Festnahme in Schwerin Bombenpläne, Handyteile, "Mutter des Teufels" - der Fall Yamen A.

Die Bombenmischung gilt als bevorzugt unter Dschihadisten, die Wirkung wäre verheerend gewesen: Der Bundesgerichtshof hat Haftbefehl gegen den Terrorverdächtigen aus Schwerin erlassen - der Überblick.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen am Bundesgerichtshof vor der Ankunft des Terrorverdächtigen aus Schwerin.
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Hohe Sicherheitsvorkehrungen am Bundesgerichtshof vor der Ankunft des Terrorverdächtigen aus Schwerin.

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Die Attentäter von Paris nutzten ihn 2015, genauso wie die Angreifer von Brüssel im vergangenen Jahr. Triacetontriperoxid, kurz TATP genannt, gilt als beliebter Sprengstoff der Dschihadisten - und wird auch "Mutter des Teufels" genannt. Bei der Festnahme des Terrorverdächtigen Yamen A. in Schwerin stießen die Ermittler auf die Zutaten, die als Grundlage für das hochexplosive Gemisch dienen.

Mit einem Bombenanschlag wollte der 19-Jährige nach Angaben der Bundesanwaltschaft offenbar möglichst viele Menschen töten. Der Bundesgerichtshof erließ wegen des schwerwiegenden Terrorverdachts am Mittwoch Haftbefehl gegen den Syrer.

Noch sind nicht alle Details über die Anschlagspläne und den Verdächtigen bekannt: Ist er Teil eines größeren Netzwerks? Wie weit waren seine Anschlagspläne fortgeschritten? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist über den Terrorverdächtigen bekannt?

Der 19-jährige Syrer galt bisher als unauffällig. Zuletzt lebte er allein in einem Plattenbauviertel im Schweriner Stadtteil Neu Zippendorf. Dort nahmen schwerbewaffnete Spezialeinheiten der Bundespolizei und des Bundeskriminalamtes den Terrorverdächtigen am Dienstag fest und durchsuchten weitere Wohnungen.

Ansonsten ist das Bild des jungen Mannes noch bruchstückhaft. Die Behörden gaben bisher nur einige Details preis: So reiste Yamen A. im Herbst 2015 als Flüchtling nach Deutschland und stellte im Februar 2016 einen Asylantrag in Mecklenburg-Vorpommern. Im April erhielt er eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit subsidiärem Schutz.

Wieso hat sich Yamen A. radikalisiert?

Die Sicherheitsbehörden gehen bisher davon aus, dass der Verdächtige seine Pläne allein verfolgte - und sich demnach auch selbst radikalisierte. Kontakte zu Personen mit dschihadistischem Hintergrund schloss die Bundesanwaltschaft aber dennoch nicht komplett aus.

Zugriff in Schwerin
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Zugriff in Schwerin

Nach Angaben der Karlsruher Behörde hatte der 19-Jährige Kontakt zu einer Person im Internet, die sich selbst als "Soldat des Kalifats" bezeichnete, also als Anhänger der Terrororganisation "Islamischen Staates" (IS).

Warum durchsuchte die Polizei auch zeitgleich Wohnungen in Hamburg?

Einige Kontakte des Verdächtigen führen die Ermittler in die Hansestadt - es gilt als wahrscheinlich, dass Yamen A. häufiger in Hamburg war. Das berichten verschiedene Medien.

Im Hamburger Stadtteil Wandsbek vernahm die Polizei einen Mann - laut "Hamburger Abendblatt" soll er dem "islamistisch-dschihadistischen Milieu" zugeneigt gewesen sein. Vermutlich handele es sich aber nicht um ein hochrangiges Mitglied der deutschen Dschihadisten-Szene.

Dennoch stellt sich die Frage, ob es womöglich eine Verbindung zu dem islamistischen Messerstecher gab, der Ende Juli in Hamburg einen Menschen erstach und mehrere schwer verletzte. Dazu äußerte sich die Behörden bisher nicht.

Wie konkret waren die Anschlagspläne wirklich?

Laut Bundesanwaltschaft waren die Pläne schon weit fortgeschritten. Er wollte demnach möglichst viele Menschen töten. Nur sein Anschlagsziel hatte Yamen A. offenbar noch nicht ausgewählt.

Die Ermittler gehen davon aus, dass er spätestens im Juli den Entschluss fasste, einen Sprengsatz zu zünden. Danach begann er, die nötigen Chemikalien für den Sprengstoff TATP zu besorgen. Offensichtlich sollte Sprengstoff TATP als Treibladung dienen, also als Initialsprengstoff - und nicht als Hauptladung. Das lässt laut der Ermittler auf einen Sprengsatz mit einer hohen Wirkung schließen.

TATP lässt sich aus den leicht erhältlichen Chemikalien Aceton, Wasserstoffperoxid und Schwefelsäure herstellen. Auch der Terrorverdächtige Jaber al-Bakr aus Chemnitz, der sich später in einem Leipziger Gefängnis das Leben nahm, hantierte mit dem Gemisch.

In sozialen Netzwerken suchte der Terrorverdächtige nach genauen Bauplänen für die Sprengsätze - es folgten Bestellungen über das Netz. Neben den Zutaten besorgte der Verdächtige zwei Funkgeräte, Batterien und Handyteile. Womöglich wollte er den Sprengsatz per Fernzünder in die Luft sprengen. Ein Funkgerät sei bereits manipuliert worden, wie die Bundesgeneralanwaltschaft mitteilte. Die Behörde berichtet auch von einer rätselhaften Bestellung im September. So orderte der Terrorverdächtige noch einmal zehn Kilogramm Wasserstoffperoxid im Internet - kurz darauf stornierte er die Bestellung. Der Grund ist unklar.



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