Festnahmen von Islamisten Mit Handschellen gegen die Terrorgefahr

Zugriffe in Wolfsburg, Dinslaken, Berlin: Seit den Anschlägen von Paris sind auch die Sicherheitsbehörden in Deutschland besorgt.

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Hamburg - Es gibt ein Video, das Ayub B. im Moment seiner Festnahme zeigt. Er trägt eine schwarze Baseballkappe und hat sich ein Tuch vor das Gesicht gebunden. Die rechte Hand reckt er zum Himmel, er schreit "Allahu akbar", wie die "Bild"-Zeitung berichtet. Wenig später setzen Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts den 26-Jährigen in einen schwarzen VW Passat und fahren mit ihm davon.

Der überstürzt erscheinende Zugriff in Wolfsburg vom Donnerstagabend, der notwendig geworden sein könnte, nachdem mehrere Medien über Ayub B. berichtet hatten, reiht sich nahtlos ein in die Ereignisse einer Woche großer Besorgnis. Nach den Anschlägen von Paris sind auch die deutschen Sicherheitsbehörden in Alarmstimmung. "Die Lage ist angespannter als sonst", sagt ein hochrangiger Beamter. "Wir fürchten, dass die Taten in Frankreich wie ein Brandbeschleuniger auf die Szene in Deutschland wirken könnten."

In einem Lagebericht warnte das Bundeskriminalamt (BKA) bereits am Montag davor, dass Einzeltäter in der Bundesrepublik Terrorakte begehen könnten. Es sei ebenfalls nicht auszuschließen, dass sich gerade junge Muslime mitreißen ließen. Die Dschihadisten verstünden es, die Verteidigung des Propheten sehr gezielt als religiöse Pflicht zu instrumentalisieren, hieß es in der Analyse. Jedoch gibt es bislang keine konkreten Hinweise auf Anschläge. Die Gefahr bleibe abstrakt, versichern alle Verantwortlichen unisono.

Gleichwohl gehen die Sicherheitsbehörden seit den Anschlägen von Paris sehr entschieden gegen die islamistische Szene in Deutschland vor:

  • Am Samstag verhaftete ein Spezialeinsatzkommando im nordrhein-westfälischen Dinslaken den 24-jährigen Nils D. Der Konvertit soll sich ein gutes Jahr lang in Syrien aufgehalten und sich dort dem "Islamischen Staat" (IS) angeschlossen haben. Im Winter 2014 kehrte er zurück nach Deutschland. Einige seiner Freunde aus der niederrheinischen Stadt starben nach Informationen von SPIEGEL ONLINE offenbar in dem Kriegsgebiet.
  • Am Montagabend stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung des Islamisten Gabriel K., 29, im Kölner Stadtteil Brück. Der Konvertit soll am Telefon mit einer Gewalttat gedroht haben. Weil die Ermittler in seiner Wohnung keine Schusswaffen fanden, ließen sie K. schnell wieder frei. In einem Gespräch mit SPIEGEL TV bestritt der Salafist hinterher, einen Anschlag geplant zu haben. Auch distanzierte er sich vom IS.
  • Am Dienstag fasste die Bundespolizei am Flughafen Düsseldorf den international gesuchten Islamisten Irfan D. Der 55-Jährige, der die niederländische und türkische Staatsbürgerschaft besitzt, soll für die "Islamische Bewegung Usbekistan" als Geldeintreiber gewirkt haben. Die USA hoffen nun auf die Auslieferung des Festgenommenen.
  • Am Donnerstag durchsuchten Ermittler in Pforzheim mehrere Wohnungen. Gegen die Verdächtigen wird nach Angaben der Justiz wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Es wurden Beweismittel beschlagnahmt, Festnahmen gab es nicht.
  • Am Freitagmorgen vollstreckte die Sonderkommission "Seminar" der Berliner Polizei zwei Haftbefehle gegen die islamistische Szene. Festgenommen wurde unter anderem Ismet D., der als selbsternannter "Emir" eine Extremistengruppe anführen soll. Der 41-Jährige wird verdächtigt, seine Schüler radikalisiert und für den Dschihad vorbereitet zu haben. Auch mit Geld und Material sollen D. und der für die Finanzen der Truppe zuständige Emin F., 43, die vermeintlichen Gotteskrieger unterstützt haben. Nach offiziellen Angaben stand Ismet D. zudem unmittelbar vor der Ausreise nach Syrien. Die Beamten hatten demnach bei Durchsuchungen Flugtickets gefunden.

Und dann eben auch der Wolfsburger Ayud B., ein Deutsch-Tunesier, der bei VW gearbeitet haben soll. Der Fußball spielte und Partys mochte - ehe er sich für den radikalen Islam entschied. B. durchlief nach Angaben der Bundesanwaltschaft zwischen Ende Mai und Mitte August 2014 eine Kampfausbildung in Syrien und soll weitere Dschihadisten geworben haben. Attentate in Deutschland plante aber auch er offenbar nicht.

Die große Sorge der Beamten ist jedoch, dass die Terroristen ihre Taktik geändert haben könnten. Dass sie nicht mehr komplizierte Bombenanschläge oder Flugzeugentführungen begehen wollen, sondern einfache, brutale Taten wie in Paris.

Dem Bundeskriminalamt zufolge gewinnt die Strategie des "individuellen Dschihads" stetig an Bedeutung. Sogenannte Lone Offender, also einzelne Angreifer, seien nur schwer aufzuspüren, ihre Taten kaum zu verhindern. In seinem vertraulichen "Gefährdungslagebild: Politisch motivierte Kriminalität" warnt das BKA vor dem "hohen Sicherheitsrisiko" der aus Syrien zurückkehrenden Dschihadisten und einer "anhaltenden Bedrohung" durch islamistische Terroristen.

Ein Staatsschützer fasst das Dilemma der Sicherheitsbehörden so zusammen: "Wir müssen immer Erfolg haben, die Terroristen nur einmal."

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