gutmensch666, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Erhöhte Terrorgefahr? Aaaaah, ach so - Wahlen stehen ja an, deswegen; der Michel muss wieder getrimmt werden. Nun - die Terrorgefahr wäre schwuppdiwups weg, wenn wir nicht in Afghanistan sinnlos herumrandalieren würden.
unuomo, 02.07.2009
3.
Woran das wohl liegen mag? Doch nicht etwa daran, das wir am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen? :-)))))
hook123 02.07.2009
4.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Klar warnen "Experten" vor Anschlägen, es geht ja schließlich auf die Bundestagswahlen zu und da kann es nicht schaden, wenn man den von wirtschaftlichen Abstieg und Arbeitslosigkeit, hohen Spritpreisen und Steuererhöhungen bedrohten Souverän mal wieder die schon fast verdrängte Terrorgefahr vor Augen führt und ordentlich Angst schürt, um vom grenzenlosen Versagen der Spaßkanzlerin und ihrer Dilletantenkoalition abzulenken. Dies Ablenkung tut auch not, zumal grade wieder wegen der Geschenke an die Banken, Opel und Quelle ein Nachtragshaushalt von 40 Milliarden (!) Euro fällig wird und bevor da jemand kritisch nachfragt beschäftigt man den Urnenpöbel lieber mit anderen Dingen. Als Sekundärnutzen fällt dann noch dabei ab, dass man sich als harter Antiterrorkämpfer mit immer haarsträubenderen Eingriffen in Bürgerrechte gerieren kann - zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Die Gefahr von Terroranschlägen besteht immer und soll auch nicht verharmlost werden, aber es besteht auch immer die Gefahr vom Laster am Zebrastreifen überfahren zu werden und die düfte in Deutschland größer sein, als die Terrorgefahr - zumindest im Moment. Wie der aktuelle Verfassungsschutzbericht (Stichwort: Wirtschaftsspionage) auch zeigt,haben dieses Land und wahrscheinlich auch die meisten Bürger - Bankvorstände von Landesbanken ausgenommen - derzeit ganz andere Probleme als morgens bei Brötchen holen von einem geistig verwirrten Radikalislamisten in die Luft gejagt zu werden. Ein Blick auf die sogenannten Experten zeigt jedenfalls, dass sie alle ein hohes Interesse an einem ordentlichen und gleichmäßig hohen Angstpegel in der Bevölkerung haben um so tolle Vorschläge wie die Vorratsdatenspeicherung, Einsatz der Bundeswehr im Innern, Luftsicherheitsgesetz, Kronzeugenregelung durch Parlament zu bekommen, frei nach dem Motto, "...wollen Sie etwa, dass sich die Anschläge von 11. September bei uns wiederholen?" Man kann sich jedenfalls schon lebhaft vorstellen, was beim Treffen der ganzen Freiheitsbegrenzer als Ergebnis rauskommen wird. Für den Bürger bleibt nur die Hoffnung, dass Karlsruhe einmal mehr rechtzeitig die Handbremse zieht, um uns vor wirklich schlimmen Dingen und unserem sauberen Bundesinnenminister zu bewahren.
Charles Atane, 02.07.2009
5. Der Trick hat 'nen Bart
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
*Gääähhhn* schon wieder - welches Gesetz oder welche Verfassungsänderung will Schäuble denn diesmal durchsetzen??
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