Anschlagspläne Bundesanwaltschaft klagt mutmaßliche Terrorzelle von Düsseldorf an

Sie reisten als Flüchtlinge nach Deutschland ein und sollen einen Anschlag in der Altstadt von Düsseldorf geplant haben. Der Generalbundesanwalt hat nach SPIEGEL-Informationen nun Anklage gegen eine mutmaßliche Schläferzelle des IS erhoben.

Düsseldorf Altstadt
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Irgendwann erzählte Saleh A. den Ermittlern, wie er die Ungläubigen in der Altstadt von Düsseldorf hätte ermorden wollen. Der Syrer machte sogar eine Skizze: Zwei Selbstmordattentäter hätten sich auf der Bolkerstraße in die Luft sprengen sollen, zwei auf der Andreasstraße. Drei weitere Zwei-Mann-Teams hätten sich gleichzeitig, bewaffnet mit Kalaschnikows, am Rande des Amüsierviertels postiert und auf Flüchtende gefeuert. Das Inferno wäre perfekt gewesen. Doch Saleh A. setzte seinen teuflischen Plan nicht um, sondern stellte sich stattdessen im Februar 2016 der Polizei.

Nach einem Jahr intensiver Ermittlungen hat die Bundesanwaltschaft nach SPIEGEL-Informationen nun Saleh A. und seine mutmaßlichen Komplizen Hamza C. sowie Mahood B. unter anderem angeklagt, einer terroristischen Organisation angehört und einen Anschlag in Deutschland geplant zu haben. Der Prozess gegen das Trio soll vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf geführt werden. Gegen den vierten mutmaßlichen Mitverschwörer Abd Arahman al-K. wird derzeit noch wegen seiner Führungsrolle in einer Kampfeinheit der Terrormiliz al-Nusra-Front ermittelt.

Die Ermittler des Generalbundesanwalts haben in ihrer 160 Seiten umfassenden Anklageschrift drei Vorwurfskomplexe herausgearbeitet: Erstens soll Saleh A. in Syrien Teil einer Kampfgruppe der Terrormiliz al-Nusra-Front und an Tötungen beteiligt gewesen zu sein. Zeugen sagten aus, er habe einen Soldaten des Assad-Regimes hingerichtet, der zuvor seinen Bruder erschossen habe. Später soll sich A. dem "Islamischen Staat" (IS) angeschlossen haben, für den er in der Türkei - zweitens - Schleusungsrouten auskundschaften sollte. Dabei half ihm laut Anklage Hamza C. Und drittens nahm A. im April 2014 im syrischen Rakka den Auftrag entgegen, einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt zu begehen.

Diesen Auftrag für den Anschlag in Deutschland will Saleh A. nach eigenen Angaben von seinem Schwager erhalten haben, angeblich ist er ein Würdenträger in der Abteilung "Externe Operationen" des IS. Die Düsseldorfer Altstadt und die dortige Heinrich-Heine-Allee als mögliche Ziele beschrieb ihm demnach ein Vertrauter des Schwagers: ein IS-Mann mit dem Kampfnamen "Abu Haret", ein Tunesier, der eine gewisse Zeit in Düsseldorf gelebt hatte. Die Ermittler konnten ihn jedoch nicht identifizieren.

Unterstützung für seine Attacke wollte A. nach eigener Aussage in den Niederlanden anwerben. In einem Chat rühmte er die Kampfkraft der dortigen Gesinnungsgenossen, die "Steine fressen" würden und "Herzen wie Löwen" hätten. Auch von "Kalaschnik" war die Rede, womit nach Auffassung der Ermittler russische Sturmgewehre gemeint sein könnten.

In einer Facebook-Unterhaltung mit Abd Arahman al-K. aus dem Januar 2016 fragte Saleh A: "Was ist los mit dir Bruder, immer nur Dschihad?" Und er fuhr fort: "Wir müssen uns das Spiel in Ruhe anschauen. Wir müssen nur Geduld haben." Dann müssten sie entscheiden, unter welcher Flagge sie antreten wollten. Abd Arahman al-K. erwiderte: "Wenn wir kämpfen, dann müssen wir wissen, ob wir als Märtyrer sterben oder nicht."

In dem Verfahren vor dem Oberlandesgericht wird es vor allem darum gehen, wie glaubhaft die Angaben des verhinderten Anführers eines IS-Terrorkommandos sind. Warum belastet sich Saleh A. in diesem Ausmaß selbst? Danach gefragt gab A. an, er wolle nicht, dass seine Kinder ihn als Verbrecher in Erinnerung behielten. Offensichtlich aber versucht Saleh A. mit seinen IS-Insiderinformationen auch Vergünstigungen für seine Familie zu erlangen. Es soll deshalb bereits Kontakte zu Nachrichtendiensten gegeben haben.

Die Bundesanwaltschaft hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sich gequält mit der Frage, wie valide die Angaben des Saleh A.s sind. Was die Ermittler in ihrer Bewertung jedoch sehr bestärkte, war das Verhalten des mutmaßlichen Mitverschwörers Hamza C. Nachdem sich A. der Polizei gestellt hatte, nahm C. Kontakt zu hochrangigen IS-Kadern in Syrien auf. Die Terroristen wiesen Hamza C. an, er möge sich um die Freiwilligen aus Holland kümmern. Außerdem solle er unbedingt in Erfahrung bringen, was Saleh A. den Ermittlern verraten habe.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

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