Terrorverdächtiger Fritz G. Die Heimat als Todfeind

Abgekapselt, radikalisiert, konvertiert - Fritz G. gilt als Rädelsführer der aufgedeckten Terrorzelle. Mit gigantischen Bomben wollte der 28-jährige Ulmer in Deutschland ein Inferno auslösen. Wie wurde aus dem Sohn aus gutem Hause ein Islamist und Anführer einer Terrorzelle? Eine Spurensuche.

Von und , Ulm


Berlin/Ulm – Es war vor etwa zwei Wochen, als der Ulmer Klaus Schütz* seinen ehemaligen Nachbarn aus der kleinen Dachwohnung in der Elisabethenstraße das letzte Mal sah. Mit einer Clique von anderen jungen Männern stand er an der Straßenkreuzung vor dem Mietshaus, in dem er bis zum Januar gewohnt hatte. Dann fuhr ein Kombi vor. Die sechs bis acht Leute stiegen ein und brausten davon.

Terrorverdächtiger Fritz G. (beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe): "Er war der Anführer"
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Terrorverdächtiger Fritz G. (beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe): "Er war der Anführer"

Gedacht hat sich Schütz dabei nichts. Am Mittwochabend sah er Fritz G. erneut - diesmal in den Abendnachrichten. In einem blauen Overall, mit Plastikhandschellen gefesselt.

Von vermummten BKA-Beamten wurde der junge Deutsche vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe aus einem Hubschrauber gezerrt, kurz darauf dem Haftrichter vorgeführt.

Der 28-jährige Fritz G., der sich seit seinem Übertritt zum Islam Abdullah nennt, soll der Anführer der festgenommenen Terroristen sein, die in Deutschland Anschläge planten.

Schütz ist schockiert. Ein Terrorist wohnte ganz in seiner Nähe - und nicht nur der Nachbar fragt sich jetzt: Wie konnte aus dem jungen unauffälligen Mann, der doch aus gutem Hause stammte, ein solcher Fanatiker werden?

Die Geschichte von Fritz G. ist die eines jungen Mannes, der sehr früh den Weg des strengen Islams einschlug, schon als Jugendlicher sich abkapselte - und die Probleme in seiner bürgerlichen Familie damit kompensierte, dass er radikaler wurde. Aus dem Sohn eines Ingenieurs und einer Ärztin wurde ein Suchender, der Antworten von Islamisten bekam: in Syrien, Saudi-Arabien, Pakistan. Am Ende wurde seine Heimat für ihn zum Todfeind.

Dass er seit langem von den Behörden beobachtet wurde, störte den mutmaßlichen Anführer der Terrorzelle gar nicht mehr. Er meinte, schlauer zu sein. Bis zum Schluss.

Für die Ermittler ist Fritz G. eindeutig der Kopf der aufgeflogenen Zelle, die im Verbund mit Extremisten in Pakistan in Deutschland zuschlagen wollte, möglicherweise gar für al-Qaida. "Er war der Anführer", sagt Innenstaatssekretär August Hanning, "der mit der größten Initiative, der Koordinator". Ein Fahnder erklärt, enorme kriminelle Energie habe Fritz G. getrieben, voll von Hass und kaltblütig, bis zu seiner Festnahme. Besessen nennt der ausgewiesene Terrorfachmann Hanning Fritz G. - besessen von seinem Plan, so viele Menschen wie möglich zu töten.

Innerhalb der Zelle war G. nicht nur der Entschlossene, sondern auch der entscheidende Kontaktmann ins Ausland. Englische und teils arabische E-Mails, die die Polizei mitlesen konnte, lassen ihn als den Kommunikator der Gruppe erscheinen. Er benutzte den Trick, E-Mails nicht abzuschicken und in einem für Komplizen zugänglichen Online-Ordner abzulegen. Darum schien ihm die Kommunikation mit vermutlich zwei Führern der "Islamic Jihad Union" (IJU) sicher. Hinter den beiden Personen, von denen nur Aliasnamen bekannt sind, vermuten die Fahnder die Drahtzieher des Plans. Ob diese aber je identifiziert werden können, ist ungewiss.

Der Weg in den radikalen Islam beginnt früh im Leben des jungen Mannes. Am 1. September 1979 kommt er in München zur Welt; schon mit 15 knüpft er erste Kontakte zum berüchtigten Multi-Kultur-Haus - seine Eltern sind gerade ins beschauliche Donau-Städtchen Ulm gezogen, lassen sich aber scheiden.

Dort predigen die Imame auf Deutsch, Fritz braucht kein langes Arabisch-Studium. Sie reden weniger vom Frieden der Religion, sondern vom Hass auf den Westen. Wahhabiten, die dem strengen Islam aus Saudi-Arabien huldigen, haben das Haus fest in der Hand. Fritz G. kommt immer häufiger hierher und konvertiert zum Islam.

Von nun an ist er nicht mehr der deutsche Fritz, sondern der Konvertit Abdullah, ein devoter Muslim durch und durch.

"Ihm ging es nur noch um das Ziel"

Schon damals wurde das Multi-Kultur-Haus intensiv beobachtet. Es war noch vor den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001, da machten Verfassungsschützer das Zentrum als Hort für radikale Islamisten aus. Auch die US-Dienste interessieren sich für Ulm und die Szene. Fritz G. fällt früh auf. Kurz nach dem 11. September taucht sein Name erstmals in den Akten der Terrorfahnder auf, weil der Todes-Pilot Mohammed Atta vor 9/11 in der Ulmer Szene zu Gast war. Von nun an gilt der junge Mann als "Gefährder", den man weiter beobachtet.

Die Eltern von Fritz G. wollen in diesen Tagen nicht über ihren Sohn sprechen. Der Vater bemerkt wegen der Komplettverglasung seines Betriebs für Solar-Anlagen jeden Besucher. Nein, er wolle nichts zu seinem Sohn sagen, erklärt er sehr ruhig und schließt die Tür. Seine Ex-Frau ist mittlerweile weggezogen, der ebenfalls zum Islam konvertierte Bruder arbeitet noch in dem Betrieb der Eltern. Ob Fritz G. mit seinen Eltern in letzter Zeit überhaupt noch Kontakt hatte, ist unklar.

In seinem Herzen aber hatte er, das wissen die Fahnder, mit seinem weltlichen Leben schon lange abgeschlossen. "Ihm ging es nur noch um das Ziel", sagt ein Fahnder, "und das war der Anschlag."

Fritz G. war in der islamischen Gemeinde in Ulm aktiv. In der Innenstadt verteilte er Ausgaben des Magazins "Denk Mal islamisch", einer Zeitschrift aus dem Umfeld des einschlägig bekannten "Islamischen Informationszentrums" (IIZ). In dem Blatt wird wie im Multi-Kultur-Haus der Wahhabismus gepriesen, Größen aus der Szene schreiben für das Blatt.



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