Terrorverdächtiger aus Schwerin Behördenversäumnis - Bundesamt hörte Yamen A. nicht an

Im Asylverfahren des Terrorverdächtigen Yamen A. ist es zu einer Unregelmäßigkeit gekommen. Nach SPIEGEL-Informationen verzichtete das zuständige Bundesamt auf eine Anhörung des Syrers.

Zugriff in Schwerin
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Im Fall des Terrorverdächtigen Yamen A. werden neue Details bekannt, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Bedrängnis bringen könnten.

Nach Informationen des SPIEGEL wurde der Syrer, der im Herbst 2015 wohl als Jugendlicher nach Deutschland kam, nie von der Behörde angehört. Er durchlief ein verkürztes Verfahren und musste lediglich einen Fragebogen ausfüllen. Im Frühjahr 2016 wurde er als Flüchtling anerkannt und erhielt eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst drei Jahre.

Dieses sogenannte Fragebogenverfahren wurde bei Zehntausenden Syrern, Irakern und Eritreern angewandt, geriet aber Ende 2015 zunehmend in die Kritik, weil dadurch Sicherheitslücken entstünden, wie es hieß. Die Große Koalition schaffte es deshalb wieder ab.

Yamen A.s Antrag wurde allerdings noch nach dem alten, verkürzten Verfahren entschieden, wie das Bamf auf Anfrage bestätigte. Im Frühjahr 2016 habe es eine Übergangsphase gegeben. Wer den Fragebogen bereits bekommen habe, sei nicht mehr zur Anhörung gebeten worden. Die Ausweispapiere des Syrers seien damals aber überprüft und für echt befunden worden, sagte eine Sprecherin.

GSG 9 nahm Verdächtigen fest

Yamen A. wird inzwischen verdächtigt, einen Terroranschlag mit hochexplosivem Sprengstoff geplant zu haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, seit Mittwoch sitzt der 19-Jährige in Untersuchungshaft. Die Spezialeinheit GSG 9 hatte den Asylbewerber aus Syrien am Dienstagmorgen in Schwerin festgenommen.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft chattete A. im Sommer mit einer Person, die sich selbst "Soldat des Kalifats" nannte. Bislang ist aber unklar, um wen es sich bei dem Gesprächspartner handelte und ob der wirklich - wie behauptet - der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angehörte.

In seinen virtuellen Unterhaltungen soll sich A. am Bau einer Bombe interessiert gezeigt haben. Offenbar fing ein ausländischer Geheimdienst diese heiklen Konversationen auf und informierte daraufhin das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Gemeinsam mit der US-amerikanischen Bundespolizei FBI gelang es dem Bundeskriminalamt schließlich, den verdächtigen User in Deutschland als Yamen A. zu identifizieren.

Kontakte zu Islamisten in Hamburg

A. hatte sich vermutlich erst in den vergangenen Monaten radikalisiert - ähnlich wie die Attentäter von Würzburg, Ansbach und Hamburg, die ebenfalls als Flüchtlinge eingereist waren. Yamen A. unterhielt nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden auch Kontakte zu Islamisten etwa in Hamburg - welchen Einfluss sie aber auf ihn hatten, ist noch unklar. Seine Bekannten werden derzeit als Zeugen geführt, nicht als Beschuldigte.

Laut Bundesanwaltschaft begann der Syrer spätestens im Juli mit der Beschaffung elektronischer Bauteile und Chemikalien - darunter Schwefelsäure und Wasserstoffperoxid enthaltende Oxidatorlösungen. Beide Chemikalien sind neben Aceton Bestandteile des hochexplosiven Sprengstoffs TATP. Dieser sollte vermutlich als Initialsprengstoff für eine größere Sprengladung dienen. Es seien auch Bauteile für eine Fernzündung gefunden worden, hieß es. Im September orderte der Terrorverdächtige noch einmal zehn Kilogramm Wasserstoffperoxid im Internet - kurz darauf stornierte er die Bestellung. Der Grund ist unklar.

Laut Bundesanwaltschaft waren seine Pläne aber schon weit fortgeschritten. Er wollte demnach möglichst viele Menschen töten. Nur sein Anschlagsziel hatte Yamen A. allerdings wohl noch nicht ausgewählt.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: "Nach allem, was wir wissen, erfolgte der Zugriff zum richtigen Zeitpunkt: spät genug, um Beweise zu sichern, und gleichzeitig früh genug, um die Gefahr zuverlässig zu bannen." Alle Beteiligten hätten "hervorragende Arbeit" geleistet, lobte der Minister die Ermittlungen und das Vorgehen der beteiligten Behörden.

Über die Arbeit des ihm ebenfalls unterstehenden Bamf sprach de Maizière nicht.


Anm. d. Red.: In der ursprünglichen Fassung dieser Meldung hieß es, Yamen A.s Asylantrag sei im April 2016 entschieden worden. So hatten es mehrere Medien berichtet. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bestätigte dies auf SPIEGEL-Anfrage zunächst, korrigierte seine Angaben nach der Veröffentlichung dieses Textes aber.

Richtig ist: Der Syrer stellte im Februar 2016 seinen Asylantrag - und noch im selben Monat erkannte das Bamf ihn in einem verkürzten Verfahren als Flüchtling an. Er musste dafür nur einen Fragebogen ausfüllen. Im März trat ein neues Gesetz in Kraft, wonach alle Asylbewerber wieder zwingend persönlich angehört werden müssen. Am 18. April 2016 erhielt Yamen A. vom Land Mecklenburg-Vorpommern eine zunächst auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis.

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